Verfahren gegen âLidl Plusâ: Streit um Rabatt-Apps und mögliche Benachteiligung von Kunden
Veröffentlicht am: 14.09.2026 um 04:15 Uhr | dpa, AD HOC NEWSRabatt-Apps von LebensmittelhĂ€ndlern sorgen fĂŒr zusĂ€tzliche Sparangebote â und zugleich fĂŒr Streit: Vor dem Brandenburgischen Oberlandesgericht wird am Dienstag eine Klage des Verbraucherzentrale Bundesverbands gegen die âLidl Plusâ-App verhandelt.
VerbraucherschĂŒtzer sehen Benachteiligung bestimmter Gruppen
Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) kritisiert, dass Ă€ltere, behinderte oder jĂŒngere Menschen benachteiligt wĂŒrden, weil sie passende GerĂ€te oder Apps hĂ€ufig nicht nutzen könnten oder dĂŒrften. Nach Ansicht der VerbraucherschĂŒtzer fĂŒhrt dies zu einer Diskriminierung, wenn bestimmte Rabatte ausschlieĂlich ĂŒber die App erhĂ€ltlich sind. Der Verband ist deshalb gegen mehrere Discounter vorgegangen.
Klagen gegen Netto und Penny wurden unter anderem wegen fehlender Belege abgewiesen, die Urteile sind jedoch noch nicht rechtskrĂ€ftig. Eine Revision wurde zugelassen, sodass sich der Bundesgerichtshof mit der Frage befassen muss, ob App-exklusive Rabatte Verbraucher unzulĂ€ssig benachteiligen. Ein Termin fĂŒr die Verhandlung steht bislang nicht fest.
Welche Vorteile Rabatt-Apps bieten sollen
Viele groĂe Handelsketten setzen auf eigene Apps, ĂŒber die sie Produkte und Sonderangebote bewerben. Registrierte Nutzer können hĂ€ufig Bonus- und Treueprogramme nutzen, zusĂ€tzliche Artikel abrufen oder Extra-Rabatte auf bereits reduzierte Waren erhalten. Ăblich sind auch digitale Coupons, die an bestimmte monatliche Einkaufsvolumina geknĂŒpft sind.
Eine Analyse des Vergleichsportals Smhaggle ergab, dass Verbraucher mit Rabatt-Apps im Durchschnitt nur wenig sparen. Ăber alle HĂ€ndler hinweg liege die Ersparnis pro App bei rund einem Prozent, weil Kunden in der Regel bei mehreren Ketten einkaufen und die Vorteile sich verteilen.
Aldi verzichtet bewusst auf App-Rabatte
Nicht alle Discounter setzen auf digitale Bonusprogramme. Aldi Nord und Aldi SĂŒd verzichten vollstĂ€ndig auf App-Rabatte und haben diese Entscheidung zuletzt mit einer Werbekampagne betont. Dort wird hervorgehoben, bei Aldi gebe es einen Preis fĂŒr alle und ohne Bedingungen, in einer Zeit, in der Einfachheit besonders wichtig sei.
Handelsexperte Stephan RĂŒschen von der Dualen Hochschule Baden-WĂŒrttemberg in Heilbronn hĂ€lt diesen Kurs fĂŒr erfolgversprechend und sinnvoll. Bonusprogramme seien bei vielen Kunden umstritten und wĂŒrden teilweise als zu kompliziert wahrgenommen. Ein zentrales Alleinstellungsmerkmal von Aldi sei ein einfaches Einkaufserlebnis, weshalb der Verzicht auf App-Rabatte als konsequent bewertet wird.
KontrÀre Marketing-Strategien im Konkurrenzkampf
Rivale Lidl reagierte auf die Aldi-Kampagne mit mehreren Videoclips und argumentiert, dass Kunden auch ohne App sparen könnten, mit der âLidl Plusâ-App aber noch mehr Vorteile erhielten. Aus Sicht von RĂŒschen können sowohl Modelle mit als auch ohne digitale Bonusprogramme Erfolg haben, da Kunden unterschiedliche Vorlieben haben.
FĂŒr HĂ€ndler und Kunden sind Rabatt-Apps zugleich ein TauschgeschĂ€ft: Angemeldete Nutzer erhalten exklusive Vorteile, wĂ€hrend die Unternehmen im Gegenzug Daten ĂŒber das Kaufverhalten gewinnen. Diese Informationen ermöglichen zielgerichtete Werbung und können auch Kaufentscheidungen beeinflussen. Branchenexperten zufolge kennen HĂ€ndler wie Lidl und Rewe ihre Kundschaft dadurch womöglich besser als Anbieter ohne App-basiertes Bonusprogramm.
Begrenzte Kundenbindung durch viele Apps
Nach EinschÀtzung von Andreas Riekötter vom Handelsforschungsinstitut IFH Köln sind Bonusprogramme im Alltag zwar fest etabliert, zugleich gebe es Anzeichen einer SÀttigung. Viele Menschen wollten nicht zehn oder zwanzig verschiedene Apps verwalten, nur um Rabatte zu sammeln. Eine IFH-Analyse kommt zudem zu dem Ergebnis, dass die Apps die Kundenbindung möglicherweise nicht dauerhaft stÀrken.
Nutzer haben demnach im Schnitt 4,2 HĂ€ndler-Apps installiert und wechseln hĂ€ufig zu dem Anbieter, der aktuell die besten Vorteile bietet. Am Ende zĂ€hle fĂŒr viele der beste Preis und nicht die LoyalitĂ€t zu einem bestimmten Treueprogramm, so Riekötter.
Verbreitung und Bewertung von Rabatt-Apps
Wie verbreitet Rabatt-Apps inzwischen sind, zeigt eine reprÀsentative YouGov-Umfrage: Drei von vier Menschen in Deutschland nutzen demnach Rabatt-Apps von HÀndlern wie Rewe, Lidl oder Penny, jeder Zweite sogar mindestens einmal pro Woche. 24 Prozent verwenden solche Anwendungen nicht, ein Drittel von ihnen kann sich eine Nutzung aber vorstellen.
Die Apps werden aus unterschiedlichen GrĂŒnden genutzt. 93 Prozent der Nutzer geben an, damit beim Einkauf Geld zu sparen, 86 Prozent schĂ€tzen die leichtere Suche nach aktuellen Angeboten und Rabatten. 72 Prozent sehen in den Anwendungen individuelle und fĂŒr sie relevante Angebote, 56 Prozent geben an, sie könnten damit ihren Einkauf besser planen.
Hohe Skepsis bei Datenschutz und Fairness
Trotz der weiten Verbreitung sehen viele Befragte Rabatt-Apps kritisch. 55 Prozent halten es fĂŒr unfair, dass bestimmte Rabatte nur registrierten Nutzern angeboten werden. Jeder Zweite Ă€uĂert Bedenken mit Blick auf Datenschutz und die Nutzung persönlicher Daten. FĂŒr 47 Prozent ist der Aufwand zu hoch, 46 Prozent empfinden Benachrichtigungen oder Werbehinweise als störend.
Hinzu kommt, dass 29 Prozent der Befragten die Bedienung als kompliziert und unĂŒbersichtlich empfinden. Die Gerichtsverfahren zu App-Rabatten könnten daher auch klĂ€ren, wie HĂ€ndler digitale Vorteile so gestalten können, dass sie fĂŒr möglichst viele Kundengruppen zugĂ€nglich bleiben und zugleich Datenschutzbedenken ernst nehmen.
Digitaler Nachlass alter Rabatt-Traditionen
Die Klage des Verbraucherzentrale Bundesverbands gegen die âLidl Plusâ-App markiert einen neuen Abschnitt in der Auseinandersetzung um digitale Kundenbindung im Handel. WĂ€hrend klassische Treueprogramme frĂŒher meist ĂŒber physische Karten oder allgemein zugĂ€ngliche Aktionen liefen, verlagert sich der Schwerpunkt heute in geschlossene App-Ăkosysteme. Damit werden Rabatte faktisch an technische Ausstattung, digitale Kompetenz und die Bereitschaft zur Datenpreisgabe gekoppelt. Genau diese VerknĂŒpfung steht im Mittelpunkt der Kritik: Wer kein Smartphone besitzt oder Apps aus persönlichen GrĂŒnden nicht nutzen möchte, erhĂ€lt bestimmte Vorteile nicht mehr.
Zwischen Datenökonomie und Teilhabe-Fragen
FĂŒr HĂ€ndler sind Rabatt-Apps ein zentrales Instrument der Datenökonomie. Aus den Nutzungsdaten entstehen detaillierte Profile, mit denen Angebote personalisiert und Marketingkampagnen effizient gesteuert werden können. Die dpa-Meldung verweist darauf, dass Anbieter wie Lidl und Rewe ihre Kunden damit möglicherweise besser kennen als Wettbewerber ohne Bonus-App. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie weit wirtschaftliche Interessen gehen dĂŒrfen, wenn gesellschaftliche Gruppen strukturell benachteiligt werden könnten â etwa Ă€ltere oder behinderte Menschen, die digitale Anwendungen seltener nutzen. Die anstehenden Verfahren vor Oberlandesgericht und spĂ€ter Bundesgerichtshof werden somit nicht nur fĂŒr den Handel, sondern auch fĂŒr die Auslegung von Verbraucherschutz und AntidiskriminierungsgrundsĂ€tzen im digitalen Alltag richtungsweisend sein.
Konsequenzen fĂŒr Kunden und Wettbewerb
FĂŒr Verbraucher entsteht ein Spannungsfeld aus kleinem, aber dauerhaften Sparpotenzial, zusĂ€tzlichem Aufwand und Datenschutzbedenken. Die dpa-Analyse, nach der die durchschnittliche Ersparnis nur bei rund einem Prozent liegt, verdeutlicht, dass der wirtschaftliche Nutzen begrenzt sein kann. Gleichzeitig zeigen Umfragen eine sehr hohe Verbreitung und regelmĂ€Ăige Nutzung solcher Apps, was ihre praktische Bedeutung fĂŒr Millionen Menschen unterstreicht. Strategien wie der App-Verzicht von Aldi stehen exemplarisch fĂŒr einen Wettbewerb um Vertrauen und Einfachheit, wĂ€hrend andere Ketten auf maximalen digitalen Komfort und Personalisierung setzen. Die anstehenden Gerichtsentscheidungen könnten Standards fĂŒr kĂŒnftige Rabattmodelle setzen â von transparenten Alternativen ohne App bis hin zu strengeren Regeln fĂŒr ausschlieĂliche digitale Vorteile.
