Netanjahus US-Rede ist politisches Theater
25.07.2024 - 07:46:17(Neu: Anzahl der geborgenen Leichen aktualisiert)
WASHINGTON/TEL AVIV (dpa-AFX) - Kurz vor Treffen mit US-PrĂ€sident Joe Biden und dessen Vize Kamala Harris enttĂ€uscht Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu mit einer von Protesten begleiteten Rede vor dem US-Kongress die Hoffnungen auf eine baldige Waffenruhe in Gaza. Angehörige von acht amerikanisch-israelischen Geiseln kritisierten den Auftritt als "politisches Theater", wie israelische Medien meldeten. Unter Beifall vor allem aus den Reihen der Republikaner hatte Netanjahu Kritik am Vorgehen in Gaza zurĂŒckgewiesen.
"Er hat es versĂ€umt, neue Lösungen oder einen neuen Weg zu prĂ€sentieren", heiĂt es in einer ErklĂ€rung der amerikanischen Angehörigen. "Vor allem hat er es versĂ€umt, sich zu dem Geiselabkommen zu bekennen, das jetzt auf dem Tisch liegt, obwohl Israels ranghohe Verteidigungs- und Geheimdienstbeamte ihn dazu aufgefordert haben", wurden sie zitiert. Kurz vor Netanjahus Rede bestĂ€tigte sein BĂŒro, dass er die fĂŒr heute geplante Abreise israelischer UnterhĂ€ndler zu den indirekten Verhandlungen nach Katar abgesagt habe.
Scharfe Kritik an Netanjahus Rede
Dies sei der "bei weitem schlechteste Auftritt eines auslĂ€ndischen WĂŒrdentrĂ€gers" gewesen, der das Privileg gehabt habe, vor dem US-Kongress zu reden, schrieb die frĂŒhere Vorsitzende des ReprĂ€sentantenhauses, Nancy Pelosi, auf der Plattform X. Die islamistische Hamas bezichtigte Netanjahu der LĂŒgen. "Netanjahus Gerede ĂŒber verstĂ€rkte BemĂŒhungen um die RĂŒckkehr der Geiseln ist eine glatte LĂŒge und fĂŒhrt die israelische, amerikanische und internationale Ăffentlichkeit in die Irre", heiĂt es in einer Stellungnahme der Hamas.
Netanjahu hatte bei seiner Rede entgegen den Hoffnungen von Angehörigen der 120 noch im Gazastreifen verbliebenen Geiseln keine Vereinbarung ĂŒber eine Waffenruhe im Gegenzug fĂŒr die Freilassung der Geiseln angekĂŒndigt. Die Abreise einer israelischen Delegation zu den indirekten Verhandlungen in Katar werde auĂerdem nun erst in der kommenden Woche erwartet, bestĂ€tigte eine israelische ReprĂ€sentantin. Das genaue Datum sei noch unklar.
USA weiterhin optimistisch
Die US-Regierung zeigt sich dennoch erneut optimistisch und sieht die Verhandlungen in der "Schlussphase". "Es ist an der Zeit, sich zu einigen", sagte ein hochrangiger US-Regierungsvertreter. Es gebe Fortschritte und man gehe davon aus, dass die Differenzen ĂŒberwindbar seien. "Es gibt einige Dinge, die wir von der israelischen Seite brauchen, keine Frage", sagte er. Aber es gebe auch "einige wichtige Dinge", die nur in den HĂ€nden der Hamas lĂ€gen. Er gehe davon aus, dass es nĂ€chste Woche viel Bewegung geben werde.
"Ich werde weiter daran arbeiten, den Krieg in Gaza zu beenden, alle Geiseln nach Hause zu bringen und dem Nahen Osten Frieden und Sicherheit zu bringen", sagte US-PrĂ€sident Biden. Sein VerhĂ€ltnis zu Netanjahu ist wegen dessen KriegsfĂŒhrung angespannt. Netanjahu wird von Kritikern vorgeworfen, den Krieg zu seinem eigenen politischen Vorteil in die LĂ€nge zu ziehen. Er regiert in einer Koalition mit ultra-religiösen und rechtsextremen Parteien, die ZugestĂ€ndnisse an die Hamas ablehnen und mit der Sprengung der Regierung drohen.
FĂŒnf tote Geiseln geborgen
Israelische Soldaten bargen unterdessen im Gazastreifen die Leichen von fĂŒnf Geiseln. Darunter befindet sich die 56-jĂ€hrige Einwohnerin eines Kibbuz am Rande des abgeriegelten KĂŒstenstreifens, wie die Armee mitteilte. Sie sei bei dem Massaker der Hamas am 7. Oktober getötet und ihre Leiche verschleppt worden. Bei den ĂŒbrigen handele es sich um Soldaten, die an dem Tag im Kampf gegen die Terroristen fielen und deren Leichen ebenfalls verschleppt wurden. WĂ€hrend die Angehörigen von weiteren toten Geiseln erfĂŒhren, setze Netanjahu "seine PR-Tour durch die USA" fort und trete "weiter auf die Bremse" zitierte die "Times of Israel" die Mutter einer der von der Hamas weiter festgehaltenen Geiseln.
Netanjahus Rede war begleitet von lauten Protesten rund um das ParlamentsgebĂ€ude in Washington. Ein Teil der Menge sei gewalttĂ€tig geworden, teilte die Kapitol-Polizei mit. Es gab Berichte ĂŒber mehrere Festnahmen. Bei einer propalĂ€stinensischen Kundgebung wurde die US-Regierung aufgerufen, die militĂ€rische Hilfe fĂŒr Israel einzustellen. Israel wurde ein"Genozid" im Gazastreifen vorgeworfen, an dem sich Biden, Harris und die Spitzen im US-Parlament beteiligten, hieĂ es. Netanjahu wurde als Kriegsverbrecher bezeichnet.
Proteste gegen Netanjahu
Sechs Angehörige israelischer Geiseln, die Netanjahus Rede vor dem Kongress beiwohnten, wurden von der Kapitol-Polizei israelischen Medienberichten zufolge festgenommen und spÀter wieder freigelassen. Sie trugen gelbe Hemden mit der Aufschrift "Seal the deal now" (Besiegel den Deal jetzt). Auch in Israel hatten sich Hunderte von Familienangehörigen versammelt, um Netanjahus Rede zu verfolgen. Sie regierten ebenfalls mit EnttÀuschung.
Netanjahu Ă€uĂerte sich in seiner Rede vor beiden Kammern des US-Kongresses verĂ€chtlich ĂŒber die Proteste. Die Demonstranten stĂŒnden auf der Seite des Bösen, "sie stehen auf der Seite der Hamas, sie stehen auf der Seite von Vergewaltigern und Mördern", sagte er. Direkt an Demonstranten gerichtet sagte Israels Regierungschef mit Blick auf die Verbindungen zwischen der Hamas und dem Iran: "Ihr seid offiziell zu nĂŒtzlichen Idioten des Iran geworden." Viele Demonstranten hĂ€tten nicht die geringste Ahnung, wovon sie sprĂ€chen.
Netanjahu: Krieg endet erst mit Sieg ĂŒber die Hamas
Netanjahu bekrĂ€ftigte, der Krieg werde mit einem Sieg ĂŒber die Hamas enden. Er dankte der Regierung von US-PrĂ€sident Biden, den er heute trifft, fĂŒr die UnterstĂŒtzung in dem Krieg und bat zugleich um weitere, schnellere Waffenlieferungen. "Gebt uns die Mittel schneller- und wir werden die Arbeit schneller beenden", sagte Netanjahu. Auchein Treffen mit der US-Vize und demokratischen PrĂ€sidentschaftsbewerberin Kamala Harris ist geplant. Am Freitag besucht Netanjahu den republikanischen PrĂ€sidentschaftsbewerber Donald Trump.
Seine Vision fĂŒr den Tag danach sei "ein entmilitarisiertes, entradikalisiertes Gaza". Israel wolle den Gazastreifen nicht wiederbesiedeln, mĂŒsse dort aber auf absehbare Zeit die Sicherheitskontrolle bewahren, sagte Netanjahu. Er sprach von einer zivilen Verwaltung durch "PalĂ€stinenser, die Israel nicht zerstören wollen". FĂŒr den Nahen Osten sprach Netanjahu von einem SicherheitsbĂŒndnis von Israel und den USA gegen den Iran.

