ROUNDUP, Polens

Polens Parlament spricht Tusks Regierung Vertrauen aus

11.06.2025 - 17:49:40

WARSCHAU - Polens proeuropĂ€ischer MinisterprĂ€sident Donald Tusk kann aufatmen: Seine Mitte-Links-Regierung hat eine Vertrauensabstimmung im Parlament ĂŒberstanden.

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WARSCHAU (dpa-AFX) - Polens proeuropĂ€ischer MinisterprĂ€sident Donald Tusk kann aufatmen: Seine Mitte-Links-Regierung hat eine Vertrauensabstimmung im Parlament ĂŒberstanden. Nach einer mehr als sechsstĂŒndigen Debatte sprach eine Mehrheit von 243 der 453 anwesenden Abgeordneten Tusks Kabinett das Vertrauen aus, dagegen stimmten 210 Parlamentarier. Das Votum Ă€ndert aber nichts daran, dass sich in Polen ein Richtungsstreit zwischen dem neuen PrĂ€sidenten Karol Nawrocki und der Regierung anbahnt, der auch auf Deutschland und Europa Auswirkungen haben wird.

Der Rechtskonservative Karol Nawrocki hatte die PrĂ€sidentenwahl am 1. Juni gegen den Kandidaten aus dem Lager von Tusk gewonnen. Der parteilose Nawrocki wird von der oppositionellen PiS unterstĂŒtzt. Er hat bereits angekĂŒndigt, dass sich Tusk auf "harten Widerstand" aus dem PrĂ€sidentenpalast einstellen kann. In Polen kann der PrĂ€sident neue Gesetze mit einem Veto blockieren.

Tusk hatte die Vertrauensabstimmung angesetzt, weil er sichergehen wollte, dass in seinem heterogenen BĂŒndnis alle Koalitionspartner hinter ihm stehen. "Ich bitte um ein Vertrauensvotum, weil ich die Überzeugung, den Glauben und die Gewissheit habe, dass wir das Mandat haben, zu regieren und die volle Verantwortung fĂŒr das zu ĂŒbernehmen, was in Polen geschieht", sagte Tusk in seiner RegierungserklĂ€rung. Das Regieren werde sicherlich schwerer, aber dies sei fĂŒr ihn kein Grund, zu kapitulieren.

PiS boykottiert RegierungserklÀrung

Dass die Zeichen auf Konfrontation stehen, machten die Abgeordneten der PiS im Parlament deutlich: WÀhrend Tusks RegierungserklÀrung waren die meisten von ihnen demonstrativ nicht im Plenarsaal anwesend. "Wir wollen nicht an Tusks PR-Aktion teilnehmen", sagte dazu PiS-Fraktionschef Mariusz Blaszczak.

In der anschließenden Fragestunde thematisierten die PiS-Abgeordneten so hĂ€ufig Tusks angebliche Hörigkeit gegenĂŒber Deutschland, dass dieser irgendwann entnervt vom Rednerpult rief: "Auch eine Obsession mit anderen NationalitĂ€ten kann man behandeln lassen!"

Tusk zieht Bilanz seiner Regierungsarbeit

In seiner Rede zog Tusk eine Bilanz der bisherigen anderthalb Jahre Arbeit seiner Regierung. Er hob hervor, dass sein Land wirtschaftlich hervorragend dastehe. Die Inflation, die zu PiS-Zeiten sehr hoch war, sei unter Kontrolle. Polen verzeichne mit 3,7 Prozent Wirtschaftswachstum den höchsten Wert innerhalb der EU. Die Arbeitslosigkeit sei die niedrigste innerhalb der Staatengemeinschaft.

Der Regierungschef betonte auch, dass es gelungen sei, die Grenze zu Belarus, die auch eine EU-Außengrenze ist, weiter zu befestigen, um irregulĂ€re Migration zu stoppen. DafĂŒr seien EU-Mittel eingeworben worden. Polen und die EU beschuldigen den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko, gezielt Menschen aus Krisenregionen an die polnische Ostgrenze zu bringen.

Tusk: Polen wieder in der Extraklasse der Weltpolitik

Der 68-jĂ€hrige Tusk verwies auch auf die außenpolitischen Erfolge. "Polen ist in die Extraklasse der Weltpolitik zurĂŒckgekehrt", sagte Tusk. Er verwies auf den kĂŒrzlich mit Frankreich unterzeichneten Freundschafts- und Kooperationsvertrag, der auch Beistand in Verteidigungsfragen vorsieht. Auch das VerhĂ€ltnis zu den USA laufe bestens und auf "höchster Ebene", sagte Tusk. Polen ist ein enger militĂ€rischer und politischer VerbĂŒndeter der von Russland angegriffenen Ukraine und hat eine wichtige Funktion als logistische Drehscheibe fĂŒr MilitĂ€rhilfe des Westens.

Tusk kĂŒndigte an, im Juli werde er sein Kabinett umbilden. "Es wird sicher auch neue Gesichter geben." Auch solle ein Regierungssprecher dafĂŒr sorgen, dass die Politik besser kommuniziert wird. Nach der Niederlage von Tusks politischem Mitstreiter Rafal Trzaskowski bei der PrĂ€sidentenwahl war die unzureichende Informationspolitik der Regierung vielfach kritisiert worden. Auch hieß es, Tusk sei bei vielen Themen zu zögerlich vorgegangen, etwa bei der im Wahlkampf versprochenen Liberalisierung des Abtreibungsrechts.

PrÀsident kann mit seiner Vetomacht Regierung ausbremsen

Geringe Fortschritte gibt es auch bei dem wichtigsten Projekt von Tusks Regierung: Der ehemalige EU-RatsprĂ€sident war angetreten, die BeschĂ€digungen des Rechtsstaats rĂŒckgĂ€ngig zu machen, die die von 2015 bis 2023 amtierende PiS-Regierung mit ihrer Justizreform ausgelöst hat. Jedoch hat der amtierende PrĂ€sident Andrzej Duda, der aus den Reihen der PiS stammt, alle entsprechenden GesetzentwĂŒrfe bislang blockiert.

Bereits jetzt zeichnet sich ab: Nawrocki, der sein Amt am 6. August antritt, wird mit noch grĂ¶ĂŸerer HĂ€rte vorgehen. Der 42-jĂ€hrige promovierte Historiker, der eine Vergangenheit als Amateurboxer und TĂŒrsteher hat, verdankt seinen Aufstieg dem mĂ€chtigen PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski, einem politischen Erzfeind von Tusk. Das kĂŒnftige Staatsoberhaupt sagte in der vergangenen Woche, er habe keine Angst vor Tusk und werde auf jede Provokation "hart und entschieden" reagieren.

@ dpa.de