Mercedes-Benz: Betriebsrat bringt 30-Stunden-Woche in Untertürkheim ins Spiel
Veröffentlicht am: 26.09.2026 um 09:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Im Vorfeld eines richtungsweisenden Treffens bereitet die Arbeitnehmervertretung von Mercedes-Benz einen Vorschlag für eine 30-Stunden-Arbeitswoche vor. Der Vorstoß steht im scharfen Kontrast zu den Plänen der Konzernführung und verdeutlicht die zunehmenden Spannungen zwischen Vorstand und Belegschaft über die künftige Ausrichtung und Kostenstruktur der deutschen Standorte.
Gegensätzliche Positionen vor der Betriebsversammlung
Am Standort Untertürkheim soll das Modell einer verkürzten Arbeitswoche auf einer für den 28. September 2026 erwarteten Betriebsversammlung thematisiert werden. Während der dortige Betriebsrat die 30-Stunden-Woche ins Spiel bringt, fordert Vorstandschef Ola Källenius eine Ausweitung auf 40 Wochenstunden ohne zusätzlichen Lohnausgleich.
Auch Aufsichtsratschef Martin Brudermüller plädiert für eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. Derzeit regelt der Tarifvertrag mit der IG Metall eine 35-Stunden-Woche, deren Abschaffung das Management anstrebt.
Zwischen der Unternehmensleitung und den Arbeitnehmervertretern besteht in der Arbeitszeitfrage bislang keine Einigkeit. Das Management verweist auf Kostennachteile der heimischen Fertigung gegenüber ausländischen Standorten: Laut Berichten belaufen sich die Arbeitskosten in Deutschland auf 49,50 Euro pro Stunde, während das Werk im ungarischen Kecskemét bei 15,60 Euro pro Stunde liege.
Zudem verzeichnet der Autobauer im chinesischen Markt Einbußen, nachdem die Verkäufe dort um 27 Prozent und die Gewinne über drei Jahre um 50 Prozent sanken.
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Kürzungspläne und Drohung mit Werksschließungen
Hintergrund des Konflikts sind weitreichende Sparziele des Automobilherstellers. Nach Angaben aus Branchenkreisen beabsichtigt Mercedes-Benz, die Arbeitskosten in Deutschland um bis zu 800 Millionen Euro zu senken.
Vorgesehen seien neben einer längeren Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich auch Eingriffe in das Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie die Streichung von Sonderzahlungen. Das Unternehmen lehnte eine Bestätigung dieser Summe ab und verwies auf laufende Gespräche, über deren Ergebnisse erst nach Abschluss informiert werde.
Produktionsvorstand Michael Schiebe warnte auf einer Betriebsversammlung in Sindelfingen vor harten Konsequenzen. Sollte die angestrebte Kostenreduktion scheitern, drohe die Schließung von zwei deutschen Standorten – konkret einem Fahrzeug-Montagewerk und einem Powertrain-Werk.
Konkrete Werksnamen oder ein genauer Zeitplan wurden nicht genannt. Zu den deutschen Produktionsstätten zählen die Aufbauwerke in Sindelfingen, Rastatt und Bremen sowie Komponenten- und Antriebswerke in Untertürkheim, Berlin und Hamburg.
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Suche nach Kompromissen und drohende Tarifauseinandersetzung
Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali lotet unterdessen mögliche Kompromisslinien aus. Er schlug vor, die Arbeitszeit befristet auf maximal zwei Jahre um wöchentlich zwei Stunden zu erhöhen, sofern das Management im Gegenzug feste Investitionen, Produktzusagen und eine Standortsicherung garantiert.
Eine Betriebsratssprecherin betonte, dass in den aktuellen Sondierungsgesprächen noch keine Beschlüsse gefasst seien. Für tragfähige Vereinbarungen sei zudem die Zustimmung der IG Metall zwingend erforderlich.
Der Widerstand der Arbeitnehmerseite formiert sich bereits über die Betriebsgremien hinaus. Am 21. September 2026 beteiligten sich rund 175.000 Beschäftigte an einem bundesweiten Aktionstag der IG Metall mit 280 Veranstaltungen, darunter Großkundgebungen mit mehr als 20.000 Teilnehmern in Sindelfingen und über 5.000 in Untertürkheim.
Für den 26. September 2026 kündigte der Deutsche Gewerkschaftsbund weitere Aktionen in 15 Städten an. Die regulären Tarifverhandlungen für die Branche starten am 7. Oktober 2026; ab dem 1. November 2026 sind Streikmaßnahmen rechtlich zulässig.
