Neuer Dieselprozess: Verfahren gegen die zweite VW-Riege?
13.11.2025 - 04:00:48Der VW-Dieselskandal zu den Akten gelegt? - Ganz im Gegenteil: Am Landgericht Braunschweig startet zum zweiten Mal ein riesiges Verfahren zur weiteren AufklĂ€rung der Abgasmanipulationen bei Europas gröĂtem Autobauer. Am Donnerstag begann der Prozess mit der Verlesung der Anklage. Das Verfahren gegen fĂŒnf Angeklagte könnte sich bis Ende 2026 ziehen - droht ihnen dann immer noch Haft?Â
Worum geht es in dem Prozess?Â
Es geht immer noch um die juristische Aufarbeitung eines der gröĂten deutschen Wirtschaftsskandale. Mehr als zehn Jahre nach dem Auffliegen der VW-DieselaffĂ€re stehen fĂŒnf Angeklagte vor Gericht, um deren mögliche strafrechtliche Verantwortung zu ĂŒberprĂŒfen. Juristisch ausgedrĂŒckt, soll das Verfahren den mutmaĂlichen Tatbeitrag der fĂŒnf Angeklagten zum Dieselskandal klĂ€ren.Â
Im September 2015 war herausgekommen, dass VW statt des Einsatzes teurerer Abgastechnik die Messwerte mithilfe versteckter Software-Codes fĂ€lschte. Diese sorgten dafĂŒr, dass bei Tests voll gereinigt wurde, im StraĂenbetrieb jedoch ein Vielfaches der Emissionen auftrat.
Kurz bevor die US-Umweltbehörde EPA ĂŒber Manipulationen bei Dieselautos informierte, hatte VW falsche Testergebnisse eingerĂ€umt. Wenige Tage spĂ€ter trat Konzernchef Martin Winterkorn zurĂŒck, und der Autobauer schlitterte in eine der gröĂten Krisen der Unternehmensgeschichte.Â
Wer sitzt jetzt auf der Anklagebank?Â
Die AnklĂ€ger bezeichnen die vier MĂ€nner und eine Frau als zum Teil ehemalige FĂŒhrungskrĂ€fte des Autobauers. Durch ihre «leitenden Stellungen» in fĂŒr die illegale Abschalteinrichtung «relevanten Abteilungen» sollen sie von den TĂ€uschungen von Kunden und Behörden in Europa und den USA gewusst haben.Â
Die Angeklagten sollen die Vorgehensweise gewollt haben. Ihnen wird nicht nur Kenntnis vorgeworfen, sie sollen die Software mit entwickelt haben oder seien gegen die Fortentwicklung nicht eingeschritten.
Die fĂŒr das neue Verfahren relevanten VorwĂŒrfe reichen zurĂŒck bis in das Jahr 2006. Die Angeklagten sollen die Tat in teils unterschiedlichen ZeitrĂ€umen zwischen November 2006 und September 2015 begangen haben. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie dem Unternehmen möglichst hohe Gewinne verschaffen wollten, weil ihre Bonuszahlungen davon abhĂ€ngig gewesen seien.Â
Droht GefĂ€ngnis?Â
In der Hauptverhandlung der 11. groĂen Strafkammer geht es um gewerbsmĂ€Ăigen Betrug in Tateinheit mit Steuerhinterziehung und mit strafbarer Werbung; auch Beihilfe zu diesen Delikten ist möglich. Allein fĂŒr Betrug sieht das Strafgesetzbuch eine Freiheitsstrafe von bis zu fĂŒnf Jahren vor, in besonders schweren FĂ€llen sind bis zu zehn Jahre GefĂ€ngnis möglich.Â
Nach Angaben des Gerichts betrifft der Betrugsvorwurf insgesamt etwa neun Millionen Fahrzeuge. Durch den Verkauf in Europa und den USA stehe ein Vermögensschaden von mehreren Milliarden Euro im Raum.Â
Im selben Rahmen wie fĂŒr Betrug bewegen sich die möglichen Strafen bei Steuerhinterziehung. FĂŒr strafbare Werbung sieht das Gesetz bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe vor. Bis zu einer rechtskrĂ€ftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.Â
Welche Urteile gab es bisher?Â
In den USA wurden vergleichsweise schnell Haftbefehle und GefĂ€ngnisstrafen verhĂ€ngt. LangjĂ€hrige Haftstrafen gegen frĂŒhere VW-Manager sind lĂ€ngst abgesessen.Â
In Deutschland wurde Ex-Audi-Chef Rupert Stadler im ersten strafrechtlichen Urteil in MĂŒnchen wegen Betrugs zu einem Jahr und neun Monaten Haft auf BewĂ€hrung und einer Zahlung von 1,1 Millionen Euro verurteilt. Obwohl es dabei eine VerstĂ€ndigung gegeben hatte, legten die Verteidiger Revision ein.
Das erste groĂe Betrugsverfahren in Braunschweig endete im Mai 2025 mit der Verurteilung von vier frĂŒheren VW-FĂŒhrungskrĂ€ften. Zwei mĂŒssen mehrjĂ€hrige Haftstrafen antreten, zwei erhielten BewĂ€hrung. Der frĂŒhere Leiter der Dieselmotoren-Entwicklung etwa muss viereinhalb Jahre ins GefĂ€ngnis.Â
Die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts in Niedersachsen wertete das Vorgehen als einen besonders schweren Fall des Betrugs und bezifferte den Schaden auf rund 2,1 Milliarden Euro. Die Verurteilten sehen sich als Bauernopfer und gingen ebenfalls in Revision. RechtskrĂ€ftig ist damit noch keines der deutschen Urteile.Â
Verfahren gegen die zweite Riege?Â
Schon beim ersten Betrugsprozess in Braunschweig war eine zentrale Kritik, dass der frĂŒhere Vorstandschef Martin Winterkorn nicht auf der Anklagebank saĂ. «Die Botschaft, hier zu sitzen ohne Herrn Winterkorn, ist eine Katastrophe», sagte damals ein Verteidiger. «Sich der Verantwortung fĂŒr das eigene Handeln zu stellen, sieht anders aus», kritisierte ein anderer Anwalt. Auch die Staatsanwaltschaft legte Beschwerde ein.Â
Der Verfahrenskomplex gegen Winterkorn war kurz vor dem Auftakt im September 2021 aus gesundheitlichen GrĂŒnden abgetrennt worden. Das separate Verfahren gegen ihn wurde 2024 bereits nach wenigen Verhandlungstagen wegen gesundheitlicher Probleme unterbrochen und spĂ€ter wegen VerhandlungsunfĂ€higkeit vorlĂ€ufig eingestellt.
In den wenigen Verhandlungstagen wies der von Operationen sichtbar gezeichnete Winterkorn jegliche strafrechtliche Verantwortung zurĂŒck. Der einstige «Mr. Volkswagen» widersprach den VorwĂŒrfen gegen sich und sah seine erfolgreiche Karriere durch die DieselaffĂ€re beschĂ€digt. Auch in seinem Fall gilt die Unschuldsvermutung.


