Pflegende Angehörige, Arbeitsmarkt 2045

Pflege Angehöriger gefährdet bis 2045 rund 229.000 Stellen

Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 12:14 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Eine Analyse von Bertelsmann Stiftung und Prognos erwartet bis 2045 erhebliche Folgen für Beschäftigung und Wachstum. Besonders Frauen könnten ihre Arbeitszeit wegen der Pflege von Angehörigen reduzieren oder ganz aus dem Beruf ausscheiden.

Pflegearbeit verändert Erwerbschancen

  • Im Jahr 2045 könnten rund 580.000 Frauen wegen Pflegeverantwortung weniger oder gar nicht erwerbstätig sein.
  • Der daraus errechnete Verlust entspricht etwa 173.000 Vollzeitstellen.
  • Der SoVD fordert eine grundlegende Reform, nachhaltige Finanzierung und einen fairen Ausgleich der Pflegeversicherung.
Die meisten Pflegebedürftigen werden daheim betreut. (Archivbild) - Bild: Christophe Gateau/dpa

Pflege von Angehörigen belastet den Arbeitsmarkt

Eine steigende Zahl pflegender Angehöriger könnte dem deutschen Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren spürbar Erwerbspotenzial entziehen. Eine Analyse der Bertelsmann Stiftung und des Forschungsinstituts Prognos erwartet für 2045 einen Verlust von rund 229.000 Vollzeitstellen.

Mehr Pflege, weniger Erwerbsarbeit

Der Prognose zufolge werden derzeit rund sechs Millionen Pflegebedürftige in Deutschland versorgt; drei Viertel von ihnen erhalten Unterstützung durch Angehörige zu Hause. Etwa 4,6 Millionen Menschen beziehungsweise 8,7 Prozent der Bevölkerung im Erwerbsalter leisten diese Pflegearbeit.

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Frauen besonders stark betroffen

Der Anteil pflegender Menschen im Erwerbsalter könnte bis 2045 auf 13,3 Prozent steigen. Frauen stellten 2023 mit 63 Prozent bereits fast zwei Drittel der pflegenden Angehörigen.

Für 2045 geht die Modellrechnung davon aus, dass rund 580.000 Frauen wegen ihrer Pflegeverantwortung weniger oder gar nicht erwerbstätig sein werden. Das entspräche etwa 173.000 Vollzeitstellen und damit dem größten Teil des erwarteten Erwerbsverlusts.

Politik und Unternehmen gefordert

Viele Pflegende reduzieren ihre Arbeitszeit oder unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit vollständig. Stiftungsexpertin Michaela Hermann warnte vor Rückschritten bei der Gleichstellung und forderte bessere Unterstützung durch Politik und Unternehmen.

Als mögliche Maßnahmen gelten flexiblere Arbeitszeiten, Homeoffice und Hilfen beim Wiedereinstieg. Der Sozialverband Deutschland verlangt zudem eine grundlegende Reform, eine nachhaltige Finanzierung und einen fairen Ausgleich zwischen privater und gesetzlicher Pflegeversicherung.

Pflege zu Hause entlastet das System

Die Stiftung Patientenschutz betont, dass die häusliche Pflege durch Angehörige die Versorgung von Millionen Menschen ermöglicht. Sie fordert in den anstehenden Reformen eine stärkere Anerkennung der Leistungen pflegender Angehöriger und bessere soziale Absicherung.

Die Prognose trifft auf eine Pflegeversorgung, die in Deutschland stark von familiärer Unterstützung abhängt. Drei Viertel der rund sechs Millionen Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut. Damit übernehmen Angehörige eine Leistung, die stationäre und ambulante Strukturen entlastet, zugleich aber häufig mit weniger Erwerbsarbeit verbunden ist.

Der demografische Wandel verschärft diesen Zielkonflikt. Wenn die Zahl älterer und pflegebedürftiger Menschen wächst, steigt nicht nur der Unterstützungsbedarf in den Familien. Gleichzeitig stehen den Unternehmen weniger Arbeitsstunden zur Verfügung, sofern Angehörige ihre Arbeitszeit reduzieren oder ihre Beschäftigung unterbrechen. Der prognostizierte Verlust von 229.000 Vollzeitstellen beschreibt daher nicht nur ein arbeitsmarktpolitisches, sondern auch ein sozialpolitisches Problem.

Frauen tragen die Hauptlast

Besonders relevant ist die geschlechtsspezifische Verteilung. Frauen stellen bereits heute 63 Prozent der pflegenden Angehörigen und übernehmen häufiger zeitintensive Pflege. Das kann Einkommen, berufliche Entwicklung und spätere Alterssicherung beeinträchtigen. Für Betriebe gewinnen deshalb flexible Arbeitszeiten, verlässliche Vertretungen und gute Rückkehrmöglichkeiten an Bedeutung.

Die Entwicklung erhöht zugleich den Reformdruck auf die Pflegeversicherung. Entlastungsangebote müssen im Alltag erreichbar sein und pflegende Angehörige dürfen nicht zwischen Erwerbsarbeit und Versorgung aufgerieben werden. Für Beschäftigte bedeutet die Prognose, dass Fragen zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege künftig mehr Familien und Arbeitgeber direkt betreffen werden.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

ntv: „Studie: Hunderttausende pflegende Angehörige fehlen dem Arbeitsmarkt“ (20.10.2026)

Der Beitrag bestätigt die Prognose von 229.000 verlorenen Vollzeitstellen bis 2045 und hebt den Anstieg gegenüber dem heutigen Erwerbsverlust hervor. Zusätzlich richte er den Blick auf ein angekündigtes Familienpflegegeld und die Folgen für Einkommen und Alterssicherung.

Deutschlandfunk: „Pflege von Angehörigen verschärft Arbeitskräftemangel“ (20.10.2026)

Der Deutschlandfunk bestätige die zentralen Zahlen und ordne sie stärker als Teil des Arbeitskräftemangels ein. Offen bleibe, wie Politik und Unternehmen die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf konkret verbessern könnten.

Beide Beiträge stimmten bei Prognose, demografischer Ursache und besonderer Belastung von Frauen überein. Unterschiede gebe es vor allem beim Schwerpunkt: Der eine Beitrag betone Reformoptionen und soziale Folgen, der andere die Auswirkungen auf das Arbeitskräfteangebot.

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