Varta schließt Werk in Nördlingen: 350 Jobs weg
19.05.2026 - 19:11:33 | boerse-global.deDer angeschlagene Batteriehersteller Varta gibt seinen Standort in Nördlingen auf. Grund ist der Verlust eines Großkunden.
Der Schritt kommt nicht überraschend, trifft die Region aber hart. Bereits am Dienstagmorgen informierte die Unternehmensführung die Belegschaft und den Betriebsrat über die Schließung der Produktionsstätte im bayerischen Schwaben. Bis zum Herbst soll der Betrieb eingestellt werden. Rund 350 Mitarbeiter verlieren ihre Arbeitsplätze.
Viele Betriebsräte verschenken wichtige Mitbestimmungsrechte beim Sozialplan – ein kostenloser Leitfaden zeigt, wie Sie es besser machen. Kostenloser Ratgeber für Betriebsräte: So verhandeln Sie einen gerechten Sozialplan
Betroffen ist die Sparte „Varta Micro Production“, die sich auf Lithium-Ionen-Knopfzellen spezialisiert hatte. Diese winzigen Energiespeicher steckten bislang in kabellosen Kopfhörern und anderen kompakten Elektronikgeräten. Das Problem: Der wichtigste Abnehmer, ein globaler Elektronikkonzern, hat sich für seine nächste Produktgeneration für einen chinesischen Zulieferer entschieden.
Chinesische Konkurrenz zwingt Varta in die Knie
Der Verlust dieses Ankerkunden entzieht dem Nördlinger Werk die wirtschaftliche Grundlage. Zwar konnte Varta in den vergangenen Monaten neue Aufträge akquirieren, doch reichen diese bei Weitem nicht aus, um die hochspezialisierte Produktion auszulasten. CEO Michael Ostermann betonte, dass die Qualität der Varta-Zellen weiterhin wettbewerbsfähig sei. Der Preisdruck aus Asien sei jedoch unüberwindbar.
Die gute Nachricht: Andere Standorte und Projekte sind von der Schließung nicht betroffen. Insbesondere das Gemeinschaftsunternehmen V4Smart mit dem Sportwagenbauer Porsche läuft unverändert weiter. Dort werden großformatige Zellen für Elektroautos produziert – ein Bereich, der als Zukunftshoffnung des Konzerns gilt.
Sozialplan als letzte Hoffnung
Die IG Metall, die das Management bereits in der Vergangenheit für die zu starke Abhängigkeit von einzelnen Großkunden kritisiert hatte, fordert nun einen tragfähigen Sozialplan. Varta hat Verhandlungen angekündigt. Mögliche Maßnahmen: Abfindungen, Transfergesellschaften oder die Versetzung von Mitarbeitern an den Hauptsitz in Ellwangen.
Der Ratgeber, dem tausende Betriebsräte in Deutschland bei Kündigungswellen vertrauen: Erfahren Sie, wie Sie den Sozialplan aktiv zu Gunsten Ihrer Kollegen beeinflussen können. Jetzt kostenlos downloaden und bei der nächsten Verhandlung vorbereitet sein
Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger sprach von einem „harten Schlag“ für die Region und einem alarmierenden Signal für den Industriestandort Deutschland. Zwar sei die Arbeitslosenquote im Landkreis Donau-Ries weiterhin niedrig, der Verlust von Hunderten Facharbeitsplätzen wiege dennoch schwer.
Varta am Wendepunkt
Die Werksschließung ist der vorläufige Höhepunkt einer mehrjährigen Krise. Varta durchlief ein aufwendiges Sanierungsverfahren nach dem Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz (StaRUG). Alte Aktionäre wurden komplett ausgelöscht, die Aktie von der Börse genommen.
Im Frühjahr 2025 übernahmen der österreichische Unternehmer Michael Tojner und die Porsche AG das Unternehmen – jeder hält 50 Prozent. Die Schulden wurden von 485 Millionen auf 230 Millionen Euro drastisch reduziert. 60 Millionen Euro frisches Eigenkapital und weitere 60 Millionen Euro in Form von Krediten sollten den Neustart finanzieren.
Doch die Volatilität im Markt für Unterhaltungselektronik macht Varta weiter zu schaffen. Der Rückzug aus dem Geschäft mit Kleinstzellen für Konsumgüter ist schmerzhaft, aber strategisch wohl notwendig. Die Zukunft des Unternehmens liegt in Hörgeräte-Batterien, Energiespeichersystemen und vor allem in der Automobil-Partnerschaft mit Porsche.
Hoffnungsträger V4Smart
Bereits Ende 2025 sollten im Zuge des V4Smart-Ausbaus rund 375 neue Arbeitsplätze in der Region entstehen. Viele der jetzt betroffenen Mitarbeiter könnten nach entsprechenden Umschulungen in diesen Bereich wechseln. Ob dies gelingt, hängt maßgeblich von den Verhandlungen über den Sozialplan ab.
Die operative Restrukturierung von Varta soll bis 2027 abgeschlossen sein. Bis dahin muss das Unternehmen beweisen, dass es sich in Nischen behaupten kann, in denen nicht der reine Stückpreis, sondern technische Exzellenz zählt. Die Region und die Gewerkschaften werden genau beobachten, ob die versprochene „technologische Souveränität“ im Batteriesektor nicht zum Verlust der industriellen Basis in Süddeutschland führt.
Wirtschaftsnachrichten lesen ist gut - trading-notes lesen ist besser!
Für. Immer. Kostenlos.
