Zalando-Schließung Erfurt: 109 Kündigungsklagen vor Arbeitsgericht
Veröffentlicht am: 29.08.2026 um 00:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Im Rahmen der geplanten Standortschließung des Modehändlers Zalando in Erfurt hat die juristische Aufarbeitung der betriebsbedingten Kündigungen begonnen. Am 28. August 2026 fanden vor dem Arbeitsgericht Erfurt die ersten Güteverhandlungen statt, um eine außergerichtliche Einigung zwischen dem Unternehmen und den betroffenen Mitarbeitern zu erzielen.
Insgesamt sind am Erfurter Gericht 109 Kündigungsschutzklagen eingereicht worden. Die ersten Termine endeten ohne eine Verständigung zwischen den Parteien. Weitere Verhandlungstermine sind bis November angesetzt.
Für zwei der vorliegenden Klagen hat das Arbeitsgericht bereits einen Kammertermin für den 19. März 2027 anberaumt. Die Verzögerungen verdeutlichen die Komplexität der Verhandlungen nach der Ankündigung von Zalando, den Standort in der thüringischen Landeshauptstadt bis Ende September 2026 vollständig zu schließen. Von dieser Maßnahme sind über 2.000 Beschäftigte betroffen.
Konflikt um Transfergesellschaft und Sozialplan
Ein wesentlicher Streitpunkt zwischen der Arbeitnehmerseite und der Unternehmensführung bleibt die Ausgestaltung der künftigen Absicherung für die Belegschaft. Zwar ist ein Sozialplan für die mehr als 2.000 Angestellten vorgesehen, doch die Einrichtung einer Transfergesellschaft wurde vonseiten des Unternehmens verweigert.
Solche Gesellschaften dienen üblicherweise dazu, betroffene Mitarbeiter durch Weiterbildung und Vermittlung direkt aus einem auslaufenden Arbeitsverhältnis in neue Beschäftigungen zu führen, ohne den Weg über die Arbeitslosigkeit gehen zu müssen.
Die Weigerung des Unternehmens, ein solches Instrument zu finanzieren, sorgt bei den Betroffenen und juristischen Vertretern für Unmut. Während Zalando den Standort Ende nächsten Monats aufgeben will, bleibt die finanzielle und berufliche Zukunft vieler Angestellter über die im Sozialplan festgeschriebenen Leistungen hinaus ungewiss.
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Branchenübergreifende Restrukturierungen und soziale Absicherung
Die Situation in Erfurt steht symptomatisch für eine Welle von Werksschließungen und Personalabbaumaßnahmen in verschiedenen Industriezweigen, bei denen die Ausgestaltung der Sozialpläne zunehmend in den Fokus rückt.
So meldete der Insolvenzverwalter Markus Fröhlich für den Pharmadienstleister R-Pharm Germany in Illertissen, dass keine Einigung mit potenziellen Investoren erzielt werden konnte. Dies führt zur Stilllegung des Standorts, wodurch 280 Mitarbeiter zum 31. August 2026 ihre Anstellung verlieren.
Ab dem 1. September 2026 werden keine Gehälter mehr gezahlt. Der dortige Sozialplan sieht Entschädigungen von maximal 2,5 Bruttomonatsgehältern pro Kopf vor, wobei die Gesamtsumme auf ein Drittel der vorhandenen Insolvenzmasse gedeckelt ist.
Unterschiedliche Ansätze zeigen sich auch bei anderen Unternehmen. Während Brötje Heizung die Produktion am Standort Rastede einstellt und dabei 108 Arbeitsplätze abbaut, konnte sich die dortige Arbeitnehmerschaft auf einen Sozialplan inklusive einer Transfergesellschaft einigen.
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Die Gewerkschaft IG Metall bezeichnete diesen Abschluss als deutlichen Fortschritt. Im Gegensatz dazu kam es beim Dienstleister Transcom in Groningen zu ersten Streiks von 50 Beschäftigten. Diese fordern angesichts der geplanten Schließung am 1. November 2026 höhere Abfindungen sowie eine bessere Altersversorgung für die 150 betroffenen Mitarbeiter.
Massive Stellenstreichungen bei Volkswagen
Die Dimensionen der aktuellen Umbrüche werden zudem durch die Entwicklungen beim Automobilhersteller VW unterstrichen. Vorstandschef Blume kündigte an, zusätzlich 50.000 Stellen streichen zu wollen, wobei die Hälfte auf Standorte in Deutschland entfallen soll. Der VW-Betriebsrat geht unter Einbeziehung möglicher Werksschließungen in Städten wie Emden, Hannover, Neckarsulm und Zwickau sogar von bis zu 115.000 gefährdeten Arbeitsplätzen aus.
In Niedersachsen forderte Ministerpräsident Olaf Lies ein tragfähiges Zukunftskonzept für den Konzern. Das Land prüfe derzeit ein Investment von mindestens 200 Millionen Euro, um einen Einstieg am Standort Osnabrück zu ermöglichen und die dortige Beschäftigung zu stützen.
Wie im Fall Zalando zeigt sich auch hier, dass die rechtliche und finanzielle Ausgestaltung des Personalabbaus die Arbeitsgerichte und politischen Entscheidungsträger noch über Monate hinweg beschäftigen wird.
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