Mehrwertsteuersenkung: Österreich senkt Satz auf Grundnahrungsmittel ab Juli
15.06.2026 - 07:39:07 | boerse-global.de
Die Regierung senkt den Steuersatz auf Grundnahrungsmittel von zehn auf 4,9 Prozent. Die Entlastung soll Konsumenten spürbar helfen – doch die Umsetzung bereitet der Branche Kopfzerbrechen.
Bäckereien vor komplizierter Steuer-Trennung
Die neue Regelung zwingt Betriebe zu aufwendigen Anpassungen. Der ermäßigte Satz gilt für einfache Backwaren wie Semmeln und für Butter. Nicht darunter fallen aber veredelte Produkte. Bäckereien müssen für Buttersemmeln oder Handsemmeln weiterhin den höheren Steuersatz berechnen.
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Die feine steuerliche Differenzierung sorgt für komplexe Abgrenzungsfragen. Unternehmen müssen ihre Abrechnungssysteme und Preiskalkulationen umstellen. Experten warnen vor erheblichen Schwierigkeiten im Arbeitsalltag. Die Kosten der Steuersenkung beziffert die Regierung auf rund 400 Millionen Euro.
Budgetpaket mit mehreren Stellschrauben
Finanzminister Marterbauer präsentierte das Maßnahmenbündel Mitte Juni in einer fast 98-minütigen Budgetrede. Die Koalition aus ÖVP, SPÖ und Neos will bis 2028 Einsparungen von 2,5 Milliarden Euro erreichen. Ziel ist die Beendigung des EU-Defizitverfahrens.
Gleichzeitig sind Offensivmaßnahmen im selben Umfang geplant. Dazu gehören Investitionen in das zweite Kindergartenjahr und eine Senkung der Lohnnebenkosten. Zur Gegenfinanzierung dienen mehrere Steueranpassungen:
- Die Körperschaftsteuer steigt für Unternehmen mit Gewinnen über einer Million Euro von 23 auf 24 Prozent
- Der Dienstgeberbeitrag zum Familienlastenausgleichsfonds sinkt von 3,7 auf 2,7 Prozent – das belastet das Budget mit rund zwei Milliarden Euro jährlich
- Die Bankenabgabe wird verlängert und soll jährlich 300 Millionen Euro einbringen
Zudem plant die Regierung Anpassungen bei der Immobilienertragsteuer und der Wegzugsbesteuerung. Auch der Sachbezug für Elektroautos soll geändert werden.
Experten zweifeln an Budgetzielen
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Wirtschaftsforschungsinstitute zeigen sich skeptisch. Die Oesterreichische Nationalbank bezweifelt, dass das Defizitziel von drei Prozent des BIP bis 2028 erreichbar ist. Sie prognostiziert stattdessen 3,8 Prozent. Das Institut für Höhere Studien rechnet mit einem Defizit zwischen 3,2 und 3,3 Prozent.
Die OeNB empfiehlt tiefgreifende Reformen im Pensions- und Gesundheitssystem. Sozialpolitische Analysen des Momentum Instituts zeigen zudem eine ungleiche Belastung durch Konsumsteuern. Das ärmste Zehntel der Haushalte gibt rund 14,6 Prozent seines Einkommens für indirekte Steuern aus. Beim reichsten Zehntel sind es nur 4,9 Prozent.
Eine Sanierung des Budgets über Konsumsteuern trifft einkommensschwache Haushalte demnach überproportional stark. Steuerberater und Wirtschaftsprüfer informierten bereits Mitte Juni in Fachveranstaltungen über die anstehenden Umstellungen. Neben den Mehrwertsteueränderungen treten im Juli eine Rentenerhöhung um 4,24 Prozent sowie Anpassungen bei der Ticketsteuer für Flüge in Kraft.
