Maßgeblich, EuGH

Maßgeblich oder nicht? EuGH urteilt zu BonitĂ€tsbewertungen

07.12.2023 - 05:16:44

Welchen Einfluss hat die Schufa auf Kreditentscheidungen? Der Fall einer KlÀgerin, der die Bank die Finanzierung verwehrte, ist beim EuropÀischen Gerichtshof gelandet. Der EuGH urteilt heute dazu.

Wie mĂ€chtig ist die Schufa? Anhand gewaltiger Datenmengen berechnet die Auskunftei, fĂŒr wie kreditwĂŒrdig sie einzelne Verbraucherinnen und Verbraucher hĂ€lt. Banken, OnlinehĂ€ndler, Mobilfunkanbieter, AutohĂ€user, Energielieferanten - sie alle wollen wissen, wie es um die Zahlungsmoral ihrer Kundschaft bestellt ist, bevor VertrĂ€ge geschlossen und Waren ĂŒbergeben werden. Sind die BonitĂ€tsbewertungen aus Wiesbaden dafĂŒr maßgeblich oder nur ein Baustein in einem komplexen PrĂŒfprozess? Um diese Frage geht es im Kern in einem Rechtsstreit, zu dem an diesem Donnerstag (09.30 Uhr) der EuropĂ€ische Gerichtshof ein Urteil spricht.

Was ist die Schufa?

Zum GeschĂ€ftsmodell der 1927 gegrĂŒndeten «Schutzgemeinschaft fĂŒr allgemeine Kreditsicherung» gehört es, Daten zu sammeln. Auf deren Basis liefert die Schufa ihren etwa 10.000 Vertragspartnern - unter anderem Banken und Sparkassen, VersandhĂ€ndler und Energieversorger - bei berechtigtem Interesse eine EinschĂ€tzung zur BonitĂ€t (KreditwĂŒrdigkeit) von Verbraucherinnen und Verbrauchern. Nach eigenen Angaben verfĂŒgt die Schufa ĂŒber Informationen zu 68 Millionen Menschen in Deutschland. Zu mehr als 90 Prozent seien «ausschließlich positive Informationen gespeichert». Pro Tag erteilt die Auskunftei im Schnitt 320.000 AuskĂŒnfte an Unternehmen. Außer der Schufa gibt es weitere Wirtschaftsauskunfteien: etwa Creditreform und Crif.

Welche Daten sammelt die Schufa?

Die Schufa erhĂ€lt von ihren Vertragspartnern Informationen etwa ĂŒber die Eröffnung von Girokonten, die Ausgabe von Kreditkarten, den Abschluss von LeasingvertrĂ€gen und Krediten. Die Schufa speichert zudem persönliche Daten wie Name, Geburtsdatum und Anschrift, hat aber keine Informationen etwa ĂŒber das Einkommen einer Person.

Was macht die Schufa mit diesen Daten?

Anhand der Daten errechnet sich der Basis-Score, der quartalsweise aktualisiert wird. Dieser beschreibt auf einer Skala von 0 bis 100 Prozent eine Wahrscheinlichkeit, mit der ein Verbraucher finanziellen Verpflichtungen nachkommen wird. Je höher der Score, umso höher die KreditwĂŒrdigkeit. Wer Rechnungen regelmĂ€ĂŸig unpĂŒnktlich bezahlt und oft Mahnungen bekommt, wird schlechter eingeschĂ€tzt.

Wie der Score genau berechnet wird, legt die Schufa nicht detailliert offen. Ihr Argument: «LĂ€ge das Berechnungsmodell völlig offen, könnte der Score manipuliert werden und hĂ€tte so keinen Wert mehr.» Die Formel sei aber «der zustĂ€ndigen Datenschutzbehörde bekannt und wird von ihr und unabhĂ€ngigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kontrolliert». Unternehmen und Einzelpersonen wie Vermieter können AuskĂŒnfte bei der Schufa einholen.

Worum geht es in dem Verfahren vor dem EuGH?

Im Kern geht es um die Frage, ob Scoring in bestimmten FĂ€llen einer automatisierten Entscheidung, die die betroffene Person beeintrĂ€chtigt, gleichzusetzen ist - gemĂ€ĂŸ Artikel 22 der europĂ€ischen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Und darum, wie maßgeblich ein Schufa-Score fĂŒr die Entscheidung eines Unternehmens ist, einen Kredit beziehungsweise Vertrag zu gewĂ€hren oder nicht.

Hintergrund des Verfahrens vor dem EuGH sind mehrere FĂ€lle aus Deutschland. In einem davon hat eine KlĂ€gerin, der ein Kredit verwehrt wurde, die Schufa aufgefordert, einen Eintrag zu löschen und ihr Zugang zu den Daten zu gewĂ€hren. Die Schufa teilte der Frau ihren Score-Wert und allgemeine Informationen zur Berechnung mit, nicht aber die genaue Berechnungsmethode. Das Verwaltungsgericht Wiesbaden legte den Fall dem EuGH vor, um grundsĂ€tzlich das VerhĂ€ltnis zur DSGVO klĂ€ren zu lassen. Die Verordnung schreibt vor, dass Entscheidungen, die fĂŒr Betroffene rechtliche Wirkung entfalten, nicht nur durch die automatisierte Verarbeitung von Daten getroffen werden dĂŒrfen.

Wie ist das Verfahren vor dem EuGH bisher verlaufen?

Die Art der Berechnung des Schufa-Scores hat EuGH-Generalanwalt Priit PikamĂ€e in seinen Mitte MĂ€rz vorgetragenen SchlussantrĂ€gen nicht beanstandet. Die Vorstandsvorsitzende der Schufa Holding AG, Tanja Birkholz, stellt klar: «Wie wir scoren ist vom Urteil unberĂŒhrt.» Es gehe nicht um den Algorithmus fĂŒr das Scoring. Allerdings befand der EuGH-Jurist, dass bereits die automatisierte Erstellung eines Wahrscheinlichkeitswerts ĂŒber die KreditwĂŒrdigkeit eine verbotene automatische Entscheidung darstelle. Das gelte auch, wenn dann noch Dritte wie etwa Banken endgĂŒltig entschieden, ob der jeweilige Verbraucher kreditwĂŒrdig sei. Die Gutachten sind fĂŒr die Richter am EuropĂ€ischen Gerichtshof nicht bindend, oft folgen sie diesen aber.

Welche Position vertritt die Schufa?

Die Auskunftei argumentiert, sie selbst treffe keine Entscheidungen zum Beispiel ĂŒber die Vergabe von Krediten oder den Abschluss eines Handyvertrages. Die Schufa unterstĂŒtze ihre Partner mit AuskĂŒnften bei der Entscheidung. «Nur weil ein Score wichtig ist, ist er nicht maßgeblich», sagt Schufa-Chefin Birkholz. Die Entscheidung fĂŒr oder gegen ein GeschĂ€ft treffe das Unternehmen, mit dem eine Verbraucherin oder ein Verbraucher einen Vertrag abschließen möchte. Das bestĂ€tigen nach Angaben der Auskunftei auch die Vertragspartner: Der Score sei «ein wertvoller Baustein der Risikobewertung», aber nicht maßgeblich.

Bei der Kreditvergabe durch Banken und Sparkassen zum Beispiel flössen weitere Daten ein wie regelmĂ€ĂŸiges Einkommen und Ausgaben sowie Vermögen. Im Online- und Versandhandel spiele eine Rolle, ob es sich um einen Neu- oder Bestandskunden handele, wie sich der Warenkorb zusammensetze und wie hoch der Wert der Bestellung sei. Telekommunikationsunternehmen vergĂ€ben angesichts des intensiven Wettbewerbs in dieser Branche hĂ€ufig auch bei negativem Schufa-Eintrag und geringerem Score einen Vertrag - auch dies aus Sicht der Schufa ein Beleg, dass ihre Daten nicht allmĂ€chtig seien.

@ dpa.de