Krieg, Israels

Wie der Krieg Israels Wirtschaft trifft

03.11.2023 - 07:39:50

Menschenleere StrĂ€nde, geschlossene LĂ€den und ausgestorbene BĂŒrorĂ€ume. Der Krieg macht sich in Israels Wirtschaft deutlich bemerkbar. Deutsche Unternehmen fahren derweil auf Sicht.

Morgens Uniform, abends Online-Konferenzen: FĂŒr den ehemaligen Oberst einer israelischen Eliteeinheit, Bobi Gilburd, gehörte das in den vergangenen drei Wochen zum Alltag. «Sobald der Dienst vorbei war, zog ich mich um, setzte mich in mein Auto vor der MilitĂ€rbasis und rief Kunden in den USA oder Europa an», sagt der 45-JĂ€hrige, der 26 Jahre in Israels Eliteeinheit des Cyber-Geheimdiensts 8200 gearbeitet hat. Eigentlich sei er nun in der freien Wirtschaft tĂ€tig, aber wegen des Kriegs gegen die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas zum MilitĂ€r zurĂŒckgekehrt.

Seit ein paar Tagen sitzt er wieder in seinem BĂŒro in Tel Aviv. Wie lange, weiß er nicht. Zehn Prozent der Angestellten seiner Hightech-Firma zĂ€hlen zu den mehr als 300.000 einberufenen Reservisten im Land. «Wir können es uns nicht leisten, nicht mehr zu arbeiten», sagt Gilburd. Viele seiner Kollegen arbeiten vom Handy oder dem Laptop von der Front aus. Seit Kriegsbeginn am 7. Oktober habe man jede Deadline eingehalten. Die meisten GesprĂ€che fĂ€nden nun online statt, oft auch abends. «Die Kunden bringen aber sehr viel VerstĂ€ndnis mit, sie wissen, wir sind hier im Krieg.» Das gelte auch bei Raketenalarm. «UnzĂ€hlige Meetings wurden unterbrochen, aber so ist das eben», sagt Gilburd.

Die ProduktivitĂ€t aufrechtzuerhalten, sei extrem wichtig. Sein Unternehmen arbeitet im Bereich Cybersicherheit. «Die Branche entwickelt sich so rasant, wir können nicht sagen, wir sind dann mal weg und in ein paar Monaten wieder zurĂŒck.»

Zugpferd der Wirtschaft: Tech-Branche betroffen

Die Start-up- und Hightech-Branche in dem Zehn-Millionen-Einwohnerland gilt als treibender Motor der israelischen Wirtschaft. Im vergangenen Jahr machte sie laut israelischer Innovationsbehörde mehr als 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus und rund 50 Prozent der Exporte.

Gerade dort seien viele junge Menschen beschĂ€ftigt, die nun an die Front gerĂŒckt seien, sagt Andrea Frahm, ReprĂ€sentantin des Bundesverbands mittelstĂ€ndische Wirtschaft (BVMW) in Tel Aviv. Unmittelbare Folgen habe der Krieg aber auch auf Branchen wie Tourismus und Handel, wo zum Teil Kurzarbeit herrsche.

Mehr als die HĂ€lfte der Unternehmen im Land beklagt laut israelischem StatistikbĂŒro heftige Einbußen. Landwirtschaftsbetriebe und Baustellen stĂŒnden besonders im Grenzgebiet komplett still, sagt Eran Yashiv, Ökonom an der UniversitĂ€t Tel Aviv. Rund eine Viertel Million Israelis haben wegen des Kriegs ihren Wohnort verlassen. Die HĂ€lfte davon nimmt an staatlich finanzierten Evakuierungsprogrammen teil. Dazu kommen die Kosten fĂŒr den Wiederaufbau zerstörter StĂ€dte.

Auch der Tourismus kam seit Kriegsbeginn weitgehend zum Erliegen. Leere StrĂ€nde in Tel Aviv sowie eine ausgestorbene Altstadt Jerusalem zeigen das Ausmaß. Kaum noch eine Fluggesellschaft fliegt Israel an. Die wenigen Reisenden, die am Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv landen, berichten von leeren Terminals. Der israelische Schekel hat den tiefsten Stand zum Dollar seit mehr als 20 Jahren erreicht. Die US-Bank JPMorgan schĂ€tzt, dass Israels Wirtschaftsleistung in diesem Quartal im Jahresvergleich um elf Prozent schrumpfen könnte.

Laut Ökonom Yashiv ist es noch zu frĂŒh fĂŒr Prognosen. «Alles hĂ€ngt vom weiteren Kriegsverlauf ab.» Die Folgen fĂŒr Israels Wirtschaft könnten schwerer sein als bei vorherigen Kriegen. Entscheidend sei, ob sich weitere Fronten verschĂ€rfen, wie etwa mit der libanesischen Hisbollah-Miliz oder, ob sich der Iran noch direkter beteiligt.

Direkte Auswirkungen auf deutsche Unternehmen

Der Krieg trifft auch deutsche Unternehmen, die in Israel aktiv sind. «Einige fahren erstmal auf Sicht und warten mit geplanten Investitionen ab», sagt BVMW-ReprĂ€sentantin Frahm. «Viele Expats sind abgereist und arbeiten vorerst von Deutschland aus.» Dass Firmen nun ihre GeschĂ€fte in Israel im großen Stil aufgeben, beobachtet Frahm aber nicht. Gerade in der Hightech-Branche bestĂŒnden enge Verbindungen zwischen Israel und Deutschlands Mittelstand. «Wir arbeiten nun daran, in den nĂ€chsten Monaten geplante Konferenzen und Veranstaltungsformate zwischen Hightech- und Industriefirmen umzuplanen oder auf unbestimmte Zeit zu verschieben.»

Deutschland und Israel fĂŒhren wirtschaftlich enge Beziehungen - wenngleich Israel ein relativ kleiner Handelspartner der Bundesrepublik ist. 103 deutsche Firmen sind laut Bundesbank mit Niederlassungen und etwa 10.000 BeschĂ€ftigten in Israel vertreten.

Wegen des Kriegs gibt es in Deutschland schon Vorsichtsmaßnahmen. So analysiert das Bonner Bundesinstitut fĂŒr Arzneimittel und Medizinprodukte die Gefahr möglicher LieferausfĂ€lle aus Israel. Aktuell liege bei acht Wirkstoffen ein «potenziell einschrĂ€nkender Sachverhalt» vor, die nun gesondert geprĂŒft werden. Der israelische Pharmakonzern Teva gibt an, die Produktion sei «noch weitgehend unbeeintrĂ€chtigt». Das Unternehmen, das als weltweit fĂŒhrend bei Nachahmer-Arzneien gilt und in Deutschland mit Ratiopharm vertreten ist, hĂ€lt «NotfallplĂ€ne mit Backup-Produktionsstandorten bereit».

Optimismus trotz Krieg

Der PrĂ€sident von Israels Zentralbank, Amir Yaron, Ă€ußerte sich trotz allem optimistisch: «Die israelische Wirtschaft ist robust und stabil.» Man habe es frĂŒher verstanden, sich von schwierigen Zeiten zu erholen und schnell zu Wohlstand zurĂŒckzukehren. «Ich habe keinen Zweifel daran, dass dies auch dieses Mal der Fall sein wird.»

Davon ist auch Oberst Bobi Gilburd ĂŒberzeugt. Er beobachte viel KreativitĂ€t. «Soldaten von der Front rufen mich an und sagen, sie haben diese oder jene neue Idee». Er sei sicher, dass die eine oder andere nach dem Krieg in neue Unternehmen mĂŒnden werde.

@ dpa.de