'Es ist genug' - Krisen-BautrÀger China Evergrande wird aufgelöst
29.01.2024 - 07:32:14 | dpa.de(Mehr Details)
HONGKONG (dpa-AFX) - Linda Chan hat es gereicht: In der chinesischen Immobilienkrise hat die Hongkonger Richterin die Auflösung des hoch verschuldeten Konzerns China Evergrande KYG2119W1069angeordnet. Ein entsprechendes Urteil fĂ€llte Chan am Montag in der chinesischen Sonderverwaltungszone und folgte damit dem Antrag der GlĂ€ubiger. China Evergrande landete wegen nicht bezahlter Kredite vor Gericht. Einen Vorschlag, die im Verfahren verhandelten Schulden des sĂŒdchinesischen Konzerns im Wert von etwa 23 Milliarden US-Dollar (ungefĂ€hr 21,2 Mrd Euro) umzustrukturieren, lehnten die im Ausland sitzenden GlĂ€ubiger mehrmals ab.
Die Anhörung habe eineinhalb Jahre gedauert, und die Firma sei immer noch nicht fĂ€hig, einen konkreten Vorschlag fĂŒr eine Restrukturierung vorzubringen, sagte Chan, wie die "South China Morning Post" berichtete. "Ich denke, es ist Zeit fĂŒr das Gericht zu sagen, genug ist genug", sagte sie demnach. Chan gab dem mit umgerechnet mehr als 300 Milliarden US-Dollar weltweit am höchsten verschuldeten Konzern mehrmals Aufschub, um eine Lösung zu finden. Evergrande kann gegen das Urteil in Berufung gehen. Bis zu einer Entscheidung wĂŒrde der Abwicklungsprozess allerdings erst einmal eingeleitet werden.
An der Hongkonger Börse rauschte das Papier der Evergrande Group am Montag in die Tiefe. Der Handel mit der Aktie wurde gestoppt. Die Abwicklung Evergrandes könnte auf den MĂ€rkten, denen Peking jĂŒngst versuchte, wieder auf die Beine zu helfen, Wellen schlagen und das Vertrauen in den chinesischen Immobilienmarkt weiter schwĂ€chen.
So könnte es weitergehen
Als nĂ€chstes beginnt die Suche nach einem Insolvenzverwalter. Dieser verkauft die Anlagen des Unternehmens, um damit die Schulden an die GlĂ€ubiger zu bezahlen. Dass die GlĂ€ubiger ĂŒbrigens in Hongkong vor Gericht zogen, lag daran, dass Evergrande an der dortigen Börse gelistet ist. Ob das Urteil jedoch in Festlandchina, wo viel Vermögen des Konzerns sitzt und ein anderes Rechtssystem herrscht, umgesetzt wird, ist unklar. FĂŒr einen Verwalter könnte es schwer werden, am offiziellen Firmensitz im sĂŒdchinesischen Guangzhou personelle Entscheidungen zu treffen.
FĂŒr die GlĂ€ubiger könnten die Aussichten eher schlecht stehen, viel von ihrem Geld wieder zu bekommen. Eine andere Möglichkeit wĂ€re, dass der Verwalter einen neuen Plan erarbeitet, die Schulden bei den Auslandskreditgebern umzubauen. Allerdings mĂŒsste dafĂŒr feststehen, dass der Konzern noch genug Anlagen hat, oder es mĂŒsste ein "WeiĂer Ritter" auftauchen, also ein Investor mit dem nötigen Geld.
Was der Fall Evergrandes fĂŒr China bedeutet
Die Krise bei China Evergrande und im Immobiliensektor lastet schwer auf der chinesischen Wirtschaft. "In China Evergrade manifestiert sich die aktuelle Immobilienkrise in konzentrierter Form", sagt Chefökonomin Wang Dan von der Hang Seng HK0000004322 Bank China. FĂŒr die Volksrepublik war Bauen einer der wichtigsten Konjunkturtreiber. Der Immobilienbereich macht der Expertin zufolge mehr als 20 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung aus. 2023 legte die zweitgröĂte Volkswirtschaft der Welt nach offiziellen Zahlen um 5,2 Prozent zu. In diesem Jahr könnte das Wachstum laut der Weltbank allerdings deutlich niedriger ausfallen.
Zudem war die Branche ein wichtiger Anlaufpunkt fĂŒr arbeitsuchende Uniabsolventen. Mit wenigen Voraussetzungen lieĂ sich hier laut Wang gutes Geld verdienen, etwa als Makler oder als Angestellter in einer groĂen Immobilienfirma. Da der krĂ€nkelnde Sektor seine Rolle als Arbeitsbeschaffer mittlerweile verloren hat, trĂ€gt er nun zur hohen Arbeitslosigkeit unter jungen Leuten bei. "Viele Studenten finden heute keine Jobs mehr und werden vielleicht Taxifahrer", sagt Wang.
Immobilienkrise bis in Banken und Firmen verzweigt
AuĂerdem droht laut Wang den mehr als 4000 chinesischen Banken Ungemach. Ihre nicht zurĂŒckgezahlten Schulden seien mehr oder weniger mit Immobilien oder Anleihen der Lokalregierungen verbunden. Wenn der Markt fĂŒr Immobilien einbreche, erhöhe sich der Druck auf die Banken deutlich. Doch damit ist nicht Schluss: Wenn viele Firmen sich von Banken Geld leihen, hinterlegen sie als Sicherheit meist Immobilien, wie Wang erklĂ€rt. Nun sei der Wert der Immobilien und damit der Sicherheiten gesunken, was bedeute, dass viele Firmen auch LiquiditĂ€tsprobleme hĂ€tten, sagt sie.
Im Fall von China Evergrande kam erschwerend hinzu, dass die chinesischen Behörden gegen den Konzern zu ermitteln begannen. Der Vorstandsvorsitzende und einst Asiens reichster Mann, Hui Ka Yan, steht wegen "illegaler Verbrechen" im Fokus der Untersuchung. Ein Verbot untersagte dem Unternehmen zudem, Dollar-Anleihen auszugeben, was ein wichtiger Teil des Sanierungsplans war.
Wie es ĂŒberhaupt zu der Krise kam
In den Boom-Jahren nach der Jahrtausendwende investierten viele Chinesen in Immobilien, weil sie mehr StabilitĂ€t als der Aktienmarkt versprachen. Die BautrĂ€ger steckten ihre sprudelnden Einnahmen direkt in neue Projekte. Menschen hatten schon Wohnungen gekauft, die noch gar nicht fertig waren - und nun vielleicht auch nicht mehr fertig werden. Da die Wirtschaft seit der Corona-Pandemie schwĂ€chelt und die Menschen weniger Geld ausgeben, gingen auch die Einnahmen der BautrĂ€ger deutlich zurĂŒck. Dadurch konnten sie ihre Schulden nicht mehr begleichen. Die Regierung versuchte zuletzt, mit Lockerungen bei der Kreditvergabe Kaufanreize zu schaffen. Laut Berichten soll es auch eine Liste mit angeschlagenen Firmen geben, in die Banken investieren sollen, um ihnen aus der Misere zu helfen.
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