historisches Trump-Urteil spaltet die USA
31.05.2024 - 16:20:30 | dpa.de(Neu: Details)
NEW YORK (dpa-AFX) - Der historische Schuldspruch gegen Donald Trump verschÀrft die Spannungen im ohnehin tief gespaltenen Amerika wenige Monate vor der PrÀsidentenwahl. Eine Jury sprach den 77-JÀhrigen am Donnerstag (Ortzeit) in New York wegen der Verschleierung von Schweigegeld an einen Pornostar in allen 34 Anklagepunkten schuldig. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten, dass ein ehemaliger US-PrÀsident strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen wird.
Dem Republikaner droht nun eine Geldstrafe oder eine mehrjĂ€hrige GefĂ€ngnisstrafe, die auch zur BewĂ€hrung ausgesetzt werden könnte. Doch weder das beispiellose Urteil noch mögliche Haft halten Trump von der Kandidatur fĂŒr das PrĂ€sidentenamt ab. Der Verurteilte sprach von einer "Schande", sein Anwalt kĂŒndigte Berufung an.
StrafmaĂ, Berufung, KandidatenkĂŒr - wie es weiter geht
Richter Juan Merchan legte den 11. Juli als Datum fĂŒr die VerkĂŒndung des StrafmaĂes fest - nur wenige Tage bevor ihn die Republikaner auf einem Parteitag in Milwaukee zum offiziellen Kandidaten fĂŒr die PrĂ€sidentenwahl kĂŒren wollen.
Trump droht im schlimmsten Fall eine GefÀngnisstrafe von bis zu vier Jahren. Wahrscheinlicher ist im Fall des nicht vorbestraften Trump aber, dass die Strafe zur BewÀhrung ausgesetzt wird oder er eine Geldstrafe zahlen muss.
Doch selbst im eher unwahrscheinlichen Fall, dass Trump noch vor der Wahl zu einer GefÀngnisstrafe verurteilt wird, könnte er PrÀsident werden.
Trumps Verteidigerteam hat bereits angekĂŒndigt, alle rechtlichen Mittel ausschöpfen zu wollen und Berufung gegen das Urteil einzulegen. Doch selbst wenn der 45. PrĂ€sident der Vereinigten Staaten eine Haftstrafe bekommen sollte, gilt eine Festnahme direkt am Tag der StrafmaĂverkĂŒndung als unwahrscheinlich. Es wird davon ausgegangen, dass Trump wĂ€hrend der juristischen Schritte gegen seine Strafe auf freiem FuĂ bleiben darf.
Nicht zuletzt wĂŒrde eine GefĂ€ngnisstrafe den Sicherheitsapparat fĂŒr ehemaligen PrĂ€sidenten vor ungekannte Probleme Stellen: Der Secret Service ist per Gesetz dazu verpflichtet, Trump rund um die Uhr zu schĂŒtzen. Das gilt auch hinter Gittern.
Schweigegeld und Pornostar - Trump mit versteinerter Miene
Die Staatsanwaltschaft warf Trump vor, er habe seine Aussichten auf einen Erfolg bei der PrĂ€sidentenwahl 2016 durch die Zahlung von 130 000 Dollar Schweigegeld an die Pornodarstellerin Stormy Daniels verbessern wollen und den Geldfluss anschlieĂend unrechtmĂ€Ăig verbucht. Obwohl die - von keiner Seite bestrittene - Zahlung selbst nicht illegal war, soll der heute 77-JĂ€hrige bei der Erstattung des Betrags an seinen damaligen Anwalt Michael Cohen Unterlagen manipuliert haben, um den wahren Grund der Transaktion zu verschleiern. Dadurch ist Trump nun der illegalen Wahlkampf-Finanzierung schuldig.
Trump wirkte am Donnerstag vor Gericht nach auĂen hin so entspannt wie selten zuvor bei der Verhandlung. Gegen 16.30 Uhr New Yorker Zeit gingen er und alle anderen Prozessbeteiligten bereits davon aus, dass die Jury-Beratungen sich in den Freitag ziehen wĂŒrden.
Doch dann kam Richter Merchan in den Saal und verkĂŒndete, dass die Jury ein Urteil gefĂ€llt habe. Schlagartig Ă€nderte sich die Stimmung im Gerichtssaal 1530. Trump, der gerade noch mit seinem Anwalt Todd Blanche angeregt geplaudert und sogar geschmunzelt hatte, wurde still und starrte mit versteinerter Miene geradeaus. So nahm er dann auch das Urteil eine halbe Stunde spĂ€ter hin: Der Vorsitzende der Jury stand auf und bekam nacheinander alle Anklagepunkte vorgelesen. Seine Antwort 34 Mal in Folge: "Schuldig."
Nun hĂ€ngt Trumps Strafe am Ermessen des Richters. Juan Merchan ist als Jurist bekannt, der eine klare Linie fĂ€hrt, sich nichts gefallen lĂ€sst und gegen WirtschaftskriminalitĂ€t durchgreift. Der im kolumbianischen Bogota Geborene zog als Kind in die USA und wuchs - wie Donald Trump - im New Yorker Stadtteil Queens auf. Trotz der harten Hand, die ihm nachgesagt wird, wurde im Prozess deutlich, dass er um Trumps Sonderstellung in der US-Gesellschaft weiĂ und danach handelt. Im Prozess vermied er es weitgehend, den PrĂ€sidentschaftsbewerber öffentlich zu maĂregeln, hielt Trump aber mit einem strikten Verbot zu Aussagen ĂŒber Prozessbeteiligte im Zaum- auch mithilfe der Androhung, dass er ihn sonst festnehmen lassenmĂŒsse.
Spenden und Opfernarrativ - wie Trump das Urteil nutzt
Kurz nach dem Urteil zeigte Trump sich wĂŒtend. Das eigentliche Urteil werde am Tag der PrĂ€sidentenwahl fallen werde, sagte er - also am 5. November. Er sei ein "sehr unschuldiger Mann". Dann fuhr Trump mit einer schwarzen Wagenkolonne in seinen Trump-Tower an der 5th Avenue in Manhattan. Am Eingang des Wolkenkratzers reckte er demonstrativ die Faust in die Luft und winkte den Schaulustigen zu. Prominente Republikaner und glĂŒhende AnhĂ€nger Trumps reagierten empört auf den Schuldspruch.
Trump, der sich als Opfer einer von den Demokraten gesteuerten Justiz inszeniert, weiĂ den Schuldspruch direkt fĂŒr sich auszunutzen. Sein Wahlkampfteam bat nach dem Urteil bei AnhĂ€ngern um Spenden. "Ich bin ein politischer Gefangener", hieĂ es in einer E-Mail des Trump-Teams. "Ich wurde gerade in einem manipulierten Hexenjagd-Prozess verurteilt: Ich habe nichts falsch gemacht." Auch das Wahlkampfteam von Trumps politischem Gegner, Amtsinhaber Joe Biden, rief seine AnhĂ€nger dazu auf, die Kreditkarten zu zĂŒcken.
Das Urteil wird sich ohne Frage auf den erbittert gefĂŒhrten Wahlkampf in den Vereinigten Staaten auswirken - die Frage dabei ist aber: wie stark und zu wessen Vorteil? Eine Umfrage des Instituts Marist Poll vor dem Schuldspruch zeigt, dass eine Verurteilung fĂŒr eine Mehrheit der WĂ€hlerinnen und WĂ€hler in den USA keinen Unterschied macht. Demnach gaben sogar 74 Prozent der WĂ€hler, die weder AnhĂ€nger der Demokraten noch den Republikaner sind, dass ein Schuldspruch fĂŒr sie einerlei sei. Diese WĂ€hlergruppe dĂŒrfte bei der Wahl, bei der es auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Demokraten Biden und Trump hinauslaufen dĂŒrfte, besonders wichtig sein. Bei Trumps AnhĂ€ngern dĂŒrfte die Verurteilung eher dazu fĂŒhren, dass diese noch eiserner hinter dem Republikaner stehen. Viele Liberale hingegen wollen Trump hinter Gittern sehen. So dĂŒrften sich die politischen GrĂ€ben in den USA weiter vertiefen.
Weitere Anklagen und ein groĂes Spektakel - welche Baustellen Trump noch hat
Der Prozess in New York fand unter beispiellosem medialem Interesse und strengsten Sicherheitsvorkehrungen in Downtown Manhattan statt. US-Medien begleiteten das Ereignis wie ein groĂes Sportevent und zitierten im Minutentakt aus dem Gerichtssaal, in dem keine TV-Aufnahmen erlaubt waren. Dabei wurde auch jede Regung Trumps kommentiert, der bei den Sitzungen stets anwesend war und eigentlich nur die Farbe seiner Krawatte von Tag zu Tag variierte. FĂŒr den kurzen Fototermin zu Beginn der Sitzung setzte Trump regelmĂ€Ăig ein grimmiges Gesicht auf. Einige Zeugen-Befragungen schien er interessiert zu verfolgen, an anderen Tagen waren sich US-Medien sicher, dass er die Augen ĂŒber lĂ€ngere Zeit geschlossen hielt, weil er eingedöst war.
Die Anklage in New York ist nicht Trumps einzige juristische Baustelle. Wegen versuchter Wahlmanipulation ist der Republikaner in der US-Hauptstadt Washington und im Bundesstaat Georgia angeklagt. Ebenfalls angeklagt ist Trump in Florida - dort geht es um die Mitnahme geheimer Regierungsunterlagen. Doch in allen drei FÀllen bewegt sich derzeit wenig, Trump und seine AnwÀlte verzögern die Prozesse mit diversen AntrÀgen. Es gilt als wahrscheinlich, dass die New Yorker Verurteilung die einzige vor der Wahl im November bleiben wird.
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