USA warnen Israel vor Bodenoffensive in Rafah
17.02.2024 - 10:35:18 | dpa.de(Neu: Bericht zu weiteren Waffenlieferungen der USA)
TEL AVIV/GAZA/WASHINGTON (dpa-AFX) - Israel steht unter wachsendem Druck, seine PlĂ€ne fĂŒr eine Bodenoffensive in Rafah im SĂŒden des Gazastreifens auf Eis zu legen. US-PrĂ€sident Joe Biden warnte Israel am Freitag mit deutlichen Worten: Er sei der festen Ăberzeugung, dass es "einen vorĂŒbergehenden Waffenstillstand" geben mĂŒsse, um die Geiseln zu befreien. Er erwarte, "dass die Israelis in der Zwischenzeit keine massive Bodenoffensive durchfĂŒhren werden", sagte Biden im WeiĂen Haus. Israels Armee will dem Kriegskabinett in KĂŒrze einen detaillierten Plan fĂŒr den Einsatz in Rafah vorlegen, berichtete die "Times of Israel" in der Nacht zum Samstag. UN-Organisationen lĂ€gen Berichte vor, wonach einige PalĂ€stinenser aus Angst vor Israels Angriffen Rafah bereits in Richtung des Zentrums Gazas verlieĂen.
Bericht: USA bereiten weitere Waffenlieferung an Israel vor
Trotz des DrĂ€ngens auf eine Feuerpause bereiten die USA einem Medienbericht zufolge die Lieferung weiterer Bomben und Waffen an Israel vor. Wie das "Wall Street Journal" in der Nacht zum Samstag unter Berufung auf amtierende und ehemalige US-Beamte berichtete, werden die PlĂ€ne innerhalb der Regierung von US-PrĂ€sident Joe Biden derzeit geprĂŒft und könnten sich im Detail noch Ă€ndern, bevor sie dem US-Kongress zur Genehmigung vorgelegt werden. Die israelische Regierung habe um eine "rasche Beschaffung dieser GĂŒter zur Verteidigung Israels gegen andauernde und neue regionale Bedrohungen" gebeten. Die neu vorgeschlagene Waffenlieferung umfasst laut dem Bericht PrĂ€zisionswaffen. Die USA drĂ€ngen Israel dazu, von massiven Bombardierungen zu prĂ€ziseren SchlĂ€gen ĂŒberzugehen.
Bericht: Israels PrĂ€sident traf Katars Regierungschef in MĂŒnchen
In dem seit ĂŒber vier Monaten dauernden Krieg bereitet sich Israel auf eine Offensive in der an Ăgypten grenzenden Stadt vor. Die Armee soll PlĂ€ne ausarbeiten, die eine Evakuierung von Hunderttausenden Zivilisten vorsehen, die dort auf engstem Raum Schutz suchen. Zeitgleich laufen unter Hochdruck schwierige Verhandlungen unter FederfĂŒhrung von Vermittlern aus Ăgypten, Katar und den USA ĂŒber eine befristete Waffenruhe. Sie soll dazu fĂŒhren, dass die noch mehr als 130 israelischen Geiseln in der Gewalt der Hamas in Phasen gegen palĂ€stinensische HĂ€ftlinge ausgetauscht werden. Israels PrĂ€sident Izchak Herzog traf sich hierzu am Rande der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz heimlich mit Katars MinisterprĂ€sidenten Mohammed bin Abdulrahman Al Thani, wie die Nachrichtenseite "Axios" in der Nacht zum Samstag unter Berufung auf informierte Kreise berichtete. Das ungewöhnliche Treffen der beiden Politiker verdeutliche, wie dringlich die Lage ist.
Biden hofft auf schnellen Geisel-Deal
Die UnterhĂ€ndler arbeiten nach Informationen der israelischen Zeitung "Haaretz" darauf hin, dass eine Feuerpause mit dem muslimischen Fastenmonat Ramadan zusammenfĂ€llt, der am 10. MĂ€rz beginnt. Er hoffe, dass es schnell einen Deal mit der Hamas zur Befreiung der Geiseln geben werde, sagte Biden. Er habe in der vergangenen Woche tĂ€glich mit Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu gesprochen, jeweils fast eine Stunde. Bidens unverblĂŒmte Worte zeigten, dass das Schicksal Rafahs ein potenzieller Kipppunkt in den Beziehungen zwischen Washington und Jerusalem sei, berichtete die "Financial Times" in der Nacht zum Samstag. US-Vertreter, darunter auch Biden, hĂ€tten Israel seit Beginn des Krieges stets unterstĂŒtzt, doch ihre Toleranz gegenĂŒber dem Vorgehen von Netanjahu und der sich verschĂ€rfenden humanitĂ€ren Krise "schwindet zusehends", schrieb die Zeitung.
UN-Gericht weist Antrag gegen Israels geplante Rafah-Offensive ab
Der Internationale Gerichtshof der Vereinten Nationen lehnte unterdessen einen Eilantrag SĂŒdafrikas auf ĂberprĂŒfung der RechtmĂ€Ăigkeit der von Israel geplanten MilitĂ€roffensive in Rafah ab. Die gefĂ€hrliche Situation in dem Ort voller FlĂŒchtlinge verlange "die unverzĂŒgliche und wirksame Umsetzung der Aufforderungen des Gerichts", die dieses Ende Januar erlassen hatte, teilte der Gerichtshof am Freitag an seinem Sitz in Den Haag mit. Diese Aufforderungen hĂ€tten Geltung fĂŒr den gesamten Gazastreifen, einschlieĂlich Rafah. "Ein Erlass zusĂ€tzlicher MaĂnahmen ist nicht erforderlich", hielt das Gericht fest. VerbĂŒndete Israels wie die USA und Deutschland raten Israel von einem groĂangelegten militĂ€rischen Vorgehen in Rafah entschieden ab. Die Vereinten Nationen haben fĂŒr den Fall einer solchen Offensive vor einer humanitĂ€ren Katastrophe gröĂten AusmaĂes gewarnt.
Ausschreitungen um Laster mit Hilfslieferungen in Rafah
Dutzende Menschen versuchten am GrenzĂŒbergang Rafah, einen Lastwagen mit Hilfslieferungen zu erstĂŒrmen. Die Polizei schritt ein und vertrieb die Menge, teilte die von der Hamas kontrollierte Behörde am Freitag mit. Videoaufnahmen, die in sozialen Medien geteilt wurden, zeigten Menschen, die in den Abfertigungsbereich des GrenzĂŒbergangs eindrangen. Es sind SchĂŒsse zu hören und schwarzer Rauch zu sehen. Augenzeugen berichteten, dass die von der Hamas gestellte Polizei in die Menge geschossen habe und einen Jugendlichen getötet habe. Die Behörde wollte dies zunĂ€chst nicht bestĂ€tigen.
In Rafah unmittelbar an der Ă€gyptischen Grenze drĂ€ngen sich auf engstem Raum 1,3 Millionen Menschen zusammen. Die meisten von ihnen sind aus anderen Teilen des Gazastreifens geflohen, um dort Schutz vor dem Krieg zu suchen. Sie leben in riesigen Zeltlagern oder auf der StraĂe. Hilfsorganisationen können ihre Versorgung mit dem Notwendigsten kaum gewĂ€hrleisten. Ăber den GrenzĂŒbergang zu Ăgypten kommen die Hilfslieferungen in das abgeriegelte KĂŒstengebiet, nachdem Israel diese kontrolliert hat.
Israels Armee weiter in Nasser-Klinik in Chan Junis im Einsatz
Auslöser des Gaza-Kriegs war das beispiellose Massaker, das Terroristen der Hamas und anderer extremistischer Gruppen am 7. Oktober in Israel verĂŒbt hatten. Sie ermordeten dabei 1200 Menschen. Bei Israels Gegenangriffen im Gazastreifen wurden nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde von Freitag bislang 28 775 Menschen getötet. Die Angaben lassen sich derzeit nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen. Unterdessen dauerte der Einsatz der israelischen Armee im Nasser-Krankenhaus in der Stadt Chan Junis im SĂŒden des Gazastreifens am Freitag an. Soldaten hĂ€tten bislang 20 VerdĂ€chtige festgenommen, die am Massaker der Hamas beteiligt gewesen seien, teilte das MilitĂ€r mit. Israelische Soldaten hĂ€tten im Krankenhaus auch Waffen und im Bereich der Klinik Granaten der Hamas gefunden. Auch seien Schachteln mit Medikamenten mit den Namen von israelischen Geiseln gefunden worden. Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde kamen vier Patienten auf der Intensivstation wegen eines Stromausfalls im Zuge des israelischen Einsatzes ums Leben. Ihre Sauerstoffversorgung sei unterbrochen worden.
Was am Samstag wichtig wird
In MĂŒnchen geht die Sicherheitskonferenz weiter. Zum weltweit wichtigsten Politiker- und Expertentreffen zur Sicherheitspolitik werden rund 50 Staats- und Regierungschefs und etwa 100 Minister erwartet, darunter Israels PrĂ€sident Herzog und AuĂenminister Israel Katz sowie ranghohe Vertreter der PalĂ€stinensischen Autonomiebehörde und der arabischen LĂ€nder Saudi-Arabien, Katar, Ăgypten und Jordanien. Hauptthemen werden die Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine sein. Zugleich gehen die Verhandlungen internationaler Vermittler ĂŒber eine erneute Feuerpause und Geiselfreilassung im Gaza-Krieg weiter.
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