Israel marschiert im SĂŒdlibanon ein - Hisbollah kampfbereit
01.10.2024 - 07:05:14(Neu: Weitere Details)
TEL AVIV/BEIRUT (dpa-AFX) - Mit einer in der Nacht gestarteten Bodenoffensive Israels gegen die Hisbollah-Miliz im Libanon hat die Lage in Nahost eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die israelische Armee sprach von "begrenzten" Angriffen auf Ziele in GrenznĂ€he und nannte diese eine unmittelbare Bedrohung fĂŒr Gemeinden in Nordisrael. Israels Luftwaffe bombardierte am spĂ€ten Abend zudem erneut Ziele nahe der libanesischen Hauptstadt Beirut. Die Lage im Libanon ist dramatisch: Nach libanesischen Angaben kamen innerhalb von 24 Stunden fast 100 Menschen im Land ums Leben. Unterdessen flogen auch auf Israel wieder Raketen.
Bodentruppen von Luftwaffe und Artillerie unterstĂŒtzt
Israels Armee teilte auf X mit, vor einigen Stunden habe man "mit begrenzten, lokalisierten und gezielten Bodenangriffen auf der Grundlage prĂ€ziser Geheimdienstinformationen gegen terroristische Ziele und Infrastruktur der Hisbollah im SĂŒdlibanon" begonnen. Diese Ziele der proiranischen Schiiten-Miliz befĂ€nden sich in grenznahen Dörfern und stellten eine unmittelbare Bedrohung fĂŒr israelische Gemeinden in Nordisrael dar.
Die israelische Luftwaffe und die Artillerie unterstĂŒtzten die Bodentruppen mit prĂ€zisen Angriffen auf militĂ€rische Ziele in diesem Gebiet. Die Armee tue alles, was notwendig sei, um die BĂŒrger Israels zu verteidigen und die BĂŒrger Nordisraels in ihre HĂ€user zurĂŒckzubringen. Die Operation werde parallel zu den KĂ€mpfen im Gazastreifen gegen die Hamas und in anderen Gebieten fortgesetzt. FĂŒr den Einsatz seien die Soldaten in den vergangenen Monaten trainiert worden. Israel will die RĂŒckkehr von 60.000 Israelis ermöglichen, die seit Monaten durch die Hisbollah-Angriffe aus Gebieten entlang der Grenze vertrieben wurden.
Hisbollah zeigte sich kampfbereit
Am Montag hatte sich erstmals nach der Tötung von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah die Spitze der islamistischen Miliz zu Wort gemeldet und ihre Kampfbereitschaft signalisiert. "Wir wissen, dass der Kampf lang dauern könnte und sind auf alle Möglichkeiten vorbereitet", sagte der stellvertretende Hisbollah-Chef Naim Kassim in einer im Fernsehen ĂŒbertragenen Rede. "Wenn Israel sich entscheidet, eine Bodenoffensive zu starten: Wir sind bereit." Wer die Hisbollah anfĂŒhren soll, sagte er nicht.
Raketen und Drohnen auch Richtung Israel
Auf Israel flogen auch am frĂŒhen Dienstagmorgen Raketen. Die Armee teilte auf Telegram mit, in der Gegend von Meron in Nordisrael seien etwa zehn Geschosse abgefangen worden. Einige seien im offenen GelĂ€nde abgestĂŒrzt. Zudem habe die Luftabwehr vor Kurzem eine Drohne Dutzende Kilometer vor der KĂŒste Zentralisraels abgefangen, hieĂ es weiter. Die Hisbollah griff nahe der sĂŒdlichen Grenze nach eigener Darstellung indes israelische Soldaten an. Diese hĂ€tten sich auf israelischer Seite in Obsthainen nahe der Grenze bewegt, hieĂ es am Abend. Infolge der Angriffe habe es auf israelischer Seite auch Opfer gegeben.
Der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah-Miliz hatte sich zuletzt dramatisch verschĂ€rft. Seit Tagen greift das israelische MilitĂ€r massiv Ziele in dem Nachbarland an, nach eigener Darstellung unter anderem Waffenlager der Hisbollah. Der Libanon meldete Hunderte Tote und Verletzte. Am Freitag waren bei einem gezielten israelischen Luftangriff der Hisbollah-FĂŒhrer Hassan Nasrallah und weitere Hisbollah-KĂ€mpfer getötet worden.
Auch die Hisbollah schieĂt seit den neu entfachten intensiven KĂ€mpfen an manchen Tagen Hunderte Raketen auf Israel. Die Miliz hat nach Ausbruch des Gaza-Kriegs ihre sogenannte "SolidaritĂ€tsfront" eröffnet und Tausende Raketen auf Israel abgefeuert.
Angriffe auch nahe Beirut und in Syrien
Auch nahe der libanesischen Hauptstadt Beirut bombardierte die israelische Luftwaffe erneut Ziele. Eine Reporterin der Deutschen Presse-Agentur berichtete am Abend von mindestens sieben schweren Explosionen und ErschĂŒtterungen in einem sĂŒdlichen Vorort. Zuvor hatte ein Sprecher der israelischen Armee Einwohner der sĂŒdlichen Vororte von Beirut ĂŒber soziale Medien zum Verlassen ihrer HĂ€user und Wohnungen aufgefordert.
Bei einem israelischen Luftangriff auf die syrische Hauptstadt Damaskus wurden unterdessen einem Medienbericht zufolge drei Menschen getötet. Bei Angriffen auf mehrere Orte in der Stadt seien drei Zivilisten ums Leben gekommen und neun weitere verletzt worden, berichtete Syriens staatliche Nachrichtenagentur Sana unter Berufung auf eine MilitĂ€rquelle am frĂŒhen Dienstagmorgen.
USA justieren angesichts angespannter Lage in Nahost nach
Die Bodenoffensive war erwartet worden. Israel hatte Washington nach Angaben der US-Regierung ĂŒber begrenzte EinsĂ€tze des MilitĂ€rs an der libanesischen Grenze informiert. Israel habe mitgeteilt, dass es sich dabei um "begrenzte Operationen" handele, die sich auf "die Infrastruktur der Hisbollah in der NĂ€he der Grenze" konzentrierten, sagte der Sprecher des US-AuĂenministeriums, Matthew Miller. Vor Beginn der israelischen Bodenoffensive hatte die libanesische Armee laut MilitĂ€rkreisen Soldaten von der Grenze zurĂŒckgezogen. Mehrere Gegenden in Nordisrael wurden zu militĂ€rischem Sperrgebiet erklĂ€rt.
Das Pentagon erklĂ€rte am Abend, seine militĂ€rischen FĂ€higkeiten im Nahen Osten angesichts der aktuellen Lage entsprechend auszurichten. "Wir haben die Einsatzbereitschaft zusĂ€tzlicher US-KrĂ€fte erhöht, um auf verschiedene EventualitĂ€ten zu reagieren", sagte Sprecherin Sabrina Singh. Demnach wĂŒrden bereits im Nahen Osten stationierte Truppen lĂ€nger im Einsatz bleiben. UrsprĂŒnglich zu deren Ersatz vorgesehene Truppen wĂŒrden zur weiteren VerstĂ€rkung hinzugezogen. Es gehe insbesondere um die Verteidigung aus der Luft.
Lage im Libanon dramatisch
Zehntausende Libanesen flohen aus ihren Dörfern und StĂ€dten. Viele harren in der Hauptstadt Beirut aus. Die jĂŒngste Eskalation dĂŒrfte bei vielen der rund neun Millionen Einwohner des Landes Erinnerungen an den letzten Krieg zwischen Israel und der Hisbollah vor 18 Jahren wecken. Die Vereinten Nationen hatten Israel eindringlich vor einer Bodenoffensive gewarnt.
Botschaftspersonal ausgeflogen
Angesichts der sich verschĂ€rfenden Lage flog ein Flugzeug der Luftwaffe Botschaftspersonal aus Beirut aus. An Bord der Bundeswehrmaschine waren nach Angaben des AuswĂ€rtigen Amtes rund 110 Passagiere. Sie landete am Abend in Berlin auf dem Hauptstadtflughafen BER, wie eine Sprecherin des AuswĂ€rtigen Amtes bestĂ€tigte. GroĂbritannien charterte fĂŒr die Ausreise seiner BĂŒrger ein Flugzeug, das am Mittwoch starten soll.

