Raffineriestrategie, Reiche

Raffineriestrategie: Reiche plant Vorlage im Frühjahr 2027

Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 22:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Bund, Länder, Industrie und Gewerkschaften erarbeiten einen Plan für Raffinerien; die Vorlage ist für Frühjahr 2027 vorgesehen.
Industrielle Raffinerieanlage mit Stahlrohren und Speichertanks bei Dämmerung. Illustration mit AI erstellt.

Bundeswirtschaftsministerin Reiche (CDU) hat den Dialog mit der Mineralölwirtschaft aufgenommen, um eine umfassende nationale Raffineriestrategie zu erarbeiten.

In den Prozess werden neben der Industrie auch die Bundesländer sowie die Gewerkschaften eingebunden, bevor der Entwurf dem Bundeskabinett vorgelegt werden soll. Nach Angaben des Mitteldeutschen Rundfunks gab es eine solche Strategie in Deutschland bislang nicht, obwohl die Anlagen zur kritischen Infrastruktur zählen.

Zeitplan und Arbeitsgruppen bis Frühjahr 2027

Nach den Plänen von Bundeswirtschaftsministerin Reiche soll ab November 2026 eine Reihe von Workshops mit Vertretern der Bundesländer, des Ministeriums, der Industrie, des Handels und der Gewerkschaften stattfinden. Beraten wird dabei in vier Arbeitsgruppen zu den Schwerpunkten Investitionsbedingungen, Infrastruktur, Resilienz sowie Verzahnung mit der Chemiestrategie.

Die Ministerin kündigte in Berlin an, die erste nationale Raffineriestrategie im Frühjahr 2027 vorzulegen. Ein entsprechender Kabinettsbeschluss ist für das erste Quartal 2027 beziehungsweise bis Ende März 2027 anvisiert.

Versorgungssicherheit und Bedeutung für die Chemieindustrie

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) verweist darauf, dass Deutschland über 11 Raffineriestandorte mit einer Verarbeitungskapazität von gut 92 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr verfügt. Ein möglicher Wegfall dieser Kapazitäten lasse sich nicht durch Importe ausgleichen und bedrohe vor allem die heimische Chemieindustrie.

Der Erhalt der Raffineriekapazitäten sei daher eine strategische Priorität der Industriepolitik. Gleichzeitig erfordere der anstehende Umbau auf nachhaltige Rohstoffe Investitionen in Milliardenhöhe. Zur Unterstützung bringt das Ministerium ressortübergreifend eine Studie zu einem resilienten Energiesystem auf den Weg.

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Die Ministerin wies zudem auf internationale Abhängigkeiten hin: Von rund 100 europäischen Raffinerien im Jahr 2009 seien mittlerweile 30 geschlossen oder umgewandelt worden. Durch den Ausfall der Golf-Lieferungen im Frühjahr habe Europa zwischenzeitlich ein Viertel der Versorgung mit Diesel und Kerosin verloren.

Fast die Hälfte der deutschen Dieselimporte stamme aus den USA. Zudem betonte Reiche, dass die europäische Methanverordnung in ihrer jetzigen Form von 80 Prozent der Öl- und Gasimporte nach Deutschland nicht erfüllt werden könne.

Nach Angaben des Branchenverbands Fuels Europe wurden im Zeitraum von 2009 bis 2025 europaweit 30 Raffinerien stillgelegt. Die Gesamtkapazität sank in der Europäischen Union, Norwegen, Großbritannien und der Schweiz um 168 Millionen Tonnen auf 625 Millionen Tonnen Ende 2025.

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Das Statistische Bundesamt ermittelte für das erste Halbjahr 2026 eine inländische Produktion von Motoren- und Flugbenzin in Höhe von 11,0 Millionen Tonnen, was einem Anstieg von 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Die Produktion von Dieselkraftstoff legte um 9,4 Prozent auf 15,8 Millionen Tonnen zu, während die Importe von Kraftstoffen deutlich rückläufig waren.

Reaktionen aus Politik, Verbänden und Gewerkschaften

In den Bundesländern stieß der Startschuss auf breite Zustimmung. Niedersachsens Wirtschaftsminister Tonne hob hervor, dass sein Land mit Standorten in Lingen, Salzbergen und Wilhelmshaven eine der bedeutendsten Raffinerieregionen sei. Er forderte einen wirksamen Carbon-Leakage-Schutz, wettbewerbsfähige Energiepreise, einen beschleunigten Ausbau der Wasserstoffinfrastruktur sowie schnellere Genehmigungen, um Raffinerien zu Energie- und Wasserstoffstandorten weiterzuentwickeln.

Auch Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Neubaur (Grüne) begrüßte den Vorstoß; das Land beherbergt mit zwei Standorten in Gelsenkirchen sowie Anlagen in Köln-Godorf und Köln-Wesseling die meisten Raffinerien.

Aus den Reihen der Bundestagsfraktion der Grünen äußerte Energiepolitiker Kellner hingegen Skepsis und kritisierte den Ansatz als Versuch einer Laufzeitverlängerung für fossiles Öl. Demgegenüber bezeichnete der Hauptgeschäftsführer des Verbands en2x, Küchen, das Vorhaben als von enormer Bedeutung.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft IGBCE, Vassiliadis, der an der Erarbeitung mitwirkt, verlangte ein langfristig tragfähiges Zukunftskonzept sowie eine Reform des europäischen Emissionshandels. Die Gewerkschaft betonte, dass die Raffineriestandorte – von denen sie 13 zählt – am Anfang zentraler Wertschöpfungsketten stünden.

Jede Stilllegung gefährde eine fünfstellige Zahl an Arbeitsplätzen in den weiterverarbeitenden Industriezweigen. Die IGBCE fordere deshalb klare Zusagen für Investitionen, Mitbestimmung und Tarifbindung.

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