Mietgesetz in Portugal: Regierung will den Mietdeckel von 2 Prozent streichen
Veröffentlicht am: 06.11.2026 um 23:32 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn Portugal haben Tausende Menschen in den Metropolen Lissabon und Porto gegen die anhaltende Wohnungsnot und drastisch steigende Mieten demonstriert. Die Proteste richten sich insbesondere gegen ein Gesetzesvorhaben der konservativen Minderheitsregierung, das den Wohnungsmarkt weiter deregulieren soll, sowie gegen das Vorgehen der SicherheitskrÀfte bei der RÀumung von Protestcamps in den InnenstÀdten.
Protestcamps harren in den Zentren aus
Im Zentrum der Protestbewegung stehen Zeltlager auf zentralen PlÀtzen beider StÀdte. Die sogenannte Acampada Lissabon hÀlt seit dem 17. Oktober 2026 tÀglich Zelte auf dem Rossio aufrecht. Trotz Regens und KÀlte errichteten Aktivisten dort mindestens 180 Zelte, von denen zuletzt rund 80 Zelte verblieben.
Die Stadtverwaltung unter BĂŒrgermeister Carlos Moedas bot der Bewegung vergeblich an, auf ein einziges Zelt am Rossio zu reduzieren oder auf AusweichflĂ€chen wie den Largo de SĂŁo Domingos, Martim Moniz oder Restauradores umzuziehen. Die Demonstrierenden lehnten ein Verlassen des Platzes zugunsten der anstehenden WeihnachtsmĂ€rkte jedoch ab.
FĂŒr ein Zelt hatte ein Gericht bereits am 2. November 2026 entschieden, dass dieses bis zum 24. November 2026 auf dem Rossio verbleiben darf, da Zelte im öffentlichen Raum dem Demonstrationsrecht entsprechen können.
In Porto besetzt die dortige Acampada seit dem 10. Oktober 2026 die Praça D. JoĂŁo I mit rund 50 Zelten und tĂ€glichen Volksversammlungen. Eine behördliche Aufforderung zur RĂ€umung fĂŒr den Weihnachtsmarkt wies die Bewegung ebenfalls zurĂŒck.
Stattdessen bauten Demonstrierende eine ĂŒber Stahlseile gespannte Plane und vier groĂe Zelte fĂŒr die Infrastruktur auf, darunter zwei Zelte fĂŒr Versammlungen, zwei fĂŒr eine Volkskantine mit hunderten Mahlzeiten tĂ€glich sowie ein SanitĂ€tszelt.
Streit ĂŒber das Mietgesetz der Regierung
Auslöser der Zuspitzung ist ein in erster Lesung verabschiedetes Gesetzesvorhaben der Regierung. Die Reform sieht vor, den bisherigen Mietdeckel von 2 Prozent abzuschaffen, ZwangsrÀumungen zu erleichtern, Kautionen unbegrenzt freizugeben und Vorauszahlungen von bis zu drei Monatsmieten zu gestatten.
Vorgesehen ist zudem die Definition einer sogenannten moderaten Miete von 2.200 Euro beziehungsweise bis zu 2.300 Euro. Dem steht ein medianes Haushaltseinkommen zweier Personen von rund 2.100 Euro gegenĂŒber.
Wer sich mit dem Thema Mietpreisanpassungen befasst, sollte die rechtlichen Rahmenbedingungen genau kennen. Dieser kostenlose Experten-Report klĂ€rt auf, wie Mietpreise korrekt eingeordnet und rechtssicher begrĂŒndet werden können. Mietspiegel-Analyse 2026 jetzt gratis herunterladen
Verhandlungen von Premierminister LuĂs Montenegro mit den Parteien PS und Chega endeten am 5. November 2026 ohne Durchbruch. Die Regierung beharrt auf der Mieten-Obergrenze von 2.300 Euro, zeigte sich jedoch offen fĂŒr einen Vorschlag der PS, VerĂ€uĂerungsgewinne aus Zweitwohnungen bei einem Kauf als Hauptwohnsitz im Wert von bis zu 300.000 Euro fĂŒr drei Jahre von der Einkommensteuer IRS zu befreien. PS-GeneralsekretĂ€r JosĂ© LuĂs Carneiro stellte fest, dass keine Einigung auf ein von Grund auf neues Mietgesetz erzielt worden sei.
Die Volksversammlung in Porto bezeichnete die RegierungsgesprĂ€che als Fassade und fordert die vollstĂ€ndige RĂŒcknahme des Vorhabens, das Ende von RĂ€umungen ohne Ersatzwohnraum, einen Stopp fĂŒr KĂ€ufe durch Immobilienfonds, den Ausbau des öffentlichen Wohnungsbaus sowie Mietobergrenzen und ein Verbot von Kurzzeitvermietungslizenzen in WohngebĂ€uden.
Auch abseits politischer Reformvorhaben fĂŒhren formale Fehler bei der Mietanpassung oft zu rechtlichen Auseinandersetzungen. Dieser kostenlose Leitfaden bietet eine rechtssichere Muster-Vorlage und erklĂ€rt alle relevanten Fristen fĂŒr eine korrekte Umsetzung. Kostenlose Anleitung zur rechtssicheren Mieterhöhung sichern
Daten der OECD unterstreichen den Druck auf den Markt: Demnach ist Portugal das schwierigste Land fĂŒr einen Immobilienkauf unter den 38 OECD-Mitgliedsstaaten. Im Zentrum Lissabons stiegen die Mieten in den vergangenen zehn Jahren um 120 Prozent und die Kaufpreise um 100 Prozent. Allein im Jahr 2026 legten die Mietpreise um 30 Prozent zu.
Kritik an harten PolizeieinsÀtzen
Bereits am Abend des 3. November 2026 hatten Tausende vor dem Parlament in Lissabon demonstriert. Bei drei nĂ€chtlichen RĂ€umungen durch die Polizei PSP, unter anderem am 15. und 25. Oktober 2026, kamen Pfeffergas und Gummigeschosse zum Einsatz. Nach Angaben von Organisationen gab es rund 90 Festnahmen und hunderte Verletzte, wĂ€hrend die Polizei ihr Vorgehen als verhĂ€ltnismĂ€Ăig verteidigte.
Aktivisten fordern den RĂŒcktritt von Innenminister LuĂs Neves. PrĂ€sident AntĂłnio JosĂ© Seguro verurteilte die Gewalt und lud Demonstranten aus Porto zu einem Dialog ein. Juristen kritisieren die Razzien derweil als verfassungswidrig, da sich die Behörden auf ein Dekret aus dem Jahr 1974 stĂŒtzen, das Proteste nach 0:30 Uhr untersagt.
Die Staatsanwaltschaft ersuchte das Verfassungsgericht um PrĂŒfung der Norm und erwog die Einstellung der Verfahren gegen Dutzende Festgenommene, was die Mehrheit der Betroffenen jedoch ablehnte, um die RechtmĂ€Ăigkeit vor Gericht klĂ€ren zu lassen.
