Mehr auslĂ€ndische BeschĂ€ftigte fĂŒr Deutschland?
01.03.2024 - 10:15:00 | dpa.de"FachkrĂ€fte mit Abschluss und Berufserfahrung können dann auch ohne vorheriges Anerkennungsverfahren einreisen und in Deutschland arbeiten", sagte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Innenministerin Nancy Faeser und Arbeitsminister Hubertus Heil (beide SPD) werteten den Schritt als einen wichtigen Baustein, um der FachkrĂ€ftelĂŒcke in Deutschland etwas entgegenzusetzen.
Den Fakt ist: In vielen Berufsfeldern funktioniert der Arbeitsmarkt in Deutschland seit Jahren nur dank Menschen mit auslĂ€ndischen Wurzeln. Vor allem in Reinigungsberufen (60 Prozent) und in der Gastronomie (46 Prozent) gebe es ĂŒberdurchschnittlich viele ErwerbstĂ€tige mit Einwanderungsgeschichte, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag auf Basis von Zahlen fĂŒr das Jahr 2022 mit. Insgesamt hatte in dem Jahr demnach ein Viertel (25 Prozent) aller ErwerbstĂ€tigen hierzulande im Alter von 15 bis 64 Jahren einen Migrationshintergrund. Als Person mit Einwanderungsgeschichte wird nach Angaben der Wiesbadener Behörde bezeichnet, wer seit dem Jahr 1950 selbst nach Deutschland eingewandert ist oder wessen beide Elternteile seit dem Jahr 1950 eingewandert sind.
Berufserfahrung und Abschluss
Menschen aus Drittstaaten können kĂŒnftig bereits dann in Deutschland arbeiten, wenn sie mindestens zwei Jahre Berufserfahrung und einen im Herkunftsland staatlich anerkannten Berufs- oder Hochschulabschluss haben. Sie mĂŒssen also noch keine in Deutschland anerkannte Ausbildung vorweisen. Das soll BĂŒrokratie einsparen und Verfahren verkĂŒrzen. Das Arbeitsplatzangebot in Deutschland muss ein Bruttojahresgehalt von mindestens 40 770 Euro zusichern - bei Tarifbindung des Arbeitgebers genĂŒgt eine Entlohnung entsprechend dem Tarifvertrag.
Anerkennungspartnerschaft
Wenn die Berufsqualifikation weiterhin anerkannt werden muss - wie etwa in vielen Gesundheits- und Pflegeberufen - und sich FachkrĂ€fte und Arbeitgeber zu einer Anerkennungspartnerschaft verpflichten, dann kann das Verfahren kĂŒnftig auch erst nach der Einreise nach Deutschland begonnen werden. Arbeitgeber und die angehende Fachkraft verpflichten sich dabei, nach der Einreise die Anerkennung zu beantragen und das Verfahren aktiv zu betreiben. Die Arbeitnehmerin oder der Arbeitnehmer kann sich dabei in Deutschland nebenher qualifizieren oder schon arbeiten. Grundvoraussetzungen fĂŒr die Anerkennungspartnerschaft sind ein Arbeitsvertrag und eine im Ausbildungsstaat anerkannte, mindestens zweijĂ€hrige Berufsqualifikation oder ein Hochschulabschluss. DarĂŒber hinaus sind deutsche Sprachkenntnisse auf Niveau A2 erforderlich.
Anstellung bis zu acht Monate
Zur Deckung von zeitweilig besonders hohem ArbeitskrĂ€ftebedarf wird eine kontingentierte kurzzeitige BeschĂ€ftigung ermöglicht. "FĂŒr Arbeitgeber ist dies eine gute Möglichkeit, auslĂ€ndische FachkrĂ€fte anzuwerben und bis zu acht Monate einzustellen", so das Innen- und Arbeitsministerium. Voraussetzung ist, dass der Arbeitgeber tarifgebunden ist. Die Bundesagentur fĂŒr Arbeit hat hierfĂŒr fĂŒr das Jahr 2024 ein Kontingent von 25 000 festgelegt.
Leichter Jobben neben Studium
Auch in anderen Bereichen gibt es Ănderungen. So können - angesichts der EngpĂ€sse im Pflegebereich - kĂŒnftig auch qualifizierte PflegehilfskrĂ€fte nach Deutschland kommen und hier arbeiten. Voraussetzung ist, dass die Ausbildung zur Pflegehilfskraft in Deutschland erworben oder anerkannt ist. Nicht-EU-AuslĂ€nder dĂŒrfen Nebenjobs ausĂŒben und erhalten mehr Zeit, um ihre berufliche Qualifikation anerkennen zu lassen, wenn sie zu Bildungszwecken oder fĂŒr Sprachkurse nach Deutschland kommen. AuslĂ€ndische Studierende und Auszubildende sollen leichter neben dem Studium oder der Studien- oder Ausbildungsplatzsuche jobben können. Bei der Berufsausbildung wird eine bestehende VorrangprĂŒfung abgeschafft. Ausbildungsbetriebe können damit ihre freien AusbildungsplĂ€tze schneller besetzen. FĂŒr geduldete Personen, die ihren Lebensunterhalt sichern können, wird zudem eine Aufenthaltserlaubnis zur Berufsausbildung eingefĂŒhrt.
Regierung zuversichtlich
Faeser sagte: "Wir sorgen dafĂŒr, dass die FachkrĂ€fte in unser Land kommen können, die unsere Wirtschaft seit Jahren dringend braucht." Stark-Watzinger betonte: "Der FachkrĂ€ftemangel ist eine der gröĂten Herausforderungen, vor der wir stehen." Mehr FachkrĂ€fteeinwanderung solle organisiert werden. Heil meinte, zusammen mit einer starken Aus- und Weiterbildung und einer höheren Erwerbsbeteiligung von Frauen sowie Ă€lteren BeschĂ€ftigten sei der FachkrĂ€ftezuzug der richtige Weg, "um unser Potenzial als drittstĂ€rkste Volkswirtschaft voll auszuschöpfen und so auch unseren Wohlstand zu sichern".
Nachbesserungen gefordert
Dass Personen aus Drittstaaten kĂŒnftig eine BeschĂ€ftigung in Deutschland aufnehmen können, ohne vorher Qualifikationen anerkennen lassen zu mĂŒssen, nannte der Migrationsexperte Martin Lange am ZEW Mannheim einen "einen Paradigmenwechsel in der Einwanderungspolitik". Allerdings mĂŒsse ein "unverhĂ€ltnismĂ€Ăig hohes Einkommen" nachgewiesen werden. "Hier sollte die Bundesregierung nachbessern, um mehr Zuwanderung ĂŒber diesen Kanal zu ermöglichen", so Lange. "Der groĂe Wurf ist die Reform dennoch nicht, da die Einwanderung aus Drittstaaten viel attraktiver gestaltet werden mĂŒsste: Administrative HĂŒrden und hohe Verdienstschwellen mĂŒssen abgebaut werden", forderte Lange.
Kritik an unzureichendem Spurwechsel
Die erste Stufe der neuen Regelungen fĂŒr die FachkrĂ€fteeinwanderung traten bereits im November 2023 in Kraft. Sie umfasste vor allem Erleichterungen bei der "Blauen Karte EU" und bei anerkannten FachkrĂ€ften. Die dritte Stufe, unter anderem mit einer neuen Chancenkarte zur Jobsuche, folgt zum 1. Juni 2024.
Die FlĂŒchtlingsorganisation Pro Asyl bemĂ€ngelte den aus ihrer Sicht unzureichenden sogenannten Spurwechsel. Im Dezember wurde eingefĂŒhrt, dass bei RĂŒcknahme eines Asylantrags die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis als Fachkraft fĂŒr Asylbewerber in Deutschland möglich wird. "Um zu einer wirkungsvollen Umsetzung dieses Schritts zu kommen, mĂŒssen die KapazitĂ€ten der AuslĂ€nderbehörden ausgebaut werden", sagte der flĂŒchtlingspolitische Sprecher von Pro Asyl, Tareq Alaows. AuĂerdem mĂŒssten Bildungszertifikate schneller anerkannt werden. "Solange die Regelung nicht entsprechend vervollstĂ€ndigt wird, erwarten wir keine groĂen Auswirkungen."
Wirtschaftsnachrichten lesen ist gut - trading-notes lesen ist besser!
FĂŒr. Immer. Kostenlos.
