Zusteller im Weihnachtsstress: «Man ist fix und fertig»
17.12.2025 - 05:00:23Ein Balanceakt vor dem Wohnhaus in Berlin-Karow: Auf dem einem Arm stapeln sich die Pakete, die andere Hand drĂŒckt auf die Klingel. Der TĂŒrsummer - schnell rein, die Treppe hoch, vier Stockwerke. «Hallo, hier ist Ihr Paket, danke, schönen Tag noch», sagt DHL-Paketbote Steve Josch und eilt die Treppe wieder herunter zum gelben Transporter. In der Weihnachtszeit darf er keine Zeit verlieren.Â
Die Sendungsmengen werden gerade vor Weihnachten «immer schlimmer», sagt der 45-JĂ€hrige. Pro Tag fĂ€hrt er fĂŒr die Deutsche Post DHL mehr als 200 Pakete aus, zu anderen Jahreszeiten sind es eher 150. Besonders belastend seien MehrfamilienhĂ€user ohne Aufzug. «Das PhĂ€nomen ist tatsĂ€chlich immer, dass die meisten, die viel bestellen, immer oben wohnen.»Â
«Man spart sich das Fitnessstudio»
Die Arbeit halte ihn zwar fit, sagt Josch, aber irgendwann gehe es auch «auf die Knochen». Der Paketbote macht den Job schon seit 16 Jahren. «Man ist fix und fertig, wenn man abends nach Hause kommt», berichtet er. «Man weiĂ, was man gemacht hat und man spart sich das Fitnessstudio, definitiv.»
Der Stress erreiche in der Weihnachtszeit einen Höchststand. «Man weiĂ, man hat Zeitdruck. Man muss Gas geben, sonst schafft man seine Tour am Tag nicht.» Seine Arbeitszeit betrĂ€gt laut Tarifvertrag siebeneinhalb Stunden pro Tag. Es gibt einen Korridor von 45 Minuten, den die Fahrerinnen und Fahrer zusĂ€tzlich nutzen können, um ihre Touren zu beenden. «Man will ja auch, dass die Kunden glĂŒcklich sind und ihre Pakete rechtzeitig erhalten.»
Möbelpacker ohne Dankbarkeit
Nicht selten muss Josch auch Pakete ĂŒber 30 Kilogramm schleppen. «Das Ă€rgert mich oder macht den Job einfach auch stressig, auch fĂŒr den Körper, weil du wirklich manchmal denkst, du bist Möbelpacker», sagt er. Teilweise liefert er KĂŒhlschrĂ€nke bis oben vor die HaustĂŒr. «Die Leute kommen auf die schĂ€rfsten Ideen, was sie sich da bestellen. Das ist gar nicht schön.»
Doch gerade fĂŒr junge Leute sei das eine SelbstverstĂ€ndlichkeit geworden. «SpĂŒrbare Dankbarkeit erfĂ€hrst du meistens von Ă€lteren Leuten», sagt Josch. «Also tatsĂ€chlich diejenigen, die kaum Geld haben, die kaum mehr laufen können, sind diejenigen, die dir entgegenkommen, die dir auch mal 50 Cent Trinkgeld geben.»Â
Eine Begegnung habe ihn sehr berĂŒhrt: Eine Ă€ltere, gehbehinderte Damen erhalte nahezu jede Woche Pflegematerial per Post. Es dauere schon eine Weile, bis sie an der TĂŒr ist. Die Pakete bei einer Filiale abzuholen wĂ€re fĂŒr sie daher eine Tortur, meint Josch. «Die kam wirklich an und hat mir einfach mal wirklich ein etwas gröĂeres Trinkgeld gegeben und hat sich tausendmal bedankt, dass ich mir auch immer die Zeit nehme, vor der TĂŒr zu warten.» Das habe ihn sehr gerĂŒhrt, «da kamen mir fast die TrĂ€nen, weil die Dame wirklich so dankbar war.» Schön, aber eine Ausnahme.Â
Von Weihnachtsstimmung zum Grinch
Auch DHL-Paketbotin Kerstin Klein macht die fehlende WertschĂ€tzung zu schaffen. «FrĂŒher hat man auch eine kleine Schokolade oder einfach nur ein nettes Wort gekriegt», erzĂ€hlt die 41-JĂ€hrige aus mehr als neun Jahren Berufserfahrung. «Heutzutage wird einfach nur noch das Paket angenommen und wird die TĂŒr zugeknallt. Das ist wirklich traurig mittlerweile.»
Die fehlende Dankbarkeit gepaart mit der gestiegenen Paketzahl lĂ€sst bei Klein keine Weihnachtsstimmung aufkommen. «Die letzten Jahre hatte ich immer eine WeihnachtsmĂŒtze zu der Dezemberzeit an», sagt die Zustellerin. Diese Zeiten sind vorbei: «Die Arbeit hat mich echt zum Grinch gemacht.» Nun ziert der grantige Griesgram, der dem gleichnamigen Kinderfilm zufolge Weihnachten verabscheut, ihre MĂŒtze â zusammen mit der Aufschrift «Halt's Maul».
Wie man Paketboten entlasten kann
Klein und Josch wĂŒnschen sich, dass die Kunden ihnen mehr WertschĂ€tzung entgegenbringen. Das fange bei einem «Danke» an, aber auch kleine Aufmerksamkeiten oder Trinkgeld könnten das zum Ausdruck bringen. Zudem gebe es mehrere Möglichkeiten, die Zusteller zu entlasten: ein Stockwerk entgegenkommen, Tage fĂŒr die Lieferung angeben, an denen auch wirklich jemand zu Hause ist oder direkt eine Packstation oder Filiale auswĂ€hlen.Â
Rentner Bernd Wendland ist der Stress der Paketboten bewusst. Er versucht sie zu entlasten, indem er möglichst viele Pakete auch fĂŒr die Nachbarn annimmt. «Also ich bin dafĂŒr sehr dankbar, wenn ich etwas GröĂeres bestelle und es wird dann gebracht. Weil mit 69 ist man nicht mehr so wie mit 29», sagt der Berliner. DafĂŒr gebe er auch gerne Trinkgeld, Schokolade oder ein PĂ€ckchen Kaffee.
Die Gesellschaft Verdi fordert von der Politik eine Regelung, dass eine Person keine Pakete mit mehr als 20 Kilogramm zustellen sollte. Bei schwereren Lieferungen sollten demnach zwei Paketboten zusammenarbeiten. AuĂerdem fordert Verdi ein Subunternehmerverbot, um teils prekĂ€re Arbeitsbedingungen in der Branche aufzuheben.


