Psychotherapie, Deutschland

Psychotherapie in Deutschland: Im Schnitt 20 Wochen bis zum Behandlungsplatz

Veröffentlicht am: 12.10.2026 um 06:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de

AOK-Daten zeigen mehr psychisch bedingte Ausfälle; lange Therapie-Wartezeiten und steigende Krankengeldausgaben verschärfen die Lage.

Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz: Fehlzeiten steigen deutlich
Ein leerer, sonnendurchfluteter Flur in einem modernen Bürogebäude mit minimalistischer Architektur. Illustration mit AI erstellt.

Anlässlich des Welttags der seelischen Gesundheit haben Interessenvertretungen, Krankenkassen und Organisationen mehr Anstrengungen für die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz sowie einen erleichterten Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung angemahnt. Berichten vom 10. Oktober 2026 zufolge rücken dabei strukturelle Arbeitsbelastungen, der Personalmangel und lange Wartezeiten auf Behandlungsplätze in den Fokus.

Deutlicher Anstieg psychisch bedingter Fehltage in Betrieben

Aktuelle Erhebungen belegen eine wachsende Belastung der Erwerbstätigen. Nach dem am 8. Oktober 2026 vorgestellten Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK kletterten die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen innerhalb eines Jahrzehnts um 42 Prozent.

Während im Jahr 2016 rechnerisch 284 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Mitglieder registriert wurden, lag dieser Wert im Jahr 2025 bei 403 Tagen. Bei den Burnout-Diagnosen verzeichnete der Report im selben Zeitraum ein Plus von 77 Prozent von 11,0 auf 19,5 Ausfalltage je 100 Versicherte.

Im Jahr 2025 führten seelische Leiden zu durchschnittlich 28,5 Ausfalltagen pro Fall, während Atemwegserkrankungen im Schnitt lediglich 5,7 Tage beanspruchten. AOK-Vorständin Carola Reimann wies auf einen ganz offensichtlichen Handlungsbedarf in den Betrieben hin.

Prof. Steffi Riedel-Heller von der Universität Leipzig ordnete als Mitautorin ein, dass mehr Fehltage nicht zwingend mehr Erkrankte bedeuteten, da Symptome heute besser erkannt und offener thematisiert würden. Gleichzeitig könne gute Arbeit als Schutzfaktor dienen, wenn sie Struktur, Anerkennung und Selbstwirksamkeit biete.

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Rene Bethke von der AOK Sachsen-Anhalt führte an, dass hohe emotionale Anforderungen, ein hohes Arbeitspensum, begrenzte Kontrolle und mangelnde Unterstützung längere Ausfallzeiten begünstigten. Gewerkschaften fordern vor diesem Hintergrund verbindliche psychische Gefährdungsbeurteilungen und Schutzverordnungen.

Auch der Österreichische Gewerkschaftsbund, der rund 1,2 Millionen Beschäftigte vertritt, betonte die Zunahme psychisch bedingter Fehlzeiten. Claudia Neumayer-Stickler vom ÖGB erklärte, seelische Gesundheit dürfe keinesfalls zur Privatsache erklärt werden, und forderte wirksame Gegenmaßnahmen sowie lebensphasenorientierte Modelle.

Hohe volkswirtschaftliche Kosten und Engpässe bei Therapieplätzen

Die finanziellen Konsequenzen für Unternehmen und Sozialkassen wachsen spürbar. Laut AOK stiegen die Ausgaben für Krankengeld im Jahr 2025 auf 21,6 Milliarden Euro.

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Eine Untersuchung eines Forschungsteams um Klaus Prettner von der Wirtschaftsuniversität Wien im Fachjournal Nature Medicine beziffert die weltweiten Kosten von Depressionen für den Zeitraum 2025 bis 2050 auf rund 10,7 Billionen Euro, was etwa 0,46 Prozent der jährlichen globalen Wirtschaftsleistung entspricht.

Auf Österreich entfalle demnach ein Schaden von rund 40 Milliarden Euro, wobei die Verluste primär aus sinkender Produktivität und geringerer Erwerbsbeteiligung resultierten.

Gleichzeitig bleibt der Weg in eine reguläre Behandlung von Hürden geprägt. In Deutschland beträgt die Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz im Durchschnitt rund 20 Wochen. Für Schleswig-Holstein ermittelte eine Auswertung der DAK für das erste Halbjahr 2026, in dem psychische Diagnosen der häufigste Grund für Krankschreibungen waren, teils Wartezeiten von bis zu 22 Wochen.

Nach Angaben von Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim leiden in Deutschland jährlich rund 30 Prozent der Bevölkerung an einer diagnostizierbaren, behandlungsbedürftigen Erkrankung, womit psychische Leiden auch die Hauptursache für Frühberentungen darstellen.

Die Weltgesundheitsorganisation wies zudem darauf hin, dass 2023 weltweit fast jeder siebte Mensch mit einer psychischen Störung lebte. Sie rief Regierungen und Gesundheitsdienste dazu auf, Menschen mit eigener Krankheitserfahrung enger in die Entwicklung von Hilfsangeboten einzubinden und den Ausbau gemeindenaher Unterstützungsstrukturen voranzutreiben.

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