Produktivität, Deutschland

Produktivität: Deutschland braucht 1,6 % Wachstum pro Jahr

Veröffentlicht am: 18.08.2026 um 10:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Die Produktivität in Deutschland steigt nur noch um 0,3 Prozent jährlich. Das IW fordert Maßnahmen in fünf Bereichen, um den Wohlstand zu sichern.

IW-Studie: Deutschlands Produktivität wächst zu langsam – fünf Hebel für mehr Wirtschaftskraft
Ein Facharbeiter in einer modernen deutschen Industriehalle nutzt ein digitales Tablet zur Steuerung automatisierter Anlagen. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat in einer aktuellen Studie vom 16. August 2026 einen deutlichen Rückgang des Produktivitätswachstums in Deutschland analysiert. Während die Zuwächse in den 1980er und 1990er Jahren noch bei durchschnittlich 2 % lagen, sanken sie in den 2010er Jahren auf 1 %.

In den vergangenen sechs Jahren verlangsamte sich das Wachstum weiter auf lediglich 0,3 %. Um den aktuellen Wohlstand dauerhaft zu sichern, wäre laut den Studienautoren jedoch eine jährliche Steigerung von 1,6 % erforderlich.

Fünf Hebel zur Steigerung der Produktivität

Die Experten des IW identifizieren fünf zentrale Bereiche, um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu erhöhen: Digitalisierung, Künstliche Intelligenz (KI), Innovationen, Bürokratieabbau und Investitionen. Besonders im Bereich der Digitalisierung bestehe Nachholbedarf.

Würde Deutschland das Niveau der Schweiz erreichen, wo der Anteil der Digitalwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei 6 % liegt (Deutschland: unter 2 %), könnte die Produktivität langfristig um 5 % steigen.

Auch im Bereich der KI-Nutzung hinkt Deutschland mit einer Quote von 26 % hinter Vorreitern wie dänemark (42 %) her. Eine stärkere Adaption könnte bis zum Jahr 2034 ein Produktivitätsplus von 9,3 % ermöglichen.

Bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) liegt Deutschland derzeit bei 2 % des BIP, während Israel eine Quote von 6 % erreicht. Eine Angleichung an solche Spitzenwerte verspricht laut IW ein langfristiges Potenzial von 13 %. Ein sofortiger Abbau von Bürokratie könnte zudem kurzfristig ein Wachstum von 1,6 % auslösen.

Fachliche Kritik an den Berechnungsgrundlagen

Trotz der deutlichen Empfehlungen gibt es auch kritische Stimmen zur methodischen Umsetzung der IW-Studie. Experten bewerten den in der Analyse genannten Faktor 5 für das Produktivitätspotenzial als rechnerisch fragil. Sollte das Grundwachstum statt bei 0,3 % bei 0,5 % liegen, würde sich lediglich ein Faktor 3 ergeben.

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Zudem wird zwischen kurz- und langfristigen Effekten differenziert. Während der Bürokratieabbau kurzfristig mit einem Plus von 1,6 % den größten Hebel darstellt, folgen KI mit 0,6 % und Investitionen mit 0,4 % in weitem Abstand. Langfristig hingegen werden die stärksten Impulse von Forschung und Entwicklung (13 %) sowie der Nutzung von KI (9,3 %) erwartet.

Demografischer Wandel und steigender Kostendruck

Die Dringlichkeit von Produktivitätssteigerungen wird durch Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) unterstrichen. Demnach erreicht das Erwerbspersonenpotenzial im Jahr 2025 seinen Höhepunkt und wird 2026 voraussichtlich um 41.000 auf 48,6 Millionen Personen sinken. Damit stehen erstmals mehr Rentenabgänge als Nachrücker im Arbeitsmarkt gegenüber. Eine Analyse von McKinsey beziffert die demografischen Folgen auf einen jährlichen Rückgang des BIP um 0,7 %.

Gleichzeitig belastet der internationale Standortwettbewerb die Industrie. Laut dem Energiewende-Barometer der IHK berichten 49 % der Unternehmen von gestiegenen Strompreisen, was 40 % der Industriebetriebe dazu veranlasst, über Produktionsverlagerungen nachzudenken. Bei Großunternehmen liegt dieser Wert sogar bei fast 60 %.

Konkrete Beispiele wie der Automobilzulieferer KACO verdeutlichen die Kostendifferenz: Während die Arbeitsstunde in Deutschland 49,50 Euro kostet, liegt sie in Ungarn bei 15,60 Euro. Mercedes gibt an, dass die Produktion in Ungarn um 70 % günstiger sei als an heimischen Standorten.

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Strukturwandel in der Kernindustrie

Diese Rahmenbedingungen führen zu einem merklichen Stellenabbau. Das EY-Industriebarometer zeigt, dass seit 2019 bereits jeder 14. Industriearbeitsplatz verloren gegangen ist, in der Automobilbranche sogar jeder sechste. BMW plant aktuell den Abbau von 8.000 Stellen. Laut einer Umfrage von Horvath erwarten 60 % der Unternehmen bis zum Jahr 2030 einen weiteren Rückgang der Beschäftigtenzahlen.

Zwar konnte das Bundeswirtschaftsministerium für das zweite Quartal ein leichtes BIP-Wachstum von 0,2 % im Vergleich zum Vorquartal vermelden, doch die Zahl der Insolvenzen stieg im Zeitraum von August 2025 bis Juli 2026 um 8,3 % auf 18.478 Fälle an.

Angesichts dieser Datenlage gewinnt die Forderung nach einer neuen Strategie für den Wirtschaftsstandort, insbesondere zur Förderung von Gründungen und technologischen Innovationen, zunehmend an Bedeutung.

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