Verkehrsminister, Bund

Verkehrsminister: Bund muss mehr fĂŒr Regionalverkehr zahlen

Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 16:59 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Millionen Bahnreisenden drohen in den kommenden Jahren Einschnitte im Fahrplan und höhere Ticketpreise im Bahnverkehr.

Wichtigster Grund sind stark steigende GebĂŒhren, die Verkehrsunternehmen der Bahntochter DB InfraGo fĂŒr die Nutzung des Schienennetzes zahlen mĂŒssen, die sogenannten Trassenpreise. Verkehrsminister der BundeslĂ€nder machen deshalb Front gegen die Bundesregierung, die sich aus ihrer Sicht der Verantwortung fĂŒr einen funktionierenden Nahverkehr entzieht.

Verbindungen wurden bereits gestrichen - weitere KĂŒrzungen drohen

"Die Lage im Nahverkehr bleibt ernst", sagte Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Oliver Krischer (GrĂŒne) der Deutschen Presse-Agentur (dpa). "Der Bund hat zu lange zugesehen, statt rechtzeitig fĂŒr eine verlĂ€ssliche Finanzierung zu sorgen." In Nordrhein-Westfalen wĂŒrden 2027 wegen der Trassenpreise keine ZĂŒge abbestellt, sagte Krischer. "Aber klar ist: Das kann auf Dauer kein Land allein auffangen."

"Wir mĂŒssen jetzt acht Prozent Steigerungen fĂŒr das kommende Jahr auffangen. Das ist Geld, das keiner hat", sagte der bayerische Ressortchef Christian Bernreiter (CSU) der "Bild"-Zeitung. "Nach 2028 kommen auch wir in Bayern in Schwierigkeiten." Bernreiter ist Vorsitzender der Verkehrsministerkonferenz von Bund und LĂ€ndern, die sich am Mittwoch und Donnerstag im bayerischen Hohenschwangau trifft.

Schleswig-Holstein hatte schon vor zwei Jahren infolge gekĂŒrzter ZuschĂŒsse des Bundes auf fast allen Linien Fahrten gestrichen und somit das Angebot um insgesamt 1,5 Prozent reduziert. "Vor zwei Jahren konnten wir die Abbestellungen noch auf verkehrsschwache Zeiten in der Nacht oder an Wochenenden beschrĂ€nken", sagte Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen (CDU) der dpa. Lasse Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) die LĂ€nder aber auch noch mit den ausufernden Trassenpreisen allein, drohe bald ein Vielfaches an Abbestellungen.

Schleswig-Holstein legt Reformvorschlag vor

Schleswig-Holstein will mit einem Reformvorschlag die LĂ€nder bei der Finanzierung des kostspieligen Regionalverkehrs auf der Schiene entlasten. Wie aus einem der dpa vorliegenden Papier hervorgeht, sollen bestimmte Infrastrukturkosten der Bahn nicht lĂ€nger ĂŒber die Trassenpreise finanziert werden. Vor allem investitionsbedingte Kosten sollten stattdessen kĂŒnftig aus dem Bundeshaushalt und nicht ĂŒber steigende Trassenpreise finanziert werden.

Derzeit beglichen die LĂ€nder die Defizite, sagte Madsen. "Das ist doch dasselbe, als wenn ein Kneipenwirt neben Bier und Currywurst auch noch die Miete fĂŒr seine Privatwohnung und das gewĂŒnschte Trinkgeld gleich mit auf die Rechnung schreibt - abhĂ€ngig davon, fĂŒr wie zahlungsfĂ€hig er seine GĂ€ste hĂ€lt. Und obwohl die GĂ€ste nicht wissen, was ihre Zeche kosten wird, mĂŒssten sie obendrein schon Monate im Voraus einen Platz im Lokal reservieren."

Madsens nordrhein-westfĂ€lischer Kollege Krischer nennt das bisherige Finanzierungssystem "bĂŒrokratischen Irrsinn": Die LĂ€nder bekĂ€men vom Bund Regionalisierungsmittel, die sie an AufgabentrĂ€ger und Verkehrsunternehmen weitergĂ€ben. "Die ĂŒberweisen davon mehr als die HĂ€lfte als Trassenentgelte ĂŒber die DB InfraGo an den Bund zurĂŒck", sagte Krischer der dpa. "Mir kann niemand erklĂ€ren, warum wir in Deutschland Milliarden öffentlicher Mittel mit hohen BĂŒrokratiekosten im Kreis pumpen."

Kiel droht mit Bundesverfassungsgericht

Madsen verweist auf den 2016 im sogenannten Eisenbahnregulierungsgesetz verankerten politischen Konsens, wonach bei steigenden Trassenpreisen auch die Regionalisierungsmittel des Bundes im selben Ausmaß steigen. "Und genau dieser Grundkonsens ist seit MĂ€rz scheinbar Geschichte. Konsequenterweise mĂŒsste der Bund deshalb nun auch die Organisation des Schienenpersonen-Nahverkehrs wieder zurĂŒckbekommen."

Zwar sei ihm bewusst, dass dies ohne eine GrundgesetzĂ€nderung nicht möglich ist. Es sei aber zumindest "diskussionswĂŒrdig, ob das Bundesverfassungsgericht nicht einmal ĂŒberprĂŒfen könnte, in welchem Ausmaß der Bund noch seinem grundgesetzlichen Auftrag fĂŒr die angemessene Finanzierung des Nahverkehrs nachkommt".

Die Minister der LĂ€nder berufen sich bei ihren Forderungen auf die AbsichtserklĂ€rung der schwarz-roten Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag. Darin heißt es: "Das Trassenpreissystem reformieren wir." Zur StĂ€rkung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) werde die Finanzierung auf eine neue gesetzliche Grundlage gestellt. Allerdings sieht der Bund keinen Spielraum fĂŒr mehr Geld. Bernreiter beklagte: "Leider stellt sich Berlin momentan taub. Wir fordern ein GesprĂ€ch mit dem Bundesfinanzminister. Dieser GesprĂ€chswunsch wurde bisher abgelehnt."

Gerichtsurteil löste die Debatte aus

Hintergrund des Konflikts ist ein Urteil des EuropĂ€ischen Gerichtshofs, der im MĂ€rz die sogenannte Trassenpreisbremse gekippt hatte, durch die die Unternehmen im Schienenpersonennahverkehr von stark steigenden Trassenpreisen ausgenommen waren. Diese Schienenmaut fĂ€llt fĂŒr die drei Verkehrsarten GĂŒter-, Fern- und Regionalverkehr unterschiedlich hoch aus. Im Schienenpersonennahverkehr will DB InfraGo fĂŒr 2027 ein Plus von 7,7 Prozent, 2028 sollen die GebĂŒhren noch einmal krĂ€ftig steigen.

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