Rollstuhl-Test, Delmenhorst

Rollstuhl-Test in Delmenhorst: Azubis erleben Alltags-Hürden in der Stadt

Veröffentlicht am: 11.09.2026 um 15:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Neue Haltestellen und Freizeitangebote verbessern die Teilhabe, während Bahnzugänge, Notfallschutz und geplante Reformen weiter Fragen aufwerfen.

Barrierefreiheit im Fokus: Neue Wege, Kritik und offene Baustellen
Eine moderne, barrierefreie Bushaltestelle im urbanen Raum mit taktilen Bodenleitsystemen für sehbehinderte Menschen. Illustration mit AI erstellt.

In Delmenhorst haben Auszubildende der Pflegefachschule Stephanusstift in einem Selbstexperiment die Herausforderungen des Rollstuhl-Alltags in der Innenstadt untersucht. Ziel der Aktion war es, die Empathie und das Bewusstsein für bestehende Barrieren zu stärken.

Wie die Auszubildende Nele Albrecht nach dem Experiment berichtete, hätten bereits geringfügige Hindernisse wie Bodenunebenheiten oder Bordsteinkanten erhebliche Auswirkungen auf die Mobilität im öffentlichen Raum. Parallel dazu wurden in Wien und Brandenburg neue Infrastrukturmaßnahmen zur Verbesserung der Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr umgesetzt oder angekündigt.

Erweiterung des Verkehrsnetzes und barrierefreier Ausbau

In Wien wurde im Bereich Währing und Hernals die neue Bushaltestelle „Lazargasse“ am Lidlberg in Betrieb genommen. Die Linien 10A und 42A bedienen diesen neuen Halt, der eine bisherige Lücke zwischen den Stationen Czartoryskigasse und Richthausenstraße schließt.

Diese Distanz war zuvor fast doppelt so groß wie der städtische Durchschnitt von 300 Metern. Im Zuge der Arbeiten wurde zudem die Kreuzung am Lidlberg über die Sommermonate in einen Kreisverkehr mit Schutzwegen umgestaltet.

In Cottbus beginnt am 14. September 2026 der barrierefreie Ausbau der ÖPNV-Haltestellen in der Skadower Schulstraße. Die Fertigstellung ist für den 30. Oktober 2026 geplant. Das Bauvorhaben umfasst befestigte Warteflächen, ein Blindenleitsystem sowie spezielle Bus-Sonderborde.

Zu einem späteren Zeitpunkt soll zudem ein Fahrgastunterstand errichtet werden. Für den Einsatz von Gelenkbussen wird der nördliche Einmündungsradius aufgeweitet. Während der Bauphase, die durch das Land Brandenburg und die Stadt Cottbus finanziert wird, bleibt die Straße voll gesperrt; Umleitungen und Ersatzhaltestellen sind eingerichtet.

Kritik an Bahninfrastruktur und technische Defekte

Nicht alle Sanierungsprojekte erfüllen die Anforderungen an die Barrierefreiheit vollständig. Bei der Generalsanierung des Bahnhofs Osterspai wird zwar der Mittelbahnsteig umgebaut, dieser bleibt jedoch für Rollstuhlfahrer weiterhin unerreichbar.

Auch für Personen mit Kinderwagen, Fahrrädern oder Rollatoren ist der Zugang erschwert, was zu deutlicher Kritik seitens des örtlichen Bürgermeisters und Vertretern der CDU Loreley gegenüber der Deutschen Bahn führte.

Am Hauptbahnhof Kaiserslautern kommt es ebenfalls zu Einschränkungen. Am Südausgang sind zwei Aufzüge aufgrund defekter Außenruftaster störanfällig. Eine Reparatur wurde beauftragt, wobei die Dauer aufgrund fehlender Ersatzteile noch unklar ist. Am Hauptausgang befinden sich die Aufzüge und Rolltreppen seit Ende Juni 2026 im Austausch. Die Deutsche Bahn strebt eine Fertigstellung im dritten Quartal 2026 an.

Sicherheit und rechtliche Rahmenbedingungen

Das Deutsche Institut für Menschenrechte wies anlässlich des Warntags auf das erhöhte Risiko für Menschen mit Behinderungen in Notfällen hin. Deren Sterberisiko liege in Katastrophensituationen bis zu viermal höher als bei Menschen ohne Behinderungen.

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Das Institut fordert daher die Aufnahme dieser Personengruppe als besonders gefährdet in das Zivilschutzgesetz des Bundes sowie in die Katastrophenschutzgesetze der Länder. Zudem müssten Barrierefreiheit als Standard etabliert und Selbstvertretungen stärker in Übungen einbezogen werden.

Im Bereich des Transportwesens planen der VSPV und der SoVD, den Begriff des „Inklusionstaxis“ im Sozialgesetzbuch zu verankern. Ein entsprechendes Positionspapier für den Bundestag soll bis Weihnachten 2026 vorliegen.

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Während Einigkeit mit dem Sozial- und Arbeitsministerium besteht, gibt es Differenzen über die Notwendigkeit einer neuen Sozialleistung und die Finanzierung, die nach Ansicht der Verbände rein durch den Bund erfolgen sollte. Das Thema soll zudem in Gesprächen mit Bundesverkehrsminister Bilger im Rahmen der PBefG-Reform erörtert werden.

Gesundheitsversorgung und Freizeitangebote

Eine Untersuchung der Universität Bielefeld, die im Bundesgesundheitsblatt veröffentlicht wurde, identifizierte das Phänomen des „Diagnostic Overshadowing“ in der medizinischen Versorgung. Dabei würden neue Beschwerden bei Patienten mit Behinderungen vorschnell auf deren bestehende Beeinträchtigung zurückgeführt.

Juristisch weisen Experten darauf hin, dass Reha-Träger die Zuständigkeit gemäß § 14 SGB IX innerhalb von zwei Wochen klären müssen und für Widersprüche eine Frist von einem Monat gilt.

Im Freizeitbereich wurde am Düsseldorfer Unterbacher See seit dem Sommer 2026 ein barrierefreies Tretboot mit Rollstuhlrampe eingeführt. Das Boot, dessen Miete 30 Euro pro Stunde beträgt, bietet Platz für Gruppen, Kinderwagen oder Rollatoren. Die Qualitätsmanagerin Daniela Wadenpohl bezeichnete die Anschaffung als einen ersten Schritt zu umfassender Barrierefreiheit am See.

Fortschritte in der Marktüberwachung und bei Großveranstaltungen

Im Finanzsektor befinden sich die Barrierefreiheitsregeln für Bankdienstleistungen (BFSG) seit Januar 2026 in der aktiven Prüfphase durch die Marktüberwachungsstelle der Länder in Magdeburg. Erste förmliche Bescheide werden noch im laufenden Jahr erwartet. Angesichts von rund 7,9 Millionen Menschen mit anerkannter schwerer Behinderung in Deutschland (Stand 2023) gewinnt diese Überwachung an Bedeutung.

In Wien fand zudem am 5. September 2026 der 18. Diversity Ball im Rathaus statt. Unter dem Motto „Move With Us“ nahmen über 3.000 Gäste teil. Erstmals wurde der Preis der Vielfalt in der Kategorie Einzelperson vergeben, wobei Candy Licious und Nathalie Karrée geehrt wurden. Ein Sonderpreis für das Lebenswerk ging an Norbert Pauser. Die nächste Ausgabe der Veranstaltung wurde für den 18. September 2027 angekündigt.

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