Volkswagen, Zalando

Volkswagen und Zalando: Deutsche Industrie vor Zerreißprobe

16.05.2026 - 15:46:34 | boerse-global.de

Volkswagen, Zalando und Preh kämpfen mit Umstrukturierungen. Neue BAG-Urteile stärken Arbeitnehmerrechte, während die Politik eine Arbeitszeitreform plant.

Volkswagen und Zalando: Deutsche Industrie vor Zerreißprobe - Foto: über boerse-global.de
Volkswagen und Zalando: Deutsche Industrie vor Zerreißprobe - Foto: über boerse-global.de

Gleich mehrere Großunternehmen ringen um ihre Zukunft – und die Arbeitsplätze von Zehntausenden Beschäftigten stehen auf dem Spiel.

Im Zentrum der Auseinandersetzung: Volkswagen. Die Gewerkschaft IG Metall und der Betriebsrat haben eine klare rote Linie gezogen. Werksschließungen? Kommen nicht in Frage. Das machten die Arbeitnehmervertreter am 15. Mai 2026 in einer gemeinsamen Erklärung deutlich.

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Der Machtkampf in Wolfsburg

Christiane Benner, Daniela Cavallo und Thorsten Gröger beriefen sich auf einen wegweisenden Tarifvertrag vom Dezember 2024. Dieser sieht zwar den Abbau von rund 35.000 Stellen bis 2030 vor – schließt aber betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen explizit aus.

Der Konflikt eskalierte, nachdem VW-Chef Oliver Blume weitere Kapazitätskürzungen in Europa ins Spiel gebracht hatte. Bis zu 500.000 Fahrzeuge weniger – das wäre ein massiver Einschnitt. Blume begründet den Schritt mit einem schwierigen globalen Umfeld: neue US-Zölle, anhaltende Probleme in China und die strategische Neuausrichtung der Porsche-Tochter.

Um Werksschließungen zu vermeiden, schlägt der Manager unkonventionelle Wege vor. „Wir könnten in bestehenden Werken Autos für chinesische Partner produzieren oder Kooperationen mit der Rüstungsindustrie eingehen“, ließ Blume verlauten.

Die Arbeitnehmervertreter zeigen sich grundsätzlich offen für neue Geschäftsmodelle. „Wir haben keine ideologischen Vorbehalte“, betonten sie. Aber der Tarifvertrag von 2024 sei nicht verhandelbar.

Besonders prekär ist die Lage im Werk Osnabrück. Rund 2.300 Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Produktion des T-Roc Cabriolet läuft Mitte 2027 aus – ein Anschlussauftrag fehlt bislang.

Logistik: Zalando gerät unter Zeitdruck

Doch nicht nur die Autoindustrie kämpft. Auch der Modehändler Zalando steckt in Schwierigkeiten. Die Schließung des Logistikzentrums in Erfurt verzögert sich erheblich.

Eigentlich sollte der Standort mit 2.700 Jobs bis Ende September 2026 dicht sein. Doch die Verhandlungen mit dem Betriebsrat über einen Interessenausgleich und Sozialplan stocken. Ursprünglich wollte Zalando diese Gespräche bis Ende März abschließen – daraus wurde nichts. Auch die geplante Kündigung der ersten 500 Mitarbeiter Ende April konnte nicht vollzogen werden.

Der Grund: Das Erfurter Werk gilt als veraltet. Die Bearbeitungskosten pro Artikel liegen bei 77 Cent – in moderneren Standorten zwischen 30 und 65 Cent. Eine Modernisierung würde 130 Millionen Euro verschlingen. Zu viel, befand das Management.

Während die Verhandlungen laufen, bereitet Zalando den Start eines neuen Logistikzentrums in Gießen vor. Ein herber Schlag für Thüringen.

Zulieferer unter Druck

Auch die Preh Group macht ernst. Am 15. Mai kündigte der Autozulieferer den Abbau weiterer 280 Stellen am Hauptsitz in Bad Neustadt an. Bereits 2024 waren 420 Jobs gestrichen worden.

CEO Zhengxin „Charlie“ Cai nannte die anhaltende Krise der Branche und die hohen Standortkosten als Gründe. Obwohl Preh 2025 einen Umsatz von 1,48 Milliarden Euro erzielte, schreibt der Standort Bad Neustadt rote Zahlen. Ein Sozialplan wird derzeit erarbeitet.

Gerichte stärken Arbeitnehmerrechte

Die Welle der Umstrukturierungen wird nicht nur in den Vorstandsetagen entschieden. Auch die höchsten Arbeitsgerichte greifen ein.

Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat die Rechte der Beschäftigten bei Kündigungen deutlich gestärkt. Standardklauseln, die eine sofortige Freistellung nach Ausspruch der Kündigung vorsehen, sind oft unwirksam. Arbeitgeber müssen künftig ein berechtigtes Interesse nachweisen, das schwerer wiegt als das Interesse des Mitarbeiters, bis zum Ende der Kündigungsfrist weiterzuarbeiten.

Besonders relevant: Vertriebsmitarbeiter, die ihre Kundenkontakte erhalten wollen, profitieren von dieser Entscheidung.

Zudem entschied das BAG am 13. Mai 2026, dass auch ausländische Unternehmen in Deutschland Betriebsräte bilden müssen. Konkret ging es um die Berliner Station einer maltesischen Fluggesellschaft mit rund 320 Beschäftigten. Das Gericht stellte klar: Der Sitz im Ausland spielt keine Rolle.

Politik plant Arbeitszeit-Reform

Parallel zu den Gerichtsentscheidungen treibt die Bundesregierung eine Reform des Arbeitszeitgesetzes voran. Arbeitsministerin Bärbel Bas will im Juni einen Gesetzesentwurf vorlegen, der von täglichen auf wöchentliche Höchstarbeitszeiten umstellt.

Das klingt nach mehr Flexibilität. Doch Kritiker warnen: Theoretisch wären dann Arbeitswochen von bis zu 73,5 Stunden möglich – auch wenn EU-Richtlinien weiterhin einen Durchschnitt von maximal 48 Stunden pro Woche vorschreiben.

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Der Preis der Deindustrialisierung

Die Entwicklung ist kein Einzelfall. In der Schweiz hat die Luxusmarke Bally am 14. Mai die gesamte Schuhproduktion am Standort Caslano eingestellt. Die letzten 27 Produktionsmitarbeiter wurden entlassen. Vor zwei Jahren arbeiteten dort noch 250 Menschen. Nach der Übernahme durch den US-Investor Regent LP im August 2024 wird der Standort nach dem Sommer nur noch Verwaltungsaufgaben übernehmen.

Auch die Schwerindustrie ist betroffen. In Düsseldorf-Bilk soll eine traditionsreiche Papierfabrik 2027 schließen. Die Verhandlungen über einen Sozialplan laufen. Die Stadt diskutiert derzeit, ob auf dem 20.000 Quadratmeter großen Gelände Wohnungen oder Gewerbe entstehen sollen.

Streikgefahr in Österreich

Der Druck macht nicht an den Grenzen halt. In Österreich droht die Gewerkschaft ProGe mit Streiks. Die Tarifverhandlungen für die Chemie-, Papier- und Elektroindustrie sind festgefahren. Gewerkschaftschef Reinhold Binder kritisierte die Arbeitgeber scharf: „Die angebotenen Konditionen sind respektlos.“

Die Unruhe könnte sich auf weitere Kernbranchen Europas ausweiten.

Ausblick: Entscheidendes Jahr 2027

Für Volkswagen werden die nächsten zwölf Monate richtungsweisend sein. Die Entscheidung über die Zukunft des Osnabrücker Werks steht an. Gleichzeitig muss der Konzern neue Geschäftsfelder erschließen – sei es Rüstung oder die Produktion für chinesische Partner.

Die Logistikbranche schaut gespannt nach Erfurt. Die Verzögerungen bei Zalando zeigen: In Zeiten hoher Inflation und Fachkräftemangels stemmen sich Betriebsräte stärker gegen traditionelle Sozialplan-Modelle.

Mit der geplanten Arbeitszeitreform und den neuen BAG-Urteilen wird der rechtliche Rahmen für Verhandlungen über Abfindungen und Kündigungen immer komplexer. Unternehmen und Arbeitnehmervertreter müssen ihre Strategien anpassen – oder scheitern.

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