Morgenlicht im Job: Studie mit 182 Beschäftigten zeigt bessere Wachheit
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 15:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deDas Raumklima in Büros sowie die Vereinbarkeit von Arbeitszeiten mit der biologischen Veranlagung spielen eine entscheidende Rolle für Gesundheit und Leistungsfähigkeit im Berufsalltag. Experten räumen in diesem Zusammenhang mit gängigen Mythen rund um Klimaanlagen auf und zeigen auf, wie eine stärkere Berücksichtigung des menschlichen Biorhythmus Arbeitsergebnisse und Zufriedenheit verbessern kann.
Raumklima zwischen Komfort, Vorschriften und Gesundheit
Hinsichtlich des Einsatzes von Klimaanlagen kommt es am Arbeitsplatz regelmäßig zu Diskussionen. Prof. Dennis Nowak von der LMU München erläutert zum sogenannten Sick-Building-Syndrom, dass Menschen in klimatisierten Gebäuden häufiger über Beschwerden klagen.
Die genaue Ursache gilt als nicht eindeutig geklärt, doch eine fehlende Autonomie über das Raumklima wird als wesentlicher Faktor angesehen. Eine echte, durch mangelhaft gewartete Anlagen verursachte Erkrankung – sogenannte Building-Related Illness, etwa durch Legionellen – tritt dagegen selten auf.
Rechtlich setzt die Arbeitsstättenverordnung Rahmenbedingungen: Demnach darf die Raumtemperatur 26 Grad nicht überschreiten. Gleichzeitig zeigen Studien, dass Frauen Klimaanlagen häufiger als zu kühl wahrnehmen.
Das Umweltbundesamt empfiehlt eine Kühlung um lediglich 3 bis 4 Grad unter der jeweiligen Außentemperatur, dabei jedoch nicht unter 26 Grad abzukühlen, und rät dazu, mobile Klimageräte nur in Ausnahmefällen zu nutzen. Für überhitzte Kraftfahrzeuge wird nach starker Sonneneinstrahlung ein vorheriges Durchlüften von rund 15 Minuten angeraten.
Zur technischen Hygiene verweist Dr. Svetlana Ceki? vom Institut für öffentliche Gesundheit Serbiens „Dr Milan Jovanovi? Batut“ darauf, Klimaanlagen jährlich durch einen autorisierten Service warten sowie Filter etwa alle zwei Wochen mechanisch reinigen zu lassen.
Ungefilterte Anlagen könnten Bakterien und Pilze verbreiten, wobei Legionella pneumophila als Erreger der Legionärskrankheit mit Symptomen wie Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen sowie trockenem Husten der wichtigste Erreger sei.
Ceki? rät zu einem maximalen Temperaturunterschied von 6 bis 7 °C zur Außenluft und warnt vor Unterschieden über 10 °C. Zudem weist sie darauf hin, dass Ventilatoren Staub und Pollen aufwirbeln und dadurch Allergiker belasten können.
Schlechte Luftqualität macht sich typischerweise durch Kopfschmerzen, Müdigkeit trotz ausreichenden Schlafs, Konzentrationsprobleme sowie Reizungen an Augen, Nase oder Kehle bemerkbar. Verantwortlich hierfür sind unter anderem geschlossene Fenster, defekte Lüftungen, hohe Belegungsdichten, Staub, Feuchtigkeit sowie Emissionen aus Druckern oder Reinigungsmitteln.
Arbeitgeber unterliegen nach dem Arbeitsschutzgesetz Arbowet der Pflicht zu einem sicheren, gesunden Arbeitsumfeld samt ausreichender Belüftung, wofür CO?-Messgeräte zur Kontrolle eingesetzt werden können.
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Dass die Temperaturwahrnehmung das Gesamtempfinden prägt, bestätigen auch Untersuchungen des Hermann-Rietschel-Instituts der TU Berlin in einem neuen IEQ-Lab, das einen Klimaraum mit Virtual Reality verbindet und über 54 regelbare Module verfügt, deren Oberflächentemperaturen sich binnen 30 Sekunden um bis zu fünf Kelvin anpassen lassen.
Bei operativen Raumtemperaturen zwischen 20 und 28 Grad Celsius entfielen 33 Prozent des Einflusses auf die Gesamtbewertung des Raums auf die thermische Behaglichkeit, gefolgt von 26 Prozent für die Luftqualität, 23 Prozent für die visuelle Behaglichkeit und 18 Prozent für die Akustik.
Eine begleitende Feldstudie an 16 Standorten ergab, dass zertifizierte Bürogebäude in der Praxis teils Abweichungen von bis zu 50 Prozent zwischen Zertifizierungswerten und tatsächlicher Nutzerwahrnehmung aufwiesen.
Chronobiologie und Licht: Der Takt der inneren Uhr
Neben der Umgebungsluft beeinflusst der biologische Rhythmus die Leistungsfähigkeit fundamental. Die innere Uhr ist genetisch verankert und steuert den Schlaf-Wach-Rhythmus, die Stimmung, den Stoffwechsel sowie das Konzentrationsvermögen.
Obwohl in Deutschland keine gesetzliche Kernarbeitszeit existiert, orientieren sich viele Büros an Arbeitsspannen zwischen 9 und 17 Uhr, was wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge häufig gegen den individuellen Chronotyp verläuft. Eine bessere Synchronisation von Arbeitszeiten und biologischem Rhythmus bringe für Arbeitnehmer wie Betriebe Vorteile mit sich.
Der Schutz der Beschäftigten vor gesundheitlichen Risiken im Büro umfasst neben dem Raumklima auch die Prävention von Stress durch klare Strukturen. Erfahrene Arbeitsschutzexperten nutzen daher bewährte Muster für eine rechtssichere Dokumentation und Entlastung am Arbeitsplatz. Kostenlose Vorlagen zur Überlastungsanzeige herunterladen
Wie gezielte Interventionen wirken können, zeigte eine im Journal of Applied Psychology veröffentlichte Studie unter Leitung von Kate Keeler vom Fisher College of Business. Dabei trugen 182 Vollzeitbeschäftigte über zwei Arbeitswochen jeweils 30 Minuten nach dem Erwachen spezielle Lichtbrillen mit 100 % Blau-Türkis-Licht oder einem 1 %-Kontrolllicht.
Das Morgenlicht bewirkte eine Phasenverschiebung der inneren Uhr sowie eine signifikant längere und qualitativ bessere Schlafdauer in der Folgewoche. Die Auswertung von 1.259 Erhebungen belegte eine höhere Wachheit, reduzierte kognitive Erschöpfung, ein gesteigertes Arbeitsengagement sowie weniger kontraproduktives Verhalten, wobei die deutlichsten Verbesserungen bei jüngeren Beschäftigten und Personen mit bestehenden Schlafproblemen verzeichnet wurden.
Welche volkswirtschaftliche Dimension Schlafmangel hat, thematisiert die vom 5. bis 7. November 2026 in Wiesbaden terminierte 34. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) unter Leitung von PD Dr. Caroline Mann und Dr. Hans-Günter Weeß.
Nach Angaben des Chronobiologen Prof. Till Roenneberg schlafen rund 40 Prozent der Erwachsenen in Deutschland an Arbeitstagen weniger als sieben Stunden. Den daraus resultierenden wirtschaftlichen Schaden beziffert er auf rund 40 Milliarden Euro pro Jahr, wovon annähernd die Hälfte auf sogenannten Social Jetlag zurückgehe.
Dr. Hans-Günter Weeß verweist zudem auf eine Untersuchung der Rand-Cooperation, der zufolge durch Abwesenheit, Fehler und Präsentismus infolge von Schlafstörungen jährlich mindestens 50 Mrd. Euro an Verlusten entstehen, während Betroffene laut einer Barmer-Auswertung von 2019 im Schnitt 2,8-fach länger krankgeschrieben waren.
Als Firstline-Therapie bei Insomnie gilt die kognitive Verhaltenstherapie, flankiert von künftigen Ansätzen aus der Chronotherapie und dem Einsatz künstlicher Intelligenz.
