Ablasshandel: Wie Passagiere Flugreisen ausgleichen
14.08.2023 - 06:09:48 | dpa.de
Fliegen mit besserem Klimagewissen - das will eine steigende Zahl von Passagieren. WĂ€hrend der globale Luftverkehr nach der Corona-Delle wieder massiv zunimmt, bleiben die Möglichkeiten eines wirklich umweltvertrĂ€glichen Betriebs von Verkehrsflugzeugen aber noch auf lĂ€ngere Sicht begrenzt. Sparsamere Triebwerke, ein weitgehend elektrifizierter Betrieb der FlughĂ€fen am Boden oder kĂŒrzere Flugrouten: Das alles reicht lĂ€ngst nicht aus.
Die PlÀne von Politik, Herstellern und Airlines richten sich daher auf das ferne Jahr 2050, in dem KlimaneutralitÀt erreicht werden soll. Wesentlicher Hebel soll dabei nachhaltig produziertes Kerosin (SAF) werden, das aktuell in geringen Mengen aus Speiseresten hergestellt wird, spÀter aber vor allem aus regenerativ gewonnenem Strom stammen soll. Ab 2025 verlangt die EuropÀische Union die Beimischung von SAF in steigenden Quoten.
Der Branche ist durchaus bewusst, dass sie etwas tun muss, denn die schĂ€dlichen Klimafolgen der Fliegerei gehen weit ĂŒber die reine CO2-Emission hinaus, die rund 2,8 Prozent des weltweiten AusstoĂes ausmacht.
Kondensstreifen und RuĂpartikel sind mindestens ebenso klimawirksam, sagte DLR-Fachbereichsleiter Markus Fischer kĂŒrzlich dem «Hessischen Rundfunk». Immerhin sei es hier bereits möglich, bestimmte Luftzonen mit starker Kondensation zu umfliegen und so die zusĂ€tzliche Wolkenbildung zu vermeiden.
Airlines errechnen zu geringe Emissionen
Der Druck auf die Flugbranche wĂ€chst. Firmenkunden wie Privatleute verlangen genauere Informationen zur Nachhaltigkeit, am Kapitalmarkt schauen Investoren auf entsprechende ESG-Bewertungen durch Agenturen und auch neue Mitarbeiter wollen lieber fĂŒr ein Unternehmen arbeiten, dem die Klimafolgen nicht gleichgĂŒltig sind. Laut Weltverband IATA bieten bereits mehr als 50 Airlines ihre Kunden freiwillige Kompensationsprogramme an. Oftmals fallen die pro Reise errechneten CO2-Mengen dabei aber zu gering aus, hat die Stiftung Warentest festgestellt.
Die Stiftung hat zudem wiederholt Anbieter untersucht, die auch Privatleuten CO2-Zertifikate anbieten, die ĂŒber einen reinen Ablasshandel hinausgehen. Der alleinige Testsieger «Atmosfair» glĂ€nzte 2022 mit Zertifikaten ausschlieĂlich nach dem von UmweltverbĂ€nden vor Jahren geschaffenen «Goldstandard». 7 Euro fĂŒr einen Oneway-Flug von Frankfurt nach Mallorca, 34 Euro nach New York: Derartige AusgleichsbetrĂ€ge nennt die Plattform bei einer aktuellen Abfrage.
Aufforstung kaum kontrollierbar
Die ĂŒber die Einnahmen geförderten Projekte konzentrieren sich auf Technologietransfer (zum Beispiel effiziente Ăfen und nachhaltige Energie) und ArmutsbekĂ€mpfung in Staaten des globalen SĂŒdens. Aufforstungen unterstĂŒtzt Atmosfair explizit nicht, weil ein Wald mindestens 50 bis 100 Jahre bestehen mĂŒsse, um eine nennenswerte Klimawirksamkeit zu erzielen. Ein Zeitrahmen, den niemand garantieren oder kontrollieren könnte, findet die gemeinnĂŒtzige GmbH.
Wenige zahlen bereits
Laut einer McKinsey-Studie sollen in LĂ€ndern wie Schweden oder Deutschland drei von vier FluggĂ€sten bereit sein, höhere Preise fĂŒr CO2-arme FlĂŒge zu akzeptieren. Doch nur wenige zahlen jetzt schon freiwillig mehr, wie das Beispiel der Lufthansa Group zeigt. Europas gröĂter Airline-Konzern hat im Flugjahr 2022, das noch unter dem Eindruck der Corona-Pandemie stand, nach eigenen Angaben knapp 7,3 Millionen Tonnen Treibstoff verbraucht und damit fast 23 Millionen Tonnen CO2 freigesetzt.
Neue Green Fares
Davon wurden nur rund 430.000 Tonnen durch Passagiere oder das Unternehmen kompensiert, ein Anteil von 1,9 Prozent. Noch geringer fĂ€llt die CO2-Ersparnis durch das knappe SAF-Kerosin aus mit 43.900 Tonnen oder 0,19 Prozent. Mit ihren neuen «Green Fares» bietet Lufthansa kĂŒnftig eine Mischung aus 20 Prozent SAF und 80 Prozent Kompensation an und will so die Teilnahmequote auf jeden 20. Fluggast (5 Prozent) steigern.
Die Plattform CO2Online mahnt die Passagiere, die Notwendigkeit ihrer Buchungen zu ĂŒberprĂŒfen: Kompensation ist beim Klimaschutz immer nur die drittbeste Lösung nach dem Vermeiden und dem Vermindern von Emissionen. Der Ausgleich sollte daher nur dort eingesetzt werden, wo es an klimafreundlichen Alternativen fehlt. Das trifft beim Luftverkehr wohl noch lange Jahre zu, denn an emissionsfreien Flugzeugantrieben etwa mit Elektromotoren oder Brennstoffzellen mangelt es weiterhin.
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