GlÀserne Klippe - warum Frauen eher in Krisen Chefs werden
27.09.2025 - 04:30:11Hartmut Mehdorn, RĂŒdiger Grube, Richard Lutz - die neue Bahnchefin Evelyn Palla folgt auf eine lange Reihe von mĂ€nnlichen Vorstandsvorsitzenden bei der Deutschen Bahn. Sie gilt bei Experten als Beispiel fĂŒr die Theorie der GlĂ€sernen Klippe: Danach steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen in FĂŒhrungspositionen berufen werden, wenn Unternehmen in einer Krise stecken - sei es finanziell oder durch einen Skandal.Â
Die Chancen sind laut dem Mannheimer Betriebswirtschaftler Max Reinwald in finanziellen Krisen rund 50 Prozent höher als bei Unternehmen in stabilen Ausgangslagen. Es ist allerdings Anstieg auf niedrigem Niveau: GrundsĂ€tzlich liege die Chance fĂŒr Frauen, in FĂŒhrungspositionen berufen zu werden, bei 5 Prozent - in einer Krisensituation steige diese auf 7,6 Prozent.
«Die Bahn ist seit Jahren in der Krise. Es ist auch nicht absehbar, dass eine spĂŒrbare Besserung sehr schnell eintritt», sagt Reinwald. «Und das Verkehrsministerium war natĂŒrlich auch unter Druck und möchte zeigen: ,Okay, wir sind dran, wir Ă€ndern da was.'»Â
Unternehmen wollen Signal der VerÀnderung senden
Hintergrund der GlÀsernen Klippe ist laut Reinwald der Versuch von Unternehmen in der Krise, ein Signal zu senden, wonach sie auf VerÀnderung setzen - das funktioniere besonders gut bei Unternehmen, die stets mÀnnliche Chefs gehabt hÀtten wie die Bahn, sagt der Wissenschaftler. Laut Reinwald verstÀrkt sich der Effekt der GlÀsernen Klippe auch mit der öffentlichen Sichtbarkeit eines Unternehmens. Je mehr mediale Aufmerksamkeit ein Unternehmen bekomme, desto stÀrker trete der Effekt auf.
Palla wurde in dieser Woche vom Aufsichtsrat der Deutschen Bahn zur neuen Chefin des Konzerns berufen. Sie war bislang Chefin der Regionalverkehrssparte der Bahn.
Mehr als 26.000 Wechsel in FĂŒhrungspositionen ausgewertet
Reinwald hat mit zwei Kollegen von der UniversitĂ€t Konstanz nach eigenen Angaben 26.156 Wechsel in FĂŒhrungspositionen börsennotierter US-Unternehmen in den Jahren 2000 bis 2016 ausgewertet. Davon betrafen zwar nur 7,4 Prozent Frauen. Aber aufgrund der hohen Gesamtzahl an ausgewerteten Wechseln, sei das Ergebnis belastbar, sagt Reinwald. Er geht davon aus, dass die Ergebnisse grundsĂ€tzlich auf Deutschland ĂŒbertragbar sind.
Die Hypothese, dass Konzerne lieber Frauen berufen, weil die MĂ€nner in Krisensituationen nicht gewollt hĂ€tten, hĂ€lt der 36-JĂ€hrige nicht fĂŒr haltbar. «Ich wĂŒrde mal vermuten, dass es bei der Bahn einige MĂ€nner gegeben hat, die bereitgestanden wĂ€ren.»
GlÀserne Klippe stÀrker vor und nach der Frauenquote
JĂŒrgen Wegge, Arbeits- und Organisationspsychologe von der Technischen UniversitĂ€t Dresden, sieht das PhĂ€nomen GlĂ€serne Klippe auch in Deutschland - allerdings abhĂ€ngig vom gesellschaftlichen Kontext. Als von 2011 bis 2015 in den Medien viel ĂŒber das Thema Frauenquote berichtet wurde, sei der Effekt schwĂ€cher gewesen. «Der Gedanke ist, wenn eben sehr viel ĂŒber das PhĂ€nomen und Quoten und Frauen in FĂŒhrungspositionen geredet wird, hat die Benennung einer Frau nicht mehr diese Signalwirkung, dass man als Organisation aus der Krise hinaus will und dafĂŒr viel Ă€ndert», sagt Wegge.
Frauenanteil in AufsichtsrÀten zuletzt gesunken
Die Organisation Frauen in die AufsichtsrĂ€te (Fidar) sieht noch einen anderen möglichen Grund fĂŒr die GlĂ€serne Klippe: «In Krisensituationen mĂŒssen oft harte Entscheidungen getroffen werden, die sich auch gegen die etablierten Strukturen im Unternehmen richten», sagt PrĂ€sidentin Anja Seng. «Vielleicht traut man Frauen eine Sanierung eher zu, weil sie weniger in diese bestehenden und gegebenenfalls hemmenden Netzwerke eingebunden sind.» Wie Fidar im Mai mitgeteilt hatte, ist der Frauenanteil in den AufsichtsrĂ€ten deutscher Börsenunternehmen zuletzt auf 37 Prozent leicht gesunken.
Frauenanteil in den VorstÀnden wÀhrend Corona-Krise gesunken
Nicht alle Fachleute stĂŒtzen die Theorie der GlĂ€sernen Klippe. Die gemeinnĂŒtzige Allbright Stiftung spricht von einem entgegengesetzten Trend in der Krise: «Statistisch gesehen wird in der Krise vermehrt auf FĂŒhrungskrĂ€fte gesetzt, die dem traditionellen Muster entsprechen: mĂ€nnlich, Mitte FĂŒnfzig, westdeutsch, Wirtschaftswissenschaftler oder Ingenieur», sagt GeschĂ€ftsfĂŒhrerin Wiebke Ankersen. In der Corona-Krise 2020 sei der Frauenanteil in den VorstĂ€nden der 40 DAX-Unternehmen zum ersten Mal in der Geschichte gesunken.
Studien zeigen: Chefinnen in Krisen bleiben kĂŒrzer im Amt
Eine Frau, die im vergangenen Jahr die Chefposition in einem Unternehmen in der Krise ĂŒbernahm, ist Bettina Orlopp. Die Commerzbank besetzte inmitten des Ăbernahmekampfes mit der Unicredit die Konzernspitze mit der damals 54-JĂ€hrigen neu. Zuletzt schien es fĂŒr Orlopp gut zu laufen: Im Mai ĂŒberraschte die Commerzbank mit einem Gewinnsprung - 834 Millionen Euro Gewinn bedeuteten das beste Quartalsergebnis seit Anfang 2011, wie der Frankfurter Dax-Konzern mitteilte.
Die Theorie der GlĂ€sernen Klippe existiert seit 20 Jahren. Laut Reinwald gibt es keine klaren Erkenntnisse dazu, wie die Chefinnen in Krisensituationen letztlich abgeschnitten hĂ€tten. Allerdings: Es gebe Studien, die zeigten, dass diese Frauen deutlich kĂŒrzer im Amt blieben als MĂ€nner. Und: «Wenn dann eine Frau sozusagen von der GlĂ€sernen Klippe stĂŒrzt, dann folgte meistens wieder ein Mann nach.»







