Nato-GeneralsekretÀr, Putin

Nato-GeneralsekretĂ€r: Putin hat die Ukraine fĂŒr immer verloren

22.12.2023 - 09:01:47

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine geht in wenigen Wochen ins dritte Jahr.

MĂŒssen die Regierung in Kiew und der Westen eingestehen, dass die Hoffnungen auf eine Niederlage von Kreml-Chef Wladimir Putin illusorisch waren? Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht Nato-GeneralsekretĂ€r Jens Stoltenberg (64) ĂŒber die schwierige Lage an der Front und fordert Alliierte auf, ĂŒber PrioritĂ€ten bei Waffenexporten nachzudenken.

Frage: Herr GeneralsekretĂ€r, die Ukraine befindet sich mitten im zweiten Kriegswinter und die Nachrichten von der Front sind eher dĂŒster. Aus der Perspektive der Nato: Wie groß ist das Risiko, dass die Schlacht zuungunsten der Ukraine kippt?

Antwort: In der Tat, die Situation auf dem Schlachtfeld ist schwierig. Die Frontlinie hat sich in den letzten Wochen nicht stark verĂ€ndert. Aber wir mĂŒssen uns daran erinnern, wo wir angefangen haben. Als Russland am 24. Februar 2022 in der Ukraine einmarschierte, befĂŒrchteten die meisten Experten, dass Russland innerhalb von Tagen die Kontrolle ĂŒber Kiew ĂŒbernehmen wĂŒrde - auch hier bei der Nato. Seitdem konnten die Ukrainer 50 Prozent des ursprĂŒnglich besetzten Territoriums befreien. Sie haben große Schlachten in Kiew, Charkiw und Cherson gewonnen - das sind bemerkenswerte militĂ€rische Siege. Die Ukraine hat sich als souverĂ€ner, unabhĂ€ngiger Staat behauptet und Russland dabei schwere Verluste zugefĂŒgt.

Frage: Können Sie diese Verluste spezifizieren?

Antwort: Der vorgeschobene Zweck dieser Invasion war es, zu verhindern, dass die Ukraine sich in Richtung Nato und EuropĂ€ische Union bewegt. Putin will ein Europa, in dem Russland seine Nachbarn dominieren kann. Die Ukraine ist jetzt aber nĂ€her an der Nato und der EU als je zuvor. Das ist eine große strategische Niederlage fĂŒr Russland. PrĂ€sident Putin hat die Ukraine fĂŒr immer verloren. Zudem hat Russland Hunderte von Flugzeugen, Tausende von Panzern verloren, 300 000 Soldaten wurden getötet oder verwundet. Auch ist Russland politisch isolierter und die Wirtschaft ist schwĂ€cher. Die Inflation steigt, der Lebensstandard sinkt.

Frage: Warum konnten die Ukrainer in diesem Jahr an der Front keine grĂ¶ĂŸeren Fortschritte erzielen?

Antwort: Ich bin sehr vorsichtig, wenn es darum geht, in BrĂŒssel zu sitzen und diejenigen zu beurteilen, die sehr schwierige Entscheidungen auf dem Schlachtfeld treffen. Die russische Armee hatte Zeit, sich wirklich festzusetzen, gut vorbereitete Verteidigungslinien mit riesigen Minenfeldern, GrĂ€ben und Hindernissen fĂŒr Kampfpanzer zu errichten. Diese Verteidigungslinien sind schwer zu durchdringen - insbesondere, wenn man keine Luftwaffe hat, die diese Operationen wirklich unterstĂŒtzen kann.

Frage: Bis die ersten westlichen F-16-Kampfjets kommen, wird es noch dauern. Und nach den jĂŒngsten Daten ist die neu zugesagte Hilfe zuletzt auf einen Tiefpunkt gesunken. Laut EU-Statistiken geht nur ein Bruchteil der aktuellen Produktion von Artilleriegranaten in Europa an die Ukraine, sondern stattdessen in die eigenen Lager und in Drittstaaten. Sind das auch GrĂŒnde fĂŒr die langsamen Fortschritte?

Antwort: Die Alliierten haben tief in die vorhandenen LagerbestĂ€nde gegriffen, um in der Lage zu sein, Munition und UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine bereitzustellen. Das war die richtige Entscheidung. Jetzt besteht Bedarf, diese BestĂ€nde wieder aufzufĂŒllen. Das ist die eine Sache. Die andere Frage ist tatsĂ€chlich, ob wir so viel in DrittlĂ€nder exportieren mĂŒssen, wie wir es gegenwĂ€rtig tun. Die VerbĂŒndeten sollten prĂŒfen, ob sie nicht Vereinbarungen ĂŒber den Export an DrittlĂ€nder Ă€ndern können, um mehr UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine zu ermöglichen. Insgesamt mĂŒssen wir unsere Produktion hochfahren um der Ukraine besser zu helfen und uns besser zu schĂŒtzen.

Frage: Der frĂŒhere Nato-General Philip M. Breedlove sagte jĂŒngst: "Dieser Krieg wird genau so enden, wie es die westlichen Politiker wollen." Geben Sie ihm Recht?

Antwort: Der Hauptgrund, warum die Ukraine in der Lage war, die Russen zurĂŒckzudrĂ€ngen, ist der Mut, die Entschlossenheit und die FĂ€higkeiten der ukrainischen StreitkrĂ€fte. NatĂŒrlich sind sie aber auf unsere UnterstĂŒtzung angewiesen. Wenn wir wollen, dass die Ukraine siegt, dann ist der Weg dazu die militĂ€rische UnterstĂŒtzung. Wir mĂŒssen sicherstellen, dass wir diese UnterstĂŒtzung aufrechterhalten.

Frage: In Russland ist fĂŒr den 17. MĂ€rz 2024 eine PrĂ€sidentenwahl angesetzt, aus der aller Voraussicht nach wieder Putin als Sieger hervorgehen wird. BefĂŒrchten Sie, dass Putin nach den Wahlen in Russland eine weitere Großoffensive starten könnte?

Antwort: Wir haben keine Anzeichen dafĂŒr, dass Putin seine Ziele und seine Politik Ă€ndern wird. Er wird weiter versuchen, mehr Gebiete zu besetzen. Das ist der Grund, warum er zusĂ€tzliche KrĂ€fte mobilisiert, warum er seine Wirtschaft in den Kriegsmodus versetzt hat. Ja, sein Ziel ist es, die Kontrolle ĂŒber die Ukraine zu ĂŒbernehmen. Aber nochmals, die Ukrainer haben gezeigt, dass sie in der Lage sind, sich zu verteidigen, sich zur Wehr zu setzen, besonders, wenn sie Waffen aus Deutschland und vielen anderen Nato-Staaten erhalten.

Frage: MilitĂ€rische Verantwortliche sehen es als ein Problem an, dass PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj sich aus politischen GrĂŒnden davor scheut, 18- bis 27-JĂ€hrige zum MilitĂ€rdienst zu verpflichten. Was denken sie darĂŒber?

Antwort: Ich werde mich hĂŒten, PrĂ€sident Selenskyj RatschlĂ€ge zu geben, wie er den Krieg am besten fĂŒhren sollte. Niemand kennt den Bedarf an Soldaten besser als die Ukrainer.

Frage: Die Nato wird im nÀchsten Jahr ihr 75-jÀhriges Bestehen mit einem dreitÀgigen JubilÀumsgipfel in Washington feiern und es ist wahrscheinlich, dass auch Selenskyj dazu eingeladen wird. Kann die Ukraine bei diesem Gipfel auf eine Einladung zum Beitritt zur Nato hoffen?

Antwort: Es ist noch zu frĂŒh zu sagen, wann eine Einladung erfolgen wird. Auch die Ukrainer erkennen an, dass es extrem schwierig ist, sie mitten im Krieg einzuladen. Die VerbĂŒndeten haben aber alle grundsĂ€tzlich zugestimmt, dass die Ukraine Mitglied wird. Die Ukraine ist jetzt nĂ€her an der Nato als je zuvor. Ich bin mir absolut sicher, dass sie das Ziel irgendwann erreichen werden.

Frage: Ein ganz anderes Thema. Sie werden Ende September nach zehn Jahren aus dem Amt scheiden. Was sind Ihre PlĂ€ne fĂŒr den Ruhestand? Schluss mit der Politik?

Antwort: Ich habe noch keine PlĂ€ne. Ich bin aber zuversichtlich, dass ich eine sinnvolle BeschĂ€ftigung finden werde. Mein Fokus liegt jetzt auf meiner Aufgabe als GeneralsekretĂ€r. Ich werde noch fast ein Jahr bleiben, und das ist eine kritische Zeit fĂŒr die Nato.

Frage: Ihr Nachfolger könnte es wie Sie mit einem US-PrĂ€sidenten namens Donald Trump zu tun bekommen. Wie besorgt sind Sie ĂŒber dieses Szenario?

Antwort: Ich bin ich zuversichtlich, dass sich die USA weiterhin zur transatlantischen Partnerschaft bekennen werden - unabhĂ€ngig davon, wer zum PrĂ€sidenten gewĂ€hlt wird. Denn das liegt im Interesse der Vereinigten Staaten. Keine andere Großmacht auf der Welt, weder Russland noch China, hat etwas Vergleichbares zu dem, was die Vereinigten Staaten mit der Nato haben. Die Nato macht die Vereinigten Staaten sicherer und stĂ€rker.

Frage: Als ein Favorit im Rennen um ihre Nachfolge gilt der scheidende niederlÀndische Premierminister Mark Rutte. WÀre er Ihrer Meinung nach ein guter GeneralsekretÀr?

Antwort: Mark ist ein Freund und er ist ein fĂ€higer MinisterprĂ€sident mit viel Erfahrung. Ich habe mit ihm schon zusammengearbeitet, als ich noch MinisterprĂ€sident war. Und es war immer eine Freude, mit ihm zusammenzuarbeiten. Aber es nicht an mir, eine Empfehlung darĂŒber abzugeben, wer mir nachfolgen sollte. Ich bin fĂŒr alle Entscheidungen bei der Nato verantwortlich außer einer, und das ist die ĂŒber meine Nachfolge.

ZUR PERSON: Der Norweger Jens Stoltenberg (64) ist seit Oktober 2014 GeneralsekretÀr der Nato. Zuvor war er insgesamt fast zehn Jahre MinisterprÀsident seines Heimatlandes. In dieser Funktion erlebte er auch die AnschlÀge eines rechtsextremen Massenmörders in Oslo und auf UtÞya im Sommer 2011. Stoltenberg ist Vater zweier erwachsener Kinder. Zu seinen Hobbys zÀhlen Skilanglauf und Radfahren.

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