Israel und Hisbollah nÀhern sich Waffenstillstand
26.11.2024 - 06:35:04Der israelische MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu werde heute Abend das Sicherheitskabinett einberufen, um einen 60-tĂ€gigen Waffenstillstand mit der Hisbollah zu billigen, sagte ein Beamter der "Times of Israel". Die Deutsche Presse-Agentur erfuhr aus Regierungskreisen, die Zustimmung des Kabinetts zu der unter US-Vermittlung ausgehandelten Vereinbarung sei "wahrscheinlich". Auch libanesische Regierungsquellen in Beirut Ă€uĂerten sich optimistisch. Die Entscheidung liege bei Israel.
Man sei nahe dran an einer Einigung ĂŒber einen Waffenstillstand, man habe gute GesprĂ€che gefĂŒhrt, sagte der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrates der USA, John Kirby. Es gehe in die richtige Richtung. "Aber es ist noch nicht geschafft", sagte Kirby. Er wolle sich aber nicht zu Details Ă€uĂern, um die Chance auf eine Einigung nicht zu gefĂ€hrden.
Die vorliegende Vereinbarung sehe einen 60-tĂ€gigen Umsetzungszeitraum vor, der es Israels MilitĂ€r ermöglichen solle, sich zurĂŒckzuziehen, berichtete derweil das "Wall Street Journal" unter Berufung auf libanesische Beamte. Die libanesische Armee solle zugleich im Grenzgebiet zu Israel stationiert werden, um zu verhindern, dass KĂ€mpfer der Hisbollah dort wieder FuĂ fassen. Eine internationale Kommission solle mit der schon seit Jahren im Libanon stationierten UN-Friedenstruppe Unifil die Einhaltung der Vereinbarung ĂŒberwachen, hieĂ es.
Noch gehen die Angriffe weiter
Vorerst setzten Israel und die Hisbollah ihre gegenseitigen Angriffe jedoch fort. Die israelische Luftwaffe ging erneut in den Vororten der libanesischen Hauptstadt Beirut vor. Auf Videos in sozialen Medien war zu sehen, wie ganze GebÀude infolge der LufteinschlÀge zusammenbrachen. Augenzeugen berichteten, dass die Explosionen in ganz Beirut zu hören waren. Zuvor hatte ein Armeesprecher mehrere Evakuierungsaufrufe an die Bewohner gerichtet. Auch in anderen Teilen des Landes griff die israelische Armee weiter an.
Attacken auf Kommandozentralen sollen vor allem die FĂ€higkeiten der Hisbollah schwĂ€chen, sich von den schweren SchlĂ€gen der vergangenen Monate zu erholen, sich erneut zu bewaffnen und neu zu organisieren, hieĂ es. Die Miliz schoss dennoch erneut Raketen auf Israel ab. Im Norden Israels wurden die Sicherheitsvorschriften verschĂ€rft, in einigen Gebieten sollen die Schulen heute geschlossen bleiben, weil verstĂ€rkter Raketenbeschuss befĂŒrchtet wurde. In der Nacht heulten im Norden des Landes erneut die Warnsirenen.
Armee: Israel von mehr als 17.000 Raketen beschossen
Die vom Iran finanzierte Hisbollah wollte nach eigenen Angaben mit den Angriffen ein Ende der israelischen Offensive gegen die islamistische Hamas im Gazastreifen erzwingen. Die Terrorgruppe hatte am 7. Oktober 2023 ein Massaker in Israel verĂŒbt, bei dem rund 1.200 Menschen getötet und 250 weitere als Geiseln verschleppt wurden. Der Angriff löste den seit mehr als einem Jahr andauernden Gaza-Krieg aus. Seither hat die mit der Hamas verbĂŒndete Hisbollah mehr als 17.000 Raketen auf Israel abgefeuert, wie die Armee auf Anfrage mitteilte.
Im selben Zeitraum habe Israels MilitĂ€r rund 12.000 Terrorziele im Libanon angegriffen, hieĂ es. Die Hisbollah gilt seit den intensiven Luftangriffen und einer von Israel Mitte September gestarteten Bodenoffensive inzwischen als angeschlagen. Ein GroĂteil ihrer AnfĂŒhrer wurde getötet. Insgesamt starben im Libanon durch Israels Gegenangriffe mehr als 3.000 Menschen. In beiden LĂ€ndern warten Zehntausende Menschen darauf, nach einem Ende der KĂ€mpfe in ihre Wohnorte zurĂŒckkehren zu können. In Israel war die RĂŒckkehr der aus dem Norden des Landes vor dem Beschuss geflohenen Bewohner erklĂ€rtes Kriegsziel.
Israels Armee: Jahrelanger Kampf gegen Irans Waffenschmuggel
Der von der "Times of Israel" zitierte Regierungsbeamte betonte, Israel akzeptiere zwar eine Einstellung der Feindseligkeiten, nicht aber ein Ende des Krieges gegen die Hisbollah-Miliz. Israels Armee gewĂ€hrte unterdessen erstmals einen genaueren Einblick in ihren jahrelangen Kampf gegen den Schmuggel von Waffen aus dem Iran zur Hisbollah. FĂŒr den Schmuggel seien verdeckte Routen durch den Irak und Syrien in den Libanon eingerichtet worden.
Dabei seien im Laufe der Jahre Tausende Lastwagen und Hunderte Flugzeugen eingesetzt worden, um Tausende Raketen und weitere Waffen in den Libanon zu bringen, mit denen Israel angegriffen werde. Die syrischen Behörden wirkten dabei stillschweigend mit. Israel habe diese Routen nicht erst in den vergangenen Monaten ins Visier genommen, sondern seit Jahren, erklĂ€rte die Armee. Israel werde auch in Zukunft gegen jeden Versuch des Irans vorgehen, VerbĂŒndete im Nahen Osten Waffen zu liefern.
BemĂŒhungen auch um Waffenstillstand in Gaza
Die USA als Israels wichtigster VerbĂŒndeter drĂ€ngen seit Wochen auf eine Waffenruhe zwischen der Hisbollah und Israel. Ihr Vermittler Amos Hochstein war diese Woche fĂŒr Verhandlungen erneut in den Libanon und nach Israel gereist. Derweil wird der Nahost-Koordinator des WeiĂen Hauses, Brett McGurk, heute in Saudi-Arabien erwartet.
Dort will McGurk nach Angaben aus Washington darĂŒber sprechen, wie ein mögliches Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und der Hisbollah-Miliz im Libanon als Katalysator fĂŒr einen möglichen Waffenstillstand auch im Gazastreifen sowie fĂŒr mehr StabilitĂ€t in der Region genutzt werden kann. Die Beendigung des Gaza-Kriegs gilt als deutlich komplizierter, auch weil die Hamas noch immer aus Israel entfĂŒhrte Geiseln festhĂ€lt.
Haftbefehl gegen Netanjahu: G7 suchen weiter nach gemeinsamer Linie
Derweil dĂŒrften sich die AuĂenminister der Gruppe sieben demokratischer Industrienationen (G7) am heutigen zweiten und letzten Tag ihres Treffens in Italien erneut mit dem vom Internationalen Strafgerichtshof erlassenen Haftbefehl gegen den israelischen MinisterprĂ€sidenten Benjamin Netanjahu beschĂ€ftigen. Die G7 suchen nach einer gemeinsamen Haltung dazu. Italien als Gastgeber des Treffens in der mittelitalienischen Kleinstadt Fiuggi bemĂŒht sich um eine Formulierung, die alle sieben Staaten mittragen.
Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hatte den Haftbefehl gegen Netanjahu sowie dessen frĂŒheren Verteidigungsminister Joav Galant kĂŒrzlich wegen mutmaĂlicher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Gaza-Krieg erlassen. Eigentlich sind alle Vertragsstaaten des Strafgerichtshofs dazu verpflichtet, die Haftbefehle zu vollstrecken. Mit Ausnahme der USA gehören alle G7-Staaten dazu. Dazu zĂ€hlen neben den USA und Italien auch Kanada, GroĂbritannien, Japan, Frankreich und Deutschland.

