Deutschland, Hessen

Volle Lager, hohe Rabatte - Fahrradbranche nach Corona-Boom

20.06.2023 - 07:26:45 | dpa.de

Nach der Sonderkonjunktur in der Pandemie sind in der Fahrradbranche wieder rauere Zeiten eingekehrt. Rund um die Messe Eurobike setzen die Hersteller auf einen alten HoffnungstrÀger.

Der Fahrradhersteller Riese & MĂŒller aus Darmstadt prĂ€sentiert seine RĂ€der auf der internationalen Fahrradmesse Eurobike auf dem Frankfurter MessegelĂ€nde. - Foto: Arne Dedert/dpa
Der Fahrradhersteller Riese & MĂŒller aus Darmstadt prĂ€sentiert seine RĂ€der auf der internationalen Fahrradmesse Eurobike auf dem Frankfurter MessegelĂ€nde. - Foto: Arne Dedert/dpa

Volle Lager statt schier endlosem Kundenandrang, Rabatte statt Preiserhöhungen: Nach dem Corona-Boom findet sich die Fahrradbranche auf dem Boden der RealitĂ€t wieder. Wenn sich HĂ€ndler und Hersteller bei der Branchenmesse Eurobike (21. bis 25. Juni) in Frankfurt treffen, haben viele zwar ein schönes Geldpolster im RĂŒcken, doch die Lage ist durchwachsen. Vorteil fĂŒr Kunden: Die Zeit fĂŒr den Fahrradkauf ist so gĂŒnstig wie lange nicht.

«Der Corona-Boom, in dem die Leute kaufen, was sie kriegen können, ist vorbei», sagt Burkhard Stork, GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV). Zudem belastet die hohe Inflation die Verbraucher. Das Segment der einfachen klassischen RĂ€der bis ca. 700 Euro habe es schwer, sagt Stork. «Die Lager sind voll, und erste Hersteller spĂŒren das beim Umsatz und bei den AuftrĂ€gen.»

Noch in der Pandemie hatte die Fahrradbranche goldene Zeiten erlebt. Damals konnten sie sich vor Kunden kaum retten, die den Solo-Sport Radeln entdeckt hatten und Busse oder Bahnen mieden. Doch die Produktion kam nicht hinterher - viele Kunden mussten wegen Lieferproblemen lange warten. Manche bekamen ihr Modell erst, als die sommerliche Radsaison fast vorbei war - bei deutlich höheren Preisen. Im Corona-Jahr 2020 erzielte die Branche einen Absatzrekord, der Umsatz sprang laut Statistischem Bundesamt um rund ein Drittel hoch.

Lager weit ĂŒber Bedarf gefĂŒllt

Also bestellten HĂ€ndler noch mehr Ware. 2022 stieg die Produktion laut ZIV auf den Höchstwert von 2,6 Millionen RĂ€dern. Doch ab Herbst drehte sich der Markt. Hersteller lieferten plötzlich große Mengen RĂ€der. «Teilweise kamen Lieferungen fĂŒr 2022 und 2023 auf einmal», sagt Stork. Das Ergebnis sind BestĂ€nde und Vorbestellungen bei den HĂ€ndlern, die weit ĂŒber dem Bedarf fĂŒr dieses Jahr liegen. Mit NachlĂ€ssen sollen die RĂ€der nun aus den Lagern. Pech fĂŒr die Branche: Der nasse FrĂŒhling ließ die GeschĂ€fte nur schleppend anlaufen.

«10 bis 15 Prozent Rabatt sind möglich», sagte ZIV-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Stork. In der Pandemie seien die Produktionskosten hochgeschossen. Nun normalisierten sie sich, Lieferkettenprobleme hĂ€tten sich zu «95 Prozent» eingependelt. RĂ€der wĂŒrden aber nicht verramscht, meint er.

JĂŒngste Zahlen des Vergleichsportals Idealo fĂŒr den «Spiegel» zeigen deutliche NachlĂ€sse. Demnach sind im Mai die Durchschnittspreise fĂŒr Mountainbikes im Onlinehandel um 16 Prozent zum Vorjahresmonat gesunken. RennrĂ€der verbilligten sich um 7 Prozent, wĂ€hrend E-Bikes gegen den Trend um 15 Prozent teurer wurden. Die Rabatte helfen zwar den HĂ€ndlern beim Umsatz, belasten aber die Margen. Nicht alle Branchenfirmen kommen gut durch die neue Zeit. Beim VersandhĂ€ndler Bike24 etwa standen zuletzt rote Zahlen.

«Ruinöse» Rabatte

«Wir stehen vor einer starken Konsolidierung und Professionalisierung im Fahrradmarkt», glaubt Robert Peschke, GeschĂ€ftsfĂŒhrer von Little John Bikes mit Sitz in Dresden. Um an Geld zu kommen, wĂŒrden viele HĂ€ndler «panisch» die Preise senken, sagte er jĂŒngst der «Wirtschaftswoche». «Selbst fĂŒr aktuelle Fahrradmodelle gibt es zum Teil ruinöse 20 Prozent Rabatt und mehr», sagt Peschke. «Zahlreiche FahrradhĂ€ndler wird dieser Preiskampf am Ende die Existenz kosten.»

Alexander Giebler vom Pressedienst-Fahrrad aus Göttingen glaubt, dass manche HÀndler Probleme bekommen, da ihre Kapitaldecke schmelze. Ein Massensterben erwartet er aber nicht. «Wer seine Hausaufgaben gemacht hat, wird gut durch die Krise kommen.»

Einmal mehr ruhen die Hoffnungen der Branche auf E-Bikes, die dieses Jahr erstmals traditionelle RĂ€der bei den Verkaufszahlen ĂŒberholen dĂŒrften, wie der ZIV schĂ€tzt. Schon 2022 wurde mit 2,2 Millionen E-Bikes ein Absatzrekord erreicht, wĂ€hrend der Verkauf herkömmlicher Bikes um 300.000 auf 2,4 Millionen fiel. LĂ€ngst hat sich die Fahrradindustrie auf die Produktion lukrativer E-Bikes eingestellt. Dank des hohen E-Bike-Anteils hat sich der Umsatz der Branche binnen zehn Jahren auf 7,4 Milliarden Euro fast vervierfacht.

Trend zum E-Bike hÀlt an

«Der Boom bei hochwertigen E-Bikes hÀlt weiter an, wir sehen keine MarktsÀttigung», sagt Stork. Der Trend zum E-Bike gehe «quer durch alle Kategorien». Sportliche RÀder wie Gravel- und Mountainbikes mit Motor seien gefragt, LastenrÀder ohnehin. Bei Mountainbikes etwa seien bereits 90 Prozent der verkauften RÀder elektrifiziert. Der Trend zu technisch hochwertigen und damit auch teureren RÀdern werde von DienstrÀdern angetrieben. «Bei den Monatsraten merkt man kaum, ob ein Fahrrad 3000 oder 4000 Euro kostet», meint Stork.

Die Gefahr einer bevorstehenden Branchenkrise mit Jobabbau sieht er nicht. Manche Hersteller hĂ€tten zwar derzeit mehr Personal als nötig, wollten das aber wegen des FachkrĂ€ftemangels halten. «Wir sehen, dass der Verkauf im Handel wieder stark anzieht und gehen davon aus, dass sich die Lage auch fĂŒr die Produzenten bald wieder bessert.»

Mehr UnterstĂŒtzung wĂŒnscht sich der ZIV von der Politik: «Wir haben 75 Jahre lang Politik fĂŒr das Auto gemacht, nun mĂŒssen wir das Radfahren zumindest gleichstellen.» Es gelte Dinge auszuprobieren, die in LĂ€ndern wie den Niederlanden lĂ€ngst Standard seien wie große ParkhĂ€user fĂŒr FahrrĂ€der und ein Netz breiter, gut ausgebauter Radwege: «Wir brauchen Mut zum Umdenken der StĂ€dte.»

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