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WDH / ROUNDUP: Blinken mahnt Israel zu Menschlichkeit - Die Nacht im Überblick

08.02.2024 - 09:48:05

(Ortsangaben prÀzisiert, 1. Absatz; Regierung in Jerusalem statt Regierung in Tel Aviv, 3.

Absatz; PrÀzisierung der Totenzahlen im Gazastreifen, 5. Absatz)

TEL AVIV/WASHINGTON (dpa-AFX) - Vier Monate nach dem Terrorangriff der islamistischen Hamas auf Israel hat US-Außenminister Antony Blinken mit deutlichen Worten eine MĂ€ĂŸigung beim israelischen MilitĂ€reinsatz im Gazastreifen gefordert. Die Entmenschlichung, die Israel bei dem Massaker der Hamas am 7. Oktober erlebt habe, könne "kein Freibrief" sein, um selbst andere zu entmenschlichen, sagte er am Mittwoch nach GesprĂ€chen in Jerusalem vor Journalisten in Tel Aviv.

Der israelische MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu hingegen bekrĂ€ftigte die harte Linie seiner Regierung. Es sei nötig, weiter militĂ€rischen Druck auf die Hamas auszuĂŒben, um die in den Gazastreifen verschleppten Geiseln freizubekommen, sagte er. Es gebe keine Alternative zu einem militĂ€rischen Zusammenbruch der militanten PalĂ€stinenserorganisation. Der Gaza-Krieg könne in wenigen Monaten gewonnen werden, zeigte sich der Regierungschef ĂŒberzeugt.

Angesichts des Leids der Zivilbevölkerung im Gazastreifen wegen der israelischen MilitĂ€roffensive rief Blinken die Regierung in Jerusalem dazu auf, mehr humanitĂ€re Hilfe zuzulassen. Die ĂŒberwĂ€ltigende Mehrheit der Menschen in dem KĂŒstengebiet habe nichts mit dem Angriff der Hamas zu tun gehabt, sagte er. "Wir können und dĂŒrfen unsere gemeinsame Menschlichkeit nicht aus den Augen verlieren", mahnte er.

Terroristen hatten am 7. Oktober im Auftrag der Hamas ein verheerendes Massaker an Hunderten Zivilisten in Israel angerichtet. Seitdem fĂŒhrt Israel Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen. Bei dem Überfall auf Israel waren damals auch mehr als 250 Menschen als Geiseln genommen und in den Gazastreifen verschleppt worden. Einige davon wurden inzwischen freigelassen.

Seit Kriegsbeginn wurden nach Angaben der Hamas-Gesundheitsbehörde mehr als 27 700 Menschen getötet, Zehntausende weitere wurden demnach verletzt oder werden unter TrĂŒmmern vermisst. Die Angaben sind unabhĂ€ngig faktisch nicht zu ĂŒberprĂŒfen. Die hohe Zahl ziviler Opfer im Gaza-Krieg und die humanitĂ€re Katastrophe fĂŒr die palĂ€stinensische Zivilbevölkerung durch den Konflikt haben international Kritik am Vorgehen Israels ausgelöst.

Netanjahu kritisiert Forderungen der Hamas fĂŒr Geisel-Deal

Israels Regierungschef Netanjahu wies die von der Hamas im Gegenzug fĂŒr einen möglichen neuen Geisel-Deal aufgestellten Forderungen vehement zurĂŒck. Die gestellten Bedingungen wĂŒrden absehbar zu einem weiteren Massaker fĂŒhren, sagte er. Die PalĂ€stinenserorganisation hatte zuvor auf einen internationalen Vermittlungsvorschlag geantwortet und im Gegenzug fĂŒr eine weitere Freilassung von Geiseln gefordert, dass Israel mehr als 1500 palĂ€stinensische HĂ€ftlinge aus GefĂ€ngnissen entlĂ€sst - unter ihnen 500 HĂ€ftlinge, die zu lebenslangen oder sehr langen Haftstrafen verurteilt wurden. Die Hamas forderte darĂŒber hinaus einen vollstĂ€ndigen und umfassenden Waffenstillstand, eine Beendigung der Blockade des Gazastreifens und den Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten KĂŒstengebiets. Israel lehnt dies ab.

Blinken sieht Chancen auf Deal zwischen Israel und Hamas

US-Außenminister Blinken hingegen sieht Chancen auf einen möglichen Deal zwischen Israel und der Hamas. Die Reaktion der Hamas auf den internationalen Vermittlungsvorschlag enthalte zwar einige "Rohrkrepierer", sagte Blinken. "Aber wir sehen in dem, was zurĂŒckkam, auch Raum, um die Verhandlungen fortzusetzen und zu sehen, ob wir zu einer Einigung kommen können", betonte er. "Und wir glauben, dass wir ihn nutzen sollten."

Ehemalige Hamas-Geiseln kritisieren Regierungskurs

Mehrere ehemalige Geiseln kritisierten derweil den Kurs der israelischen Regierung. Der Preis, um die noch im Gazastreifen festgehaltenen Menschen zu befreien, sei hoch, rĂ€umte eine Frau nach Angaben der Zeitung "Times of Israel" bei einer Pressekonferenz ein. "Aber wenn wir es nicht tun, wird es Israel fĂŒr immer beschmutzen." Wenn die Geiseln nicht nach Hause kĂ€men, werde jeder wissen, "dass wir in einem Land leben, das sich keine Sorgen um unsere Sicherheit macht, das seine BĂŒrger nicht schĂŒtzt", sagte eine andere freigelassene Frau. Alles liege in Netanjahus HĂ€nden, erklĂ€rte dem Bericht zufolge eine weitere ehemalige Geisel. Sie habe große Angst, dass es keine Verschleppten mehr zu befreien geben werde, sollte der MinisterprĂ€sident seinen Weg fortsetzen.

UN-Chef Guterres warnt Israel vor MilitĂ€roffensive im SĂŒden Gazas

UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres warnte Israel vor einer MilitĂ€roffensive im sĂŒdlichen Gazastreifen. "Ich bin besonders beunruhigt ĂŒber Berichte, dass das israelische MilitĂ€r beabsichtigt, sich als NĂ€chstes auf Rafah zu konzentrieren - wo Hunderttausende PalĂ€stinenser auf der verzweifelten Suche nach Sicherheit unter Druck geraten", sagte Guterres vor der UN-Vollversammlung in New York. Eine solche Aktion wĂŒrde das, "was bereits ein humanitĂ€rer Albtraum mit ungeahnten regionalen Folgen ist, exponentiell verstĂ€rken". Netanjahu hatte zuvor gesagt, er habe die politische FĂŒhrung der Armee angewiesen, sich auf einen Kampf in Rafah vorzubereiten.

EU-MilitĂ€roperation im Roten Meer soll in KĂŒrze beginnen

Derweil stehen die Planungen fĂŒr den EU-MilitĂ€reinsatz zur Sicherung der Handelsschifffahrt im Roten Meer kurz vor dem Abschluss. Wie mehrere Diplomaten der Deutschen Presse-Agentur bestĂ€tigten, soll bereits am Freitag ein schriftliches Beschlussverfahren zur Einrichtung der Operation Aspides beginnen. Der grundsĂ€tzliche Plan fĂŒr den EU-MilitĂ€reinsatz sieht vor, europĂ€ische Kriegsschiffe zum Schutz von Frachtschiffen in die Region zu entsenden. Diese sollen dann dort Handelsschiffe vor Angriffen der militant-islamistischen Huthi aus dem Jemen schĂŒtzen. Die Miliz will mit dem Beschuss von Schiffen ein Ende der israelischen Angriffe im Gazastreifen erzwingen.

Was am Donnerstag wichtig wird

In der Ă€gyptischen Hauptstadt Kairo sollen Medienberichten zufolge neue Verhandlungen ĂŒber die Freilassung weiterer von der Hamas verschleppter Geiseln beginnen. Zu den von Ägypten und Katar moderierten GesprĂ€chen wurde laut einem Bericht des Fernsehsenders Al-Dschasira auch Hamas-Chef Ismail Hanija erwartet. In Israel wollte sich US-Außenminister Blinken zudem mit Benny Gantz, Minister im Kriegskabinett, und OppositionsfĂŒhrer Jair Lapid treffen.

@ dpa.de