Online-Hauptversammlungen, Deutschland

Online-Hauptversammlungen: Vorstands-TV oder Plattform?

31.05.2023 - 07:11:36

WĂ€hrend der Pandemie waren Hauptversammlungen mit Tausenden Menschen aus nachvollziehbaren GrĂŒnden nicht möglich. Nun ist das Online-Format gesetzlich verankert.

Tortenwurf und lautstarker Protest - die Hauptversammlung des Autobauers Volkswagen erinnerte an die besten Zeiten solcher Veranstaltungen. Straßenblockaden auf Zufahrtsstraßen, Klimaproteste vor dem VersammlungsgebĂ€ude, Störaktionen in der Halle. Allein: Dass sich Manager Tausenden AktionĂ€rinnen und AktionĂ€ren in PrĂ€senz stellen, ist nicht mehr unbedingt die Regel. Auch nach Corona halten - zum Ärger vieler Anteilseigner - etliche Unternehmen in Deutschland ihre Hauptversammlung ausschließlich online ab: so an diesem Mittwoch (10.00 Uhr) die Commerzbank.

Wie ist die Rechtslage?

WĂ€hrend der Corona-Pandemie schuf der Gesetzgeber die Möglichkeit, Hauptversammlungen rein digital durchzufĂŒhren. So konnten diese Jahrestreffen auch in Zeiten von KontaktbeschrĂ€nkungen auf sicherer Rechtsgrundlage stattfinden. Als erster Dax-Konzern verlegte Ende April 2020 der Pharmariese Bayer seine Hauptversammlung komplett ins Internet. Seit Juli 2022 ist die Corona-Sonderregelung einer virtuellen Hauptversammlung per Gesetz eine Dauereinrichtung.

Gibt es Vorgaben fĂŒr Online-Hauptversammlungen?

FĂŒr kĂŒnftige AktionĂ€rstreffen in diesem Format ist eine Änderung der Satzung der jeweiligen Aktiengesellschaft erforderlich. Heißt: Das Management muss sich von seinen Anteilseignern genehmigen lassen, ĂŒber 2023 hinaus Hauptversammlungen ohne physische PrĂ€senz von AktionĂ€ren abhalten zu dĂŒrfen. Sichergestellt sein muss, dass eine solche Hauptversammlung komplett in Bild und Ton ĂŒbertragen wird. Im Gegensatz zum Pandemie-Provisorium stĂ€rkt das im vergangenen Jahr beschlossene Gesetz zudem die AktionĂ€rsrechte: etwa durch die Möglichkeit, ohne Voranmeldung zu reden.

Sehen auch AktionÀre ihre Rechte gestÀrkt?

Im Gegenteil. Im digitalen Format bleibe der AktionĂ€r «Zaungast», kritisiert Markus Kienle von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), die Hauptversammlung werde zum «Vorstandsfernsehen». Fondsmanagerin Alexandra Annecke von Union Investment forderte von der Deutschen Bank mindestens eine Mischung aus PrĂ€senz und Online: «Sie sollten wenigstens einmal im Jahr den AktionĂ€ren persönlich und öffentlich Rede und Antwort stehen, sich direkter Kritik stellen und die Stimmung in der Halle spĂŒren.»

Die Deutsche Schutzvereinigung fĂŒr Wertpapierbesitz (DSW) Ă€ußerte sich immer wieder kritisch: «Wir sind nicht grundsĂ€tzlich gegen die virtuelle Hauptversammlung - in klar begrĂŒndeten Ausnahmesituationen», bekrĂ€ftigte DSW-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Marc TĂŒngler im MĂ€rz. «Eine perfekte technische Umsetzung ist allerdings eine zwingende Grundvoraussetzung.»

Die Chefin des Deutschen Aktieninstitut, Christine BortenlĂ€nger, meint, angesichts einer immer digitaler werdenden Welt sei «die EinfĂŒhrung einer virtuellen Hauptversammlung nur konsequent»: «EingeschrĂ€nkte Einflussmöglichkeiten kann ich nicht erkennen.»

Warum sind Hauptversammlungen eigentlich wichtig?

Die Hauptversammlung - kurz HV - ist neben Vorstand und Aufsichtsrat das wichtigste Entscheidungsgremium einer Aktiengesellschaft. Einmal im Jahr haben AktionĂ€re die Gelegenheit, der FĂŒhrung ihres Unternehmens persönlich die Meinung zu sagen. Zudem trifft die Hauptversammlung wichtige Entscheidungen: Die Anteilseigner stimmen unter anderem ĂŒber die AusschĂŒttung der Dividende, mögliche Kapitalerhöhungen oder Wahlen zum Aufsichtsrat ab.

Was sind die Vorteile?

Das Bundesjustizministerium argumentierte im Gesetzgebungsverfahren im Juli 2022 unter anderem, die Möglichkeit, Fragen bereits im Vorfeld einzusammeln, habe «zu einer Erhöhung der QualitĂ€t bei der Beantwortung von AktionĂ€rsfragen beigetragen». Zudem sehen es BefĂŒrworter als Vorteil, dass per Zuschaltung AktionĂ€re teilnehmen können, die zu einer PrĂ€senzveranstaltung nicht anreisen wĂŒrden. «Ein klarer Vorteil des virtuellen Formats ist, dass AktionĂ€re leichter teilnehmen und ihre Rechte leichter ausĂŒben können. Das ist insbesondere fĂŒr junge und berufstĂ€tige Menschen attraktiv», sagt Aktieninstituts-Chefin BortenlĂ€nger. Die Deutsche Börse verzeichnete bei ihrer virtuellen Hauptversammlung 2023 mit fast 79 Prozent des stimmberechtigten Kapitals einen Rekordwert in ihrer Geschichte.

Ein weiteres Argument aus Sicht der Unternehmen: geringere Kosten. Man könne «letztlich im virtuellen Format von einer Kostenersparnis von rund 40 Prozent ausgehen», sagte Deutsche-Bank-Vorstand Stefan Simon bei der diesjĂ€hrigen Online-Hauptversammlung des grĂ¶ĂŸten deutschen Geldhauses. Die Kosten fĂŒr die diesjĂ€hrige Veranstaltung beliefen sich Simons Angaben zufolge auf «ungefĂ€hr drei Millionen Euro», die Online-Hauptversammlung 2022 habe die Deutsche Bank 2,83 Millionen Euro gekostet, bei der letzten PrĂ€senz-Hauptversammlung des Dax-Konzerns im Jahr 2019 seien es 4,6 Millionen Euro gewesen.

Wie viele Unternehmen haben das virtuelle Format gewÀhlt?

Die AktionÀrsvereinigung DSW kommt in einer vorlÀufigen Auswertung auf Basis der bereits bekannten HV-Termine auf folgende Zahlen: Von den 40 Konzernen im Deutschen Aktienindex wÀhlten in der laufenden HV-Saison 28 das virtuelle Format, 12 luden ihre AktionÀrinnen und AktionÀre zu einem PrÀsenztermin ein. Im MDax war die Verteilung fast 50:50 (20 virtuell, 24 in PrÀsenz). Im SDax zÀhlt die DSW bis dato 25 virtuelle Hauptversammlungen und 39 in PrÀsenz.

@ dpa.de