Deutsche Wirtschaft stÀrker geschrumpft als gedacht
22.08.2025 - 10:13:29(neu: Kommentar der ING sowie Verweis auf Industriestimmung)
WIESBADEN (dpa-AFX) - Die deutsche Wirtschaft ist im vom Zollkonflikt geprĂ€gten FrĂŒhjahr stĂ€rker geschrumpft als zunĂ€chst berechnet. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging im Vergleich zum ersten Quartal um 0,3 Prozent zurĂŒck, wie das Statistische Bundesamt anhand neuester Daten mitteilt. ZunĂ€chst hatte die Wiesbadener Behörde einen RĂŒckgang um 0,1 Prozent fĂŒr den Zeitraum April bis einschlieĂlich Juni errechnet. Ăkonomen hatten im Schnitt mit einer BestĂ€tigung der ErstschĂ€tzung gerechnet.
WĂ€hrend sowohl der private als auch der staatliche Konsum zulegten, gingen die Investitionen in Bauten, Maschinen und Fahrzeuge deutlich zurĂŒck. Auch vom AuĂenhandel blieben positive Impulse aus. Die erratische Handelspolitik der USA bremst die exportorientierte deutsche Industrie.
Eine Umkehr der Vorzieheffekte in Bezug auf die US-Zollpolitik habe die deutsche Wirtschaft zurĂŒck in die Rezession getrieben, erklĂ€rte der Chefvolkswirt der Bank ING, Carsten Brzeski. Damit meint er, dass viele US-Unternehmen frĂŒher im Jahr vermehrt Waren aus anderen Staaten wie Deutschland bezogen haben, um drohende Einfuhrzölle zu vermeiden.
In diesem Umfeld wird es fĂŒr Brzeski "immer unwahrscheinlicher, dass es vor 2026 zu einer substanziellen Erholung" der deutschen Wirtschaft kommen wird. Der Optimismus, der die deutsche Wirtschaft in den ersten Monaten des Jahres erfasst habe, zeige sich noch nicht in den harten Daten.
Gleichwohl scheine die Zuversicht in weiten Teilen der Wirtschaft ungebrochen, wie die am Donnerstag veröffentlichten Stimmungsdaten gezeigt hĂ€tten. So hellte sich die Stimmung in den Industriebetrieben Deutschlands im August ĂŒberraschend auf, wenngleich sie noch knapp unter der Schwelle liegt, die Wachstum signalisiert.
Staatsdefizit gesunken
Die Kassenlage des deutschen Staates hat sich unterdessen verbessert: Zwar gab der Fiskus in den ersten sechs Monaten dieses Jahres nach vorlÀufigen Daten des Bundesamtes 28,9 Milliarden Euro mehr aus, als er einnahm.
Weil SozialbeitrÀge und Steuereinnahmen schneller wuchsen als die Staatsausgaben, war das staatliche Defizit aber um deutliche 19,4 Milliarden niedriger als ein Jahr zuvor. Bezogen auf die gesamte Wirtschaftsleistung lag das Defizit von Bund, LÀndern, Gemeinden und Sozialversicherung im ersten Halbjahr 2025 bei 1,3 Prozent.
Deutsche Wirtschaft im Zollsturm
Zum Jahresauftakt hatte es nach jĂŒngsten Berechnungen des Bundesamtes noch ein Mini-Wachstum von 0,3 Prozent gegeben - weil aus Angst vor den damaligen Zolldrohungen von US-PrĂ€sident Donald Trump GeschĂ€fte vorgezogen wurden.
Seit dem 7. August gelten fĂŒr die meisten Importe aus der EuropĂ€ischen Union in die USA Zölle von 15 Prozent. Da die Vereinigten Staaten ein sehr wichtiger Markt fĂŒr Waren "Made in Germany" sind, bleibt das nicht ohne Folgen: Viele Unternehmen mussten im zweiten Quartal UmsatzeinbuĂen vor allem im GeschĂ€ft mit den USA, aber auch mit China hinnehmen.
Bundesregierung unter Zugzwang
Mit "Wachstumsbooster" und "Bauturbo" will die Bundesregierung die Wirtschaft ankurbeln. Doch nach den ersten 100 Tagen der Koalition aus CDU/CSU und SPD unter FĂŒhrung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sind viele ernĂŒchtert. "Deutschland muss endlich seine Hausaufgaben machen, tiefgreifende Reformen anpacken", mahnte etwa die "Wirtschaftsweise" Veronika Grimm.
Mini-Wachstum im Gesamtjahr 2025 scheint möglich
Volkswirte gehen zwar davon aus, dass die staatlichen Milliarden fĂŒr Verteidigung und Infrastruktur die Wirtschaft in Schwung bringen werden, in den Zahlen wird sich das voraussichtlich aber erst 2026 niederschlagen.
Die höheren US-Zölle erschweren GeschĂ€fte im wichtigen US-Markt - zum Beispiel fĂŒr Automobilhersteller und Maschinenbau. Das bremst das Wachstum der gröĂten Volkswirtschaft Europas. Nach zwei Rezessionsjahren rechnen fĂŒhrende Wirtschaftsforschungsinstitute in ihren jĂŒngsten Prognosen fĂŒr 2025 allenfalls mit einem Mini-Wachstum der deutschen Wirtschaft um die 0,3 Prozent.
Jahreszahlen revidiert
In den Jahren 2023 und 2024 war die deutsche Wirtschaftsleistung nach ĂŒberarbeiteten Berechnungen des Statistischen Bundesamtes noch deutlicher geschrumpft als zunĂ€chst ermittelt: FĂŒr 2023 steht nun ein Minus von 0,9 (bisher: minus 0,3) Prozent in der Statistik, 2024 ging das Bruttoinlandsprodukt um 0,5 (0,2) Prozent zurĂŒck.
Im vergangenen Jahr war das Staatsdefizit nach aktuellen Berechnungen des Bundesamtes auf gut 115,6 Milliarden Euro gestiegen. Bezogen auf die gesamte Wirtschaftsleistung lag das Minus den jĂŒngsten Zahlen zufolge bei 2,7 Prozent nach 2,5 Prozent im Jahr 2023.
Der europÀische StabilitÀts- und Wachstumspakt erlaubt den EU-Staaten ein Haushaltsdefizit von höchstens drei Prozent und eine Gesamtverschuldung von höchstens 60 Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts. In Deutschland beliefen sich die Bruttoschulden 2024 auf 62,5 Prozent des BIP.

