Wohnraummangel, Wirtschaftswachstum

Wohnraummangel: Reiche-Berater sehen Wachstum in Gefahr

Veröffentlicht am: 02.11.2026 um 11:39 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Hohe Mieten erschweren nach EinschĂ€tzung des Wissenschaftlichen Beirats den Wechsel in produktivere Regionen. Die Ökonomen schlagen unter anderem mehr Bauland, Nachverdichtung und eine Beteiligung von EigentĂŒmern an Infrastrukturkosten vor.

Wohnungspolitische VorschlÀge des Beirats

  • Der Wissenschaftliche Beirat berĂ€t das Bundeswirtschaftsministerium von Katherina Reiche.
  • Bis 2030 werden jĂ€hrlich rund 320.000 neue Wohnungen benötigt.
  • Vorgeschlagen werden unter anderem eine Infrastrukturkostenumlage und ein Planungswertausgleich.
  • Hohe Wohnkosten dĂ€mpfen nach EinschĂ€tzung von Ökonomen die Wirtschaft - auch weil sie die JobplĂ€ne von Verbrauchern ausbremsen (Archivbild) - Bild: Patrick Pleul/dpa
  • Weisen Kommunen Bauland aus, bedeutet das fĂŒr sie Folgekosten, etwa fĂŒr Verkehrsanbindung, Kitas oder Schulen. (Archivbild) - Bild: Jan Woitas/dpa/dpa-tmn
Hohe Wohnkosten dĂ€mpfen nach EinschĂ€tzung von Ökonomen die Wirtschaft -  auch weil sie die JobplĂ€ne von Verbrauchern ausbremsen (Archivbild) - Bild: Patrick Pleul/dpa Weisen Kommunen Bauland aus, bedeutet das fĂŒr sie Folgekosten, etwa fĂŒr Verkehrsanbindung, Kitas oder Schulen. (Archivbild) - Bild: Jan Woitas/dpa/dpa-tmn

Wohnraummangel erschwert den Wechsel in bessere Jobs

Der Mangel an Wohnraum bremst nach EinschĂ€tzung des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium das Wachstum in Deutschland. Hohe Wohnkosten erschwerten den Wechsel an einen produktiveren Arbeitsplatz, heißt es in einem Gutachten der Berater von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU).

Wenn Menschen einen besser bezahlten Arbeitsplatz nicht annĂ€hmen, weil sie vor Ort keine bezahlbare Wohnung fĂ€nden, gingen Chancen fĂŒr die gesamte Volkswirtschaft verloren, sagte der Beiratsvorsitzende Felix Bierbrauer.

Hohe Mieten mindern den Vorteil eines Umzugs

Die Wanderung von Menschen orientiere sich in Deutschland immer weniger an regionalen Lohnvorteilen, schreibt der Beirat. Zugleich wĂŒrden LohnzuwĂ€chse zunehmend von höheren Wohnungspreisen aufgezehrt. Der Wechsel von einer Niedrig- in eine Hochlohnregion verliere dadurch an AttraktivitĂ€t.

Der Beirat empfiehlt, Kommunen stĂ€rker dazu anzureizen, Bauland auszuweisen. Sie trĂŒgen bislang hĂ€ufig die Folgekosten fĂŒr Schulen, Kitas, Sporteinrichtungen und Verkehrsverbindungen, wĂ€hrend Bodenwertgewinne oft privaten EigentĂŒmern zugutekĂ€men.

EigentĂŒmer sollen Infrastruktur mitfinanzieren

Als Ausgleich schlĂ€gt das Gutachten eine erweiterte Infrastrukturkostenumlage oder einen Planungswertausgleich vor. EigentĂŒmer und Bauherren sollen damit stĂ€rker an den Kosten beteiligt werden, die durch zusĂ€tzliches Baurecht und den Zuzug von Menschen entstehen.

Christian Bayer, federfĂŒhrender Autor des Gutachtens, verwies darauf, dass Zugezogene auch SportplĂ€tze, SchwimmbĂ€der, Theater und weiterfĂŒhrende Schulen nutzten. Ältere BebauungsplĂ€ne sollten zudem pauschal mehr GeschossflĂ€che zulassen; maßvolle Erweiterungen in bestehenden Siedlungen könnten leichter genehmigt werden.

Mehr als eine Million Wohnungen fehlen

ZusĂ€tzlich bringt der Beirat steuerliche Erleichterungen fĂŒr beruflich veranlasste UmzĂŒge ins Spiel. In Deutschland fehlen nach SchĂ€tzungen mehr als eine Million Wohnungen.

Bis 2030 werden nach einer Analyse des Bundesinstituts fĂŒr Bau-, Stadt- und Raumforschung rund 320.000 neue Wohnungen pro Jahr benötigt. Das Ifo-Institut erwartet fĂŒr 2027 und 2028 jeweils weniger als 200.000 Fertigstellungen. Als GrĂŒnde fĂŒr die SchwĂ€che im Wohnungsbau gelten unter anderem stark gestiegene Zinsen und Baukosten.

Nach Angaben des Gutachtens macht die Wohnungsmiete bei einem durchschnittlichen Haushalt inzwischen fast 30 Prozent der Konsumausgaben aus; 2003 waren es weniger als 24 Prozent. Felix Bierbrauer bezeichnete die InvestitionsschwÀche in Deutschland vor allem als BauschwÀche.

Der Befund des Wissenschaftlichen Beirats verknĂŒpft zwei Entwicklungen, die bislang hĂ€ufig getrennt betrachtet werden: den angespannten Wohnungsmarkt und die schwache wirtschaftliche Dynamik. Wenn BeschĂ€ftigte einen Arbeitsplatz in einer produktiveren oder besser bezahlten Region wegen hoher Mieten nicht annehmen, wird Arbeit weniger dorthin verlagert, wo sie wirtschaftlich besonders gebraucht wird.

Die Belastung trifft dabei nicht nur Menschen, die einen Umzug planen. Steigende Mieten verringern auch das verfĂŒgbare Einkommen am bisherigen Wohnort und können den privaten Konsum dĂ€mpfen. Nach Eurostat-Daten gaben 2025 in Deutschland 11,2 Prozent der Menschen mehr als 40 Prozent ihres verfĂŒgbaren Einkommens fĂŒr Wohnkosten aus; damit lag Deutschland deutlich ĂŒber dem EU-Durchschnitt von 7,7 Prozent. Das zeigt die GrĂ¶ĂŸenordnung der sozialen und wirtschaftlichen Belastung, ist aber nicht mit dem im Gutachten genannten durchschnittlichen Anteil der Miete an den Konsumausgaben gleichzusetzen.

Wohnungsbau bleibt entscheidend

Die vorgeschlagenen Instrumente zielen deshalb nicht allein auf mehr Neubau, sondern auch auf die Verteilung der Kosten. Kommunen sollen einen stĂ€rkeren Anreiz erhalten, Bauland auszuweisen, wĂ€hrend EigentĂŒmer und Bauherren an den Folgekosten zusĂ€tzlicher Infrastruktur beteiligt werden könnten. Nachverdichtung und steuerliche Erleichterungen fĂŒr beruflich bedingte UmzĂŒge wĂŒrden die MobilitĂ€t ergĂ€nzend erleichtern.

FĂŒr die Wirkung entscheidend bleibt, ob zusĂ€tzliches Baurecht tatsĂ€chlich zu bezahlbaren Wohnungen fĂŒhrt. Hohe Zinsen, gestiegene Baukosten und langsame Genehmigungsverfahren bremsen den Neubau weiterhin. FĂŒr BeschĂ€ftigte und Unternehmen bedeutet das: In Regionen mit vielen offenen Stellen kann Wohnraummangel die Suche nach Personal erschweren und zugleich die Lebenshaltungskosten der bereits dort lebenden Haushalte erhöhen.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

Stern: „Bau: Reiche-Berater: Teurer Wohnraum bremst Wirtschaftswachstum“ (02.11.2026)

Der Artikel bestĂ€tige den Kern des Gutachtens und stelle die Folgen hoher Wohnkosten fĂŒr berufliche UmzĂŒge heraus. Einen zusĂ€tzlichen Schwerpunkt lege er auf die VorschlĂ€ge fĂŒr mehr Bauland, Nachverdichtung und eine stĂ€rkere Beteiligung von EigentĂŒmern und Bauherren an Infrastrukturkosten.

n-tv: „Ökonomen warnen vor Folgen: Gutachten: Wohnungsmangel bremst Deutschlands Wirtschaft“ (02.11.2026)

Der Beitrag bestĂ€tige ebenfalls die EinschĂ€tzung des Beirats, dass Wohnungsknappheit das Wirtschaftswachstum beeintrĂ€chtige. Der Schwerpunkt liege stĂ€rker auf den volkswirtschaftlichen Folgen; offen bleibe auch dort, wie schnell die vorgeschlagenen kommunalen und steuerlichen Maßnahmen wirken könnten.

Beide BeitrĂ€ge stimmten beim Zusammenhang zwischen Wohnraummangel und geringerer wirtschaftlicher MobilitĂ€t ĂŒberein. Unterschiede ergĂ€ben sich vor allem bei der Gewichtung von ReformvorschlĂ€gen und volkswirtschaftlichen Folgen.

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