Atomausstieg: Ist Deutschland von Strom-Importen abhÀngig?
24.07.2023 - 07:18:28Der historische Schritt liegt am Montag genau 100 Tage zurĂŒck: Am 15. April gingen die letzten drei Atomkraftwerke Isar 2 (Bayern), Neckarwestheim 2 (Baden-WĂŒrttemberg) und Emsland (Niedersachsen) endgĂŒltig vom Netz. Seitdem wird von manchen gern das Schreckgespenst an die Wand gemalt, Deutschland könne seinen Strombedarf nicht mehr selbststĂ€ndig produzieren.
Behauptung: Mit dem Atomausstieg hat sich die Bundesrepublik bei der Stromversorgung gröĂtenteils abhĂ€ngig vom Ausland gemacht.
Bewertung: Falsch.
Fakten: Die CSU etwa geiĂelt die Energiepolitik der Bundesregierung und beschldigt die Ampel, sie mache Deutschland in Energiefragen abhĂ€ngiger vom Ausland. AfD-Fraktionschefin Alice Weidel stellte Anfang Juli sogar die These auf: «Satte 82 Prozent unseres Strombedarfs mĂŒssen unsere europĂ€ischen Nachbarn decken.» Doch das entspricht nicht annĂ€hernd der Wahrheit.
Der Vorwurf entspinnt sich vor allem anhand der Anzahl der Tage, an denen Deutschland Strom importiert. Dass dieser Wert im zweiten Quartal 2023 im Vergleich zum ersten (als die Atomkraftwerke noch am Netz waren) zugenommen hat, soll als Beleg fĂŒr die angebliche AbhĂ€ngigkeit herhalten. Doch hat dieser Wert an sich keine Aussagekraft ĂŒber die tatsĂ€chlich importierte Strommenge und deren Anteil an der gesamten Stromerzeugung.
Deutschland ist Teil des europÀischen Strommarktes
Die Bundesrepublik handelt seit Jahrzehnten im Rahmen des europĂ€ischen Energiemarktes mit anderen EU-Staaten in Sachen Strom. Die allerseits gewollte Zusammenarbeit der LĂ€nder soll ermöglichen, Geld und Emissionen einzusparen. Das heiĂt: Strom wird sowohl importiert als auch exportiert - und damit innerhalb des Staatenbundes dorthin weitergereicht, wo er benötigt wird.
Es gibt Zeiten, an denen fĂŒr Deutschland die ElektrizitĂ€t von den Nachbarn billiger ist als die hierzulande produzierte. Vor allem Strom aus erneuerbaren Energien wird immer preiswerter im Vergleich zur konventionellen Variante. Ein möglicher Import ist in diesen FĂ€llen also kein Zeichen fĂŒr eine AbhĂ€ngigkeit, sondern eine wirtschaftliche Entscheidung.
Seit rund 20 Jahren fĂŒhrt Deutschland Jahr fĂŒr Jahr mehr Strom aus, als es aus anderen LĂ€ndern bekommt. Im Jahr 2022 zum Beispiel wurde ein ExportĂŒberschuss von etwa 26 Terawattstunden (TWh) erzielt.
Seit April 2023 hingegen ĂŒberwiegt tatsĂ€chlich der Import. Und auch die Anzahl der Tage, an denen es einen Import-Ăberschuss gab, liegt sehr viel höher als im ersten Quartal. Allerdings sagt das nicht unbedingt etwas ĂŒber die AbhĂ€ngigkeit nach dem Atomausstieg aus, oder dass Deutschland gar den GroĂteil seines Stroms aus dem Ausland beziehen mĂŒsse.
Wie sieht es 2023 mit dem deutschen Stromhandel aus?
Den Daten des Fraunhofer-Instituts fĂŒr Solare Energiesysteme (ISE) zufolge lieferte Deutschland in diesem Jahr bis zum 21. Juli rund 35,3 Terawattstunden (TWh) Strom an andere europĂ€ische Staaten. Andererseits erhielt die Bundesrepublik von ihren Nachbarn 36,2 TWh. Der Import-Ăberschuss betrĂ€gt im Jahr 2023 also bisher gerade einmal rund 0,9 TWh.
Zum Vergleich: Die öffentliche Nettostromerzeugung in Deutschland (also ohne die Eigenversorgung der Industrie) liegt im selben Zeitraum bei rund 247 TWh.
Aber wie sah es vor und nach dem Atomausstieg aus?
In den ersten drei Monaten 2023 hat Deutschland der Bundesnetzagentur zufolge mehr Strom an die Nachbarn geliefert als importiert. Im Januar lag der Saldo bei einem Export-Ăberschuss von 4,0 TWh, im Februar bei 2,8 und im MĂ€rz bei 2,1. Seitdem ĂŒberwiegt aber der Import: Im April wurden demnach 0,4 TWh mehr Strom ein- als ausgefĂŒhrt, im Mai 3,5 und im Juni 4,0.
Dass Deutschland im Sommer mehr Strom importiert als exportiert, ist aber kein Alleinstellungsmerkmal fĂŒr das laufende Jahr. Schon frĂŒher, als hierzulande noch ein erheblicher Anteil des Stroms aus Kernenergie erzeugt wurde, zeigte sich in den wĂ€rmeren Monaten auch schon ein Import-Ăberschuss - unter anderem in den Jahren 2010, 2011, 2014, 2019, 2020 und 2021. Allerdings ist auch richtig, dass zum Beispiel 2021 der Saldo nicht dieselbe Höhe erreichte wie 2023.
Im Sommer sinkt wegen der milderen Temperaturen der Bedarf an Strom und zugleich steigt das europaweite Angebot an Solarenergie. Dadurch wird der Preis fĂŒr Einfuhren in der Regel gĂŒnstiger.
Das Fraunhofer-Instituts fĂŒr Solare Energiesysteme erlĂ€utert in seinem Bericht ĂŒber das erste Halbjahr 2023, dass die weggefallenen Mengen der drei Atomkraftwerke «durch geringeren Verbrauch, verringerte Exporte, gesteigerte Importe sowie den Zubau von Solar- und WindkapazitĂ€t» kompensiert worden seien. Bis zu ihrer Abschaltung am 15. April hatten die drei Meiler in diesem Jahr 6,7 TWh produziert.





