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Aufatmen bei FahrgĂ€sten - Einigung in ÖPNV-Tarifstreit

25.04.2024 - 09:49:20

STUTTGART - Zahlreiche FahrgĂ€ste des Nahverkehrs in Baden-WĂŒrttemberg können aufatmen: Der Tarifkonflikt bei sieben kommunalen Verkehrsunternehmen ist gelöst.

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STUTTGART (dpa-AFX) - Zahlreiche FahrgĂ€ste des Nahverkehrs in Baden-WĂŒrttemberg können aufatmen: Der Tarifkonflikt bei sieben kommunalen Verkehrsunternehmen ist gelöst. In der fĂŒnften Verhandlungsrunde in der Nacht zum Donnerstag sei ein Ergebnis erzielt worden, teilten die Gewerkschaft Verdi und der Kommunale Arbeitgeberverband (KAV) am Morgen unabhĂ€ngig voneinander in Stuttgart mit. Weitere Streiks in der Landeshauptstadt sowie in Karlsruhe, Heilbronn, Freiburg, Baden-Baden, Esslingen und Konstanz sind damit vom Tisch. Die Verdi-Mitglieder mĂŒssen in einer zweiten Urabstimmung aber noch ĂŒber die Annahme des Ergebnisses entscheiden.

Die Einigung umfasst mehrere Punkte: Die Arbeitszeit der rund 6500 BeschĂ€ftigten soll den Angaben nach in drei Schritten von 39 auf 37,5 Wochenstunden mit Lohnausgleich gesenkt werden. Die Arbeitszeit wird zu Beginn der Jahren 2025, 2026 und 2027 je um eine halbe Stunde reduziert. Freiwillig können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch danach noch 39 Stunden die Woche arbeiten. DafĂŒr gibt es entsprechend mehr Geld.

Die BeschÀftigten erhalten von Juli an eine neu geschaffene Nahverkehrszulage in Höhe von 150 Euro im Monat. Zudem gebe es Verbesserungen bei VerspÀtungen, ZuschlÀgen und Urlaubsgeld. Ein BeschÀftigter im Fahrdienst erhÀlt rund 300 Euro mehr im Monat, wie die Gewerkschaft vorrechnet. Zusammen mit der Senkung der Wochenarbeitszeit in drei Schritten entspreche das einem Volumen von mehr als zwölf Prozent. Der neue Manteltarifvertrag lÀuft bis Ende 2025, die Regelungen zur Arbeitszeit bis Ende 2027.

Mit dem RĂŒckenwind der Streikenden habe man die Blockade der Arbeitgeber durchbrochen, teilte Verdi-VerhandlungsfĂŒhrer Jan Bleckert mit. Die ArbeitszeitverkĂŒrzung setze zusĂ€tzlich neue MaßstĂ€be fĂŒr den öffentlichen Dienst im Land. "Damit werden die Jobs im kommunalen Nahverkehr im Land deutlich attraktiver, die BeschĂ€ftigten erfahren eine Entlastung und der ÖPNV wird nachhaltig gestĂ€rkt."

Arbeitgeber: Schmerzhafter und teurer Kompromiss

Der Arbeitgeberverband bezeichnete den Kompromiss als schmerzhaft und kostenintensiv. Viele Kommunen hĂ€tten jetzt schon Probleme mit der Finanzierung des Nahverkehrs. "Die Arbeitgeber haben mit diesem Kompromiss die Belastungsgrenze maximal ausgereizt", teilte KAV-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrern Sylvana Donath mit. Auch mit der Arbeitszeitreduzierung sei man ĂŒber den eigenen Schatten gesprungen. Gleichzeitig erkenne man an, dass auch Verdi von Maximalforderungen Abstand genommen habe.

KĂŒrzere Arbeitszeiten erhöhten aber den Personalbedarf: "Wir hoffen, dass wir mit dieser Entlastung der BeschĂ€ftigten die AttraktivitĂ€t der Nahverkehrsbranche wirklich steigern", sagte Donath. Aufgrund des Mangels an FachkrĂ€ften bleibe es eine der zentralen Aufgaben der nĂ€chsten Jahre, zusĂ€tzliche Mitarbeiter zu gewinnen.

Verdi und KAV hatten im SĂŒdwesten seit Ende Januar miteinander verhandelt. Gegenstand waren wie in anderen BundeslĂ€ndern die Arbeitsbedingungen. Die GesprĂ€che hatten sich aber in die LĂ€nge gezogen, die Fronten schienen zunehmend verhĂ€rtet. Nach vier Runden und einem zeitweisen Abbruch hatte die Gewerkschaft die Verhandlungen letztlich am 11. MĂ€rz fĂŒr gescheitert erklĂ€rt. In einer Urabstimmung sprachen sich anschließend rund 93 Prozent der Verdi-Mitglieder in den Betrieben fĂŒr die Möglichkeit unbefristeter Streiks aus.

FĂŒnf AusstĂ€nde in allen StĂ€dten seit Februar

Die Folgen der zĂ€hen Verhandlungen bekamen vor allem FĂ€hrgĂ€ste zu spĂŒren: In Teilen des Landes war der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) mehrmals weitgehend lahmgelegt worden. Bus- und Straßenbahnfahrer in den sieben StĂ€dten waren an fĂŒnf Tagen zeitgleich in den Ausstand getreten. Hinzu kamen einzelne ArbeitskĂ€mpfe in verschiedenen StĂ€dten.

Zehntausende Pendlerinnen und Pendler mussten sich deshalb seit Anfang Februar immer wieder Alternativen zu Bus und Bahn suchen. Von den AusstĂ€nden betroffen waren zuletzt auch Abiturienten, denn die zwei Streiktage in der vergangenen Woche fielen auf den Beginn der schriftlichen AbschlussprĂŒfungen. An den allgemeinbildenden Gymnasien waren unter anderem die FĂ€cher Biologie und Geschichte (bilingual Französisch) betroffen, an den Berufsgymnasien die Mathematik-PrĂŒfung.

@ dpa.de