Regionalverkehr: LĂ€nder fordern 14 Milliarden Euro mehr
Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 14:44 Uhr | dpa, AD HOC NEWSFinanzierung des Schienenpersonennahverkehrs
- Bundesverkehrsminister Steffen Bilger lehnt einen vollstÀndigen Ausgleich der Mehrkosten durch den Bund ab.
- FĂŒr 2027 sind im Haushaltsentwurf rund 13,7 Milliarden Euro Regionalisierungsmittel vorgesehen.
- Die LÀnder fordern bis 2031 zusÀtzlich 14 Milliarden Euro und eine Reform der Trassenpreisfinanzierung.
Bund weist Forderungen der LĂ€nder zurĂŒck
Die Bundesregierung sieht trotz drohender Einschnitte bei FahrplĂ€nen keinen finanziellen Spielraum, um die LĂŒcken im Nah- und Regionalverkehr auf der Schiene zu schlieĂen. Bei der zweitĂ€gigen Verkehrsministerkonferenz in Hohenschwangau lehnte Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) Forderungen der LĂ€nder nach einem Ausgleich der Mehrkosten ab.
FahrgÀste könnten höhere Preise zahlen
Als mögliche Folgen gelten höhere Ticketpreise oder seltener fahrende Bahnen. Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU), der die Konferenz derzeit leitet, warnte vor einem schlechteren Angebot und forderte Planungssicherheit fĂŒr LĂ€nder und AufgabentrĂ€ger.
Die LĂ€nder sind seit der Bahnreform fĂŒr den Schienenpersonennahverkehr zustĂ€ndig. Sie entscheiden, auf welchen Strecken und in welchem Umfang ZĂŒge fahren, und finanzieren die Bestellungen unter anderem mit Regionalisierungsmitteln des Bundes.
Regionalisierungsmittel steigen jÀhrlich
Diese Mittel erhöhen sich nach der dpa-Meldung jĂ€hrlich um drei Prozent. Im Haushaltsentwurf der Bundesregierung sind fĂŒr 2027 rund 13,7 Milliarden Euro vorgesehen.
Bilger sagte, der Bund unterstĂŒtze den Schienenpersonennahverkehr aktuell insgesamt mit mehr als 15 Milliarden Euro. Darin enthalten seien neben den Regionalisierungsmitteln unter anderem ZuschĂŒsse zum Deutschlandticket.
EuGH-Urteil verteuert die Nutzung des Netzes
Die LĂ€nder fĂŒhren ihre zusĂ€tzlichen Forderungen vor allem auf höhere Trassenpreise zurĂŒck. Der EuropĂ€ische Gerichtshof hatte eine Preisbremse fĂŒr den Nahverkehr gekippt; dadurch könnten die GebĂŒhren fĂŒr die Nutzung des Schienennetzes deutlich steigen.
Mit den Trassenpreisen finanziert die DB InfraGO einen wesentlichen Teil von Betrieb, Instandhaltung und Bereitstellung des Netzes. Die LĂ€nder verlangen, dass der Bund die Mehrbelastungen aus dem EuGH-Urteil vollstĂ€ndig ĂŒbernimmt und bis 2031 zusĂ€tzlich 14 Milliarden Euro Regionalisierungsmittel bereitstellt.
Erste Strecken bereits betroffen
In Sachsen kĂŒndigte der Verkehrsverbund Oberelbe vor kurzem an, wegen stark gestiegener Preise sein Zugangebot zu reduzieren. Fahrten auf einer S-Bahn-Linie und einer Regionalbahn-Strecke sollen entfallen.
Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen (CDU) warnte, Abbestellungen könnten sich kĂŒnftig nicht mehr auf verkehrsschwache Nacht- oder Wochenendzeiten beschrĂ€nken. Bernreiter beschrieb eine mögliche AbwĂ€rtsspirale: Weniger ZĂŒge wĂŒrden die Infrastrukturkosten auf weniger Fahrten verteilen und den Preis pro Zugkilometer weiter erhöhen.
Reform der Trassenpreise bleibt offen
NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (GrĂŒne) sagte, fĂŒr das grundsĂ€tzliche Problem und den Reformbedarf sei noch keine Lösung gefunden worden. Im Bundesverkehrsministerium werde an einer Neuregelung gearbeitet, Umfang und Entlastungswirkung seien aber noch offen.
Die LĂ€nder fordern, bestimmte Infrastrukturkosten nicht lĂ€nger ĂŒber Trassenpreise zu refinanzieren. Insbesondere investitionsbedingte Kosten sollen aus dem Preis fĂŒr die Nutzung des Netzes herausgelöst werden.
Der Streit berĂŒhrt die Grundfinanzierung des Schienenpersonennahverkehrs. Seit der Bahnreform bestellen die LĂ€nder die Verkehre, wĂ€hrend der Bund ihnen dafĂŒr Regionalisierungsmittel ĂŒberweist. Steigen die Kosten fĂŒr die Nutzung des Netzes schneller als diese Mittel, mĂŒssen LĂ€nder und AufgabentrĂ€ger entweder zusĂ€tzliche Haushaltsmittel mobilisieren oder das bestellte Angebot anpassen.
Das EuGH-Urteil verĂ€ndert dabei die bisherige Kostenverteilung. Die frĂŒhere Entlastung des Nahverkehrs bei den Trassenpreisen ist entfallen, weil sie nach der europĂ€ischen Gerichtsentscheidung den Wettbewerb verzerrte. Die finanzielle Belastung trifft die LĂ€nder unmittelbar, obwohl wesentliche Infrastrukturkosten bei der bundeseigenen DB InfraGO anfallen.
Folgen fĂŒr FahrgĂ€ste und Planung
FĂŒr FahrgĂ€ste entsteht ein doppeltes Risiko: Verkehrsunternehmen könnten weniger Zugkilometer anbieten, wĂ€hrend höhere Kosten ĂŒber Ticketpreise weitergegeben werden. Besonders angespannt ist die Lage dort, wo VerkehrsverbĂŒnde bereits Fahrten abbestellen mussten. Eine KĂŒrzung in schwach nachgefragten Zeiten kann kurzfristig Geld sparen, schwĂ€cht aber die VerlĂ€sslichkeit des Angebots und kann den Umstieg vom Auto erschweren.
Die LĂ€nder verlangen deshalb eine Reform, bei der investitions- und erhaltungsbedingte Infrastrukturkosten nicht vollstĂ€ndig ĂŒber jede Zugfahrt finanziert werden. Der Bund verweist dagegen auf begrenzte SpielrĂ€ume im Verkehrshaushalt und darauf, dass Regionalisierungsmittel bereits jĂ€hrlich steigen. Der Konflikt dĂŒrfte damit in den Haushaltsberatungen und bei der angekĂŒndigten Reform der Trassenpreise weitergehen. FĂŒr die konkrete Fahrplangestaltung bleiben zunĂ€chst die LĂ€nder und VerkehrsverbĂŒnde zustĂ€ndig.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
taz: âLĂ€nder mĂŒssen mehr fĂŒr Trassen zahlen : EuGH schadet dem Bahnverkehrâ (21.10.2026)
Der Beitrag ordne ein, dass das EuGH-Urteil die Trassenkosten fĂŒr den Regionalverkehr deutlich erhöhen könne und LĂ€nder deshalb vor AngebotskĂŒrzungen warnten. Anders als die dpa-Meldung richte er den Schwerpunkt auf Schleswig-Holstein und die dort erwarteten finanziellen Folgen.
NDR: âReform bei Trassenpreisen: Vorschlag aus SH angenommenâ (21.10.2026)
Der NDR berichte, die LĂ€nder hĂ€tten sich in Hohenschwangau einstimmig fĂŒr eine Reform der Finanzierung ausgesprochen. Der Beitrag stelle konkreter als die dpa-Meldung den Vorschlag Schleswig-Holsteins heraus, Erhaltungskosten des Netzes kĂŒnftig stĂ€rker aus dem Bundeshaushalt zu tragen; offen bleibe die Reaktion des Bundes.
Beide BeitrĂ€ge bestĂ€tigten den Zusammenhang zwischen höheren Trassenpreisen und dem Risiko von FahrplankĂŒrzungen. Unterschiede gebe es vor allem beim regionalen Schwerpunkt und bei der Darstellung konkreter LĂ€nderforderungen.
