Telematikinfrastruktur: Gematik startet TI 2.0 mit Zero-Trust-Architektur
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 17:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Gematik leitet einen grundlegenden Technologiewechsel in der nationalen Telematikinfrastruktur (TI) ein. Durch die Einführung der TI 2.0 wird die bestehende Architektur auf digitale Identitäten und eine moderne Zero-Trust-Architektur (ZETA) umgestellt.
In diesem Zusammenhang haben die Gesellschafter der Gematik bereits im Jahr 2025 beschlossen, die Nutzung der bisherigen Einbox-Konnektoren nur noch für eine Übergangszeit bis maximal Ende 2030 zu gestatten.
Modernisierung der Architektur und Pilotphasen
Die schrittweise Ablösung der bisherigen Infrastruktur ist bereits im Gange. Seit dem Sommer 2026 befindet sich die Zero-Trust-Architektur im Rollout.
Parallel dazu startete am 1. September 2026 die gestaffelte Pilotierung von VSDM 2.0 (Versichertenstammdatenmanagement), der ersten Anwendung, die vollständig auf der neuen Architektur basiert. Bereits im Juli 2026 begann die stufenweise Erprobung des Verfahrens „Proof of Patient Presence“ (PoPP) in einer Modellregion.
Ziel der Strategie ist eine vollständige Umstellung auf TI 2.0 bis zum Jahr 2029. Dabei soll die Anzahl der Backend-Instanzen massiv von derzeit 114 auf 31 reduziert werden. Die endgültige Abschaltung der TI 1.0 ist für Ende 2030 vorgesehen.
Herausforderungen im aktuellen Betrieb
Trotz der Modernisierungspläne steht die aktuelle Infrastruktur vor operativen Schwierigkeiten. Auf einer Fachveranstaltung in Berlin räumte der Geschäftsführer der Gematik, Dr. Florian Hartge, ein, dass die TI derzeit mit einer hohen Frequenz an Systemausfällen konfrontiert sei.
Ein internes Strategiepapier belegt die Instabilität: Im Jahr 2025 war die Nutzung im Durchschnitt 25-mal pro Monat beeinträchtigt. Es kam zu 162 Störungen bei der elektronischen Patientenakte (ePA) und 164 beim E-Rezept. Als Hauptursache gilt die hohe Komplexität der Prozesse; so umfasst die Ausstellung eines E-Rezepts aktuell 17 einzelne Schritte.
Dennoch zeigen die Nutzungszahlen eine breite Akzeptanz im System. Bisher wurden über 1,5 Milliarden E-Rezepte eingelöst und fast eine Milliarde Nachrichten über den Dienst KIM versendet. Rund 83.000 Einrichtungen stellen E-Rezepte aus, während knapp 160.000 Institutionen an die ePA angebunden sind. Zuletzt wurden in einer einzigen Woche rund 2,6 Millionen Dokumente hochgeladen. Die Zahl der ausgegebenen GesundheitsIDs liegt bei 5,8 Millionen.
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Vernetzung und strategische Steuerung im Gesundheitswesen
Im Bereich der Datenverwaltung sicherte sich das Unternehmen RISE erneut einen bedeutenden Auftrag. Im Rahmen einer Vereinbarung mit der Mobil ISC GmbH übernimmt RISE den Betrieb und die Weiterentwicklung der ePA, des TI-Messengers sowie der sektoralen Identity Provider. Das Unternehmen verwaltet nach eigenen Angaben aktuell mehr als 25 Millionen hochsichere Patientenakten für über 80 Versicherungen.
Parallel dazu erfolgte am 18. September 2026 im baden-württembergischen Innenministerium die Gründung des Vereins MEDI:CUS e. V. Dieser soll ab 2027 als langfristige Steuerungseinheit für die gleichnamige Gesundheitsplattform fungieren. Zu den Gründungsmitgliedern gehören unter anderem die vier Universitätsklinika des Landes sowie mehrere kommunale Kliniken.
Das Land Baden-Württemberg hat das Projekt in den vergangenen zwei Jahren mit über 25 Millionen Euro gefördert, um eine cloudbasierte, anbieterunabhängige Infrastruktur für Versorgung und Forschung zu schaffen. Den Vorstandsvorsitz übernimmt Prof. Frederik Wenz.
Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der klinischen Praxis
Große Universitätskliniken treiben unterdessen die Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) voran. Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat mit „Clé“ eine eigene KI-Plattform eingeführt, die auf klinikeigenen Servern betrieben wird. In einem Pilotprojekt konnte die Plattform die Umwandlung von Dokumenten in strukturierte Daten erheblich beschleunigen und bei 1.800 Dokumenten etwa 105 Arbeitstage einsparen.
Auch die Telekom engagiert sich in diesem Sektor und kooperiert mit dem Start-up Prof. Valmed. Gemeinsam bieten sie ein KI-Modell zur Diagnose- und Therapieunterstützung an, das über eine CE-Klasse-IIb-Zertifizierung verfügt. Das System greift auf eine Wissensbibliothek von 2,5 Millionen validierten Dokumenten zu.
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In der Forschung präsentierten Wissenschaftler der TU Dresden und des Dresdner Universitätsklinikums mit dem System MIRA eine lokal betriebene diagnostische KI. In Tests erzielte das Modell korrekte Diagnosen in bis zu 90 Prozent der Fälle.
Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Universität Bonn veröffentlichte zudem Ergebnisse zum „Swarm Learning“, bei dem KI-Algorithmen dezentral auf verteilten Datensätzen trainiert werden, was die Treffsicherheit bei der Erkennung von Erkrankungen signifikant steigern soll.
Marktkonsolidierung und Systemwechsel
In der Schweiz steht eine größere Fusion bevor: Die Unternehmen Compassana und Well schließen sich zur Compassana-Well AG zusammen, deren operativer Start für den 1. Januar 2027 geplant ist. Das Konsortium aus elf Partnern deckt rund 70 Prozent der Schweizer Versicherten ab.
In Deutschland zwingt das angekündigte Wartungsende des SAP-Systems IS-H zum Jahresende 2030 Kliniken zum Handeln. So hat das Klinikum Stuttgart am 3. August 2026 den Auftrag für ein neues Krankenhausinformationssystem an die Avelios Medical GmbH vergeben, nachdem SAP das Aus für das bisherige System besiegelt hatte.
