Schweizer lehnen Abschottung durch strikte NeutralitÀt ab
Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 16:59 Uhr | dpa, AD HOC NEWS(Aktualisierung: Endergebnis)
BERN (dpa-AFX) - In der Schweiz ist die NeutralitĂ€tsinitiative bei einer Volksabstimmung gescheitert. Die Bevölkerung will nicht die Zusammenarbeit mit NachbarlĂ€ndern weiter einschrĂ€nken oder GeschĂ€fte mit LĂ€ndern machen, die einen Krieg angezettelt haben. 70,2 Prozent Nein-Stimmen meldete das Bundesamt fĂŒr Statistik. Die Mehrheit lehnte damit den VorstoĂ ab, eine sehr strikte Auslegung der Schweizer NeutralitĂ€t in die Verfassung zu schreiben.
Das Thema hat bewegt, seit Wochen fanden landesweit hitzige Diskussionen statt. FĂŒr viele Schweizer gehört die NeutralitĂ€t zur DNA des Landes wie die PrĂ€zisionsuhren und der KĂ€se. Aber: "Wir sind zwar alle dafĂŒr, aber jeder versteht etwas anderes darunter", sagte Helen Keller, Professorin fĂŒr Völkerrecht an der UniversitĂ€t ZĂŒrich.
Hinter dem Vorstoà stand die Vereinigung "Pro Schweiz", die der wÀhlerstÀrksten Partei, der rechtskonservativen SVP, nahesteht. Vorbei sei der Kampf trotz Niederlage nicht, sagte SVP-Urgestein Christoph Blocher (85) schon vorher: "Wenn wir verlieren, kommen wir halt wieder."
Krieg, Frieden und GeschÀfte
Nach Darstellung von "Pro Schweiz" geht es ihr in erster Linie um Krieg und Frieden. Dass auch die Wirtschaft profitieren wĂŒrde, rĂ€umt sie freimĂŒtig ein. Mit einer Friedenstaube auf den Plakaten und dem Slogan "Kein Krieg" wollte sie suggerieren, dass die Schweiz mit einer strikten NeutralitĂ€t vor Angriffen besser geschĂŒtzt wĂ€re.
"Die Sicherheit in unserem Land ist heute massiv gefĂ€hrdet worden", sagte Walter Wobmann, PrĂ€sident des Initiativkomitees. Blocher gab sich vorher ĂŒberzeugt, dass Russland bei einem etwaigen Krieg gegen europĂ€ische LĂ€nder nur an der Schweizer Grenze stoppen wĂŒrde, wenn sie strikt neutral wĂ€re, wie er im GesprĂ€ch mit der "Neuen ZĂŒrcher Zeitung" (NZZ) sagte.
So sei das Land auch im Zweiten Weltkrieg verschont geblieben. Damals lieferte die Schweiz dem NS-Regime Waffen, Strom und Devisen, in dem sie Gold aus Nazi-Deutschland kaufte, darunter Raubgold. Strikte NeutralitÀt bedeute eben auch: keine Wirtschaftsboykotte oder Reiseverbote, so Blocher.
"NeutralitÀt kein Freipass"
Bei dieser Abstimmung sei es um den Ruf der Schweiz gegangen, sagte die Direktorin des Wirtschaftsverbandes Economiesuisse, Monika RĂŒhl. "Wir wollen nicht als Kriegsgewinner gelten oder als die, die Sanktionen umgehen." Die Bevölkerung habe ein Korsett abgelehnt, das die Zusammenarbeit mit PartnerlĂ€ndern eingeschrĂ€nkt hĂ€tte.
Wirtschaftssanktionen seien ein wichtiges Instrument der internationalen Staatengemeinschaft, um auf schwere VerstöĂe gegen das Völkerrecht zu reagieren, sagte Völkerrechtlerin Keller. "Wenn Kriegsverbrechen begangen werden, wenn Kinder verschleppt werden, dann sollte die Schweiz sich nicht hinter der NeutralitĂ€t verstecken. NeutralitĂ€t ist kein Freipass, wegzuschauen."
Eine sehr strikte NeutralitĂ€tsauslegung werfe weitergehende Fragen bei anderen völkerrechtlichen Verpflichtungen auf, sagte Keller. WĂŒrde die Schweiz sich dann auch nicht an einem Tribunal beteiligen, das die Verbrechen in der Ukraine aufarbeiten soll, fragte Keller. "WĂŒrden wir keine internationalen Haftbefehle umsetzen?"
GeschÀfte mit Kriegsparteien
"Wir können uns doch nicht öffnen fĂŒr Autokraten und korrupte Eliten der Welt", sagte der Ex-Diplomat GĂŒnther Baechler, der sich fĂŒr das Nein-Lager engagierte. "Es kann doch nicht sein, dass alle auf den Krieg gegen die Ukraine reagieren, und wir machen uns ein schönes Leben hier." Baechler verlangt einen klaren moralischen Kompass: "Wir können TĂ€ter und Opfer nicht gleich behandeln", sagte er.
Doch fĂŒr die BefĂŒrworter einer strikten NeutralitĂ€t ist klar: "Das bedeutet, dass die Schweiz mit einem Land Handel im selben Umfang wie vor den auslĂ€ndischen Sanktionen weiterfĂŒhren kann", wie Ex-Botschafter Paul Widmer der "NZZ" sagte. Blochers Familie gehört das weltweit tĂ€tige Unternehmen Ems Chemie, das auch zwei Werke in Russland hat.
Neutral seit 1815
Die Schweizer NeutralitĂ€t ist international seit 1815 garantiert. Sie muss sich aus Kriegen heraushalten und VerteidigungsbĂŒndnissen wie der Nato. Was "Pro Schweiz" auf die Palme gebracht hatte, war, dass die Regierung in Bern nach anfĂ€nglichem Zögern 2022 nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine die EU-Sanktionen gegen Russland weitgehend umgesetzt hat.
Das war der Auslöser fĂŒr die NeutralitĂ€tsinitiative. Sie wollte eine strikte Auslegung der NeutralitĂ€t in die Verfassung schreiben, auch Kooperationen mit VerteidigungsbĂŒndnissen verbieten, auĂer, wenn das Land militĂ€risch angegriffen wird oder ein solcher Angriff bevorsteht. Nur von den Vereinten Nationen abgesegnete Sanktionen wollte sie erlauben - was beispielsweise Russland nach dem Ăberfall auf die Ukraine mit seinem Veto im Weltsicherheitsrat verhindern hĂ€tte.
"Wer erst im Krisenfall nach Partnern sucht, kommt zu spÀt", sagte dazu Raphaël Bez, GeneralsekretÀr der EuropÀischen Bewegung Schweiz. Die Bewegung sÀhe die Schweiz am liebsten in der EU.
