Zukunftsmodell, Wohlstandsrisiko

35-Stunden-Woche: Zukunftsmodell oder Wohlstandsrisiko?

27.03.2024 - 14:27:28

Weniger arbeiten fĂŒrs gleiche Geld - klingt aus Arbeitnehmersicht gut. Auch Unternehmen können was davon haben, allerdings nicht in allen FĂ€llen. Ein Pro und Contra.

In der westdeutschen Metallindustrie gilt die 35-Stunden-Woche bei gleichbleibendem Lohn bereits seit 1996. Bei der Deutschen Bahn soll sie nach der Einigung mit der LokfĂŒhrergewerkschaft GDL schrittweise als Wahlmöglichkeit bis 2029 eingefĂŒhrt werden.

Arbeitgeber fordern angesichts des FachkrĂ€ftemangels dagegen teilweise eine RĂŒckkehr zur 40-Stunden-Woche.

Pro ArbeitszeitverkĂŒrzung

Nach EinschĂ€tzung von Oliver Stettes, Arbeitswelt-Experte beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW), kann es fĂŒr einzelne Firmen sinnvoll sein, «kĂŒrzere Arbeitszeiten anzubieten, wenn dies wirtschaftlich tragfĂ€hig und organisatorisch umsetzbar ist, um seine AttraktivitĂ€t fĂŒr Bewerberinnen und Bewerber zu steigern». Ob dies zweckmĂ€ĂŸig oder möglich sei, lasse sich aber nicht pauschal sagen.

Forscher Eike Windscheid-Profeta von der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung verweist auf positive Effekte kĂŒrzerer Arbeitszeiten wie geringere Fehlzeiten und höhere Motivation von BeschĂ€ftigten. Die 35-Stunden-Woche in der Metall- und Elektroindustrie habe sich Analysen zufolge zudem positiv auf die ProduktivitĂ€t ausgewirkt. «Weder die bestehenden Pilotierungen im Zusammenhang mit aktuellen Vorhaben rund um die 4-Tage-Woche respektive 32-Stunden-Woche (...) noch die Erfahrungen mit ArbeitszeitverkĂŒrzung in Deutschland in der Vergangenheit weisen darauf hin, dass hiermit Wohlstandsverluste einhergehen», fasst Windscheid-Profeta zusammen.

Der Arbeitszeitberater Guido Zander sagte in Interviews, verkĂŒrzte Arbeitszeitmodelle wie die Vier-Tage-Woche könnten in einzelnen Unternehmen und Branchen durchaus funktionieren. Allerdings laufe eine Maschine nicht automatisch schneller, nur weil jemand weniger arbeite und deshalb vielleicht motivierter sei. «Es kommt darauf an, was ich an Gegenrechnungseffekten habe: Wenn ich eine sehr hohe Krankenquote habe und berechtigt glauben kann, dass die runtergeht, wenn ich eine ArbeitszeitverkĂŒrzung mache, dann ist das natĂŒrlich ein Gegenfinanzierungselement», sagte Zander im Januar im SWR.

Kontra ArbeitszeitverkĂŒrzung

Stettes sieht gesamtwirtschaftlich keine SpielrĂ€ume fĂŒr kollektive ArbeitszeitverkĂŒrzungen. «Um zum Beispiel eine VerkĂŒrzung von 40 auf 32 Wochenstunden wirtschaftlich tragfĂ€hig zu gestalten, benötigen wir eigentlich einen ProduktivitĂ€tszuwachs von 25 Prozent pro Arbeitsstunde», argumentiert der IW-Experte. Im vergangenen Jahrzehnt habe der ProduktivitĂ€tszuwachs in der Gesamtwirtschaft aber jĂ€hrlich bei durchschnittlich weniger als einem Prozent gelegen.

Hinzu kommt: «Wir werden durch den Renteneintritt der Babyboomer in den Ruhestand in erheblichem Ausmaß Arbeitsstunden verlieren, weil die Anzahl der nachrĂŒckenden JahrgĂ€nge schlicht kleiner ist», sagt Stettes. Eine kollektive ArbeitszeitverkĂŒrzung wĂŒrde diesen RĂŒckgang noch verstĂ€rken. «Das senkt die StandortattraktivitĂ€t, der bereits heute auch daran leidet, dass wir FachkrĂ€fteengpĂ€sse haben.» Zugleich wĂŒrden die Finanzierungsanforderungen an die Sozialversicherungen und bei öffentlichen Haushalten steigen, argumentiert der IW-Forscher: «Kollektive ArbeitszeitverkĂŒrzungen wĂŒrden uns schlicht Ă€rmer machen.»

Timo WollmershĂ€user vom Ifo-Institut in MĂŒnchen sagt, wenn einfach nur die Arbeitszeit pro Kopf verringert werde, koste dies im Endeffekt Wachstum. Deshalb sei entscheidend, dass eine VerkĂŒrzung der Wochenarbeitszeit mit anderen VerĂ€nderungen einhergehe: etwa mit betrieblichen Maßnahmen, um die ProduktivitĂ€t pro Arbeitsstunde zu erhöhen.

Stefan Kooths vom Kieler IfW ergĂ€nzt, die derzeit aktive Generation könne sich keinen «ganz schlanken FuĂŸÂ» machen, wenn es um das AbwĂ€gen zwischen Freizeit und Arbeit gehe - weil sonst die Abgabenquote immer weiter steigen mĂŒsse. Der Staat könne aber Anreize schaffen, dass sich Mehrarbeit stĂ€rker lohne. Damit könne er der Bewegung zu immer geringeren Arbeitszeiten entgegenwirken.

Forderung nach lÀngeren Arbeitszeiten

Der Maschinenbauverband VDMA forderte angesichts des FachkrĂ€ftemangels unlĂ€ngst eine schnelle Kurskorrektur. Eine generelle VerkĂŒrzung der Arbeitszeit könne sich Deutschland weder volkswirtschaftlich noch sozialpolitisch leisten – schon gar nicht bei gleichem Lohn, sagte VDMA-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Thilo Brodtmann im Oktober. «Die 40-Stunden-Woche muss wieder der Normalfall sein».

ArbeitgeberprĂ€sident Rainer Dulger hatte der Deutschen Presse-Agentur zu Beginn des Jahres gesagt: «Eine Vier-Tage Woche und dann noch bei vollem Lohnausgleich ist genau das Gegenteil von dem, was wir brauchen in einer Zeit des massiven FachkrĂ€ftemangels. Wir spĂŒren alle, dass wir die Aufgaben nicht mehr bewĂ€ltigt bekommen.» Nun als Lösung in ErwĂ€gung zu ziehen, dass alle noch weniger arbeiteten, fĂŒhre zum falschen Ergebnis.

Arbeitszeitexperte Zander warb im SWR-Interview grundsĂ€tzlich fĂŒr Vielfalt der Arbeitszeitmodelle - in beide Richtungen: «Wir sind in einer so komplexen Umwelt, dass zunehmend diese einfachen "One Size Fits All"-Modelle nicht mehr passen. Das wird immer suggeriert, und es kann passen, aber es muss nicht passen.»

@ dpa.de