Opportunistische Pilze machen BĂ€umen zu schaffen
25.04.2024 - 09:05:54Er ist ein schwieriger Patient. Er kann nicht hören, sehen oder ĂŒber seinen Zustand reden. Und doch geht es ihm schlecht, dem Baum. Seine Gesundheit liegt Kathrin Blumenstein von der UniversitĂ€t Freiburg am Herzen. Sie ist Deutschlands erste und einzige Professorin fĂŒr Baumpathologie. Die Biologin befasst sich auf Uni-Ebene mit den groĂen und kleinen Wehwehchen ihrer SchĂŒtzlinge. Die Symptome sind ihr bekannt. Bröselige Stellen an der Rinde, gelb gefĂ€rbte Nadeln, Nekrosen, tote Ăste - und schlieĂlich oft der Exitus. So weit will es die Expertin fĂŒr die Erkrankungen der BĂ€ume gar nicht kommen lassen. «Ich liebe WĂ€lder und Natur und finde es schön, Forschung zu machen, die dazu beitrĂ€gt, dass BĂ€ume gesund bleiben», sagt sie.Â
Dabei muss Blumenstein den Folgen des Klimawandels entgegenwirken. Ihr Fachgebiet sind Mikroorganismen, insbesondere Pilze. In ihrem Labor hat sie 500 Pilzarten in Petrischalen gezĂŒchtet. Sie sind schwammig, cremig, pelzig, bunt und erinnern an moderne Kunst. Die Forscherin geht der Frage nach, welche harmlosen Pilze als Gegenspieler fĂŒr schĂ€dliche eingesetzt werden können. Weitere Fragestellungen gelten dem Schadstoffpotenzial und dem Wachstum der einzelnen Pilzarten sowie VerĂ€nderungen ihrer Eigenschaften bei unterschiedlichen Umweltbedingungen.
«Pilze können fĂŒr die BĂ€ume Segen oder Plage sein», sagt die Mykologin. Die Pilzexpertin unterscheidet drei Eigenschaften von ihnen. Pilze wie Ophiostoma novo-ulmi, der das Ulmensterben verursacht, schaden ihrem Wirtsbaum prinzipiell, in dem sie seine Wasserleitbahnen blockieren und den Baum in kurzer Zeit verdursten lassen. Sogenannte endophytische Pilze, die im Inneren von Pflanzen wachsen, leben in Eintracht mit BĂ€umen - der Baum bietet ihnen Lebensraum und NĂ€hrstoffe, im Gegenzug stĂ€rken die Pilze dessen AbwehrkrĂ€fte.Â
Opportunisten unter den Pilzen
Die dritte Gruppe umfasst die wachsende Zahl der sogenannten Opportunisten unter den Pilzen. Die fĂŒr beide Seiten vorteilhafte Symbiose endet abrupt, wenn der Baum unter Stress gerĂ€t, sei es wegen Hagel, Klimaextremen oder Trockenheit. «Dann Ă€ndern die Pilze ihren Lebensstil und werden plötzlich zu einer Gefahr im Inneren des Baumes, die ihn absterben lassen kann», erklĂ€rt Blumenstein. Warum beseitigen diese zu Parasiten mutierten Pilze ihre Nahrungsquelle? «FĂŒr sie ist es leichter, sich NĂ€hrstoffe aus toten Zellen zuzufĂŒhren als aus lebenden.»
Als Beispiel fĂŒr solch «undankbare» NutznieĂer nennt Blumenstein den wĂ€rmeliebenden Pilz Diplodia sapinea, der sich seit fĂŒnf bis zehn Jahren wegen des Klimawandels zunehmend in Mitteleuropa ausbreitet und Kiefern angreift, wenn sie durch Hitze oder Wassermangel bereits geschĂ€digt sind. Eine Folge zeige sich auch im Waldzustandsbericht der Bundesregierung. Dessen Daten zufolge ist der Anteil der deutlichen Kronenverlichtungen bei Kiefern innerhalb eines Jahres von 25  auf 28 Prozent im Jahr 2022 gestiegen.Â
Blumensteins Patienten geht es seit Jahrzehnten immer schlechter. Dem Bericht zufolge sind vier von fĂŒnf BĂ€umen krank. Gemessen wird die Dichte der Baumkronen als Indikator fĂŒr die VitalitĂ€t der BĂ€ume. Die mittlere Kronenverlichtung sei im Durchschnitt aller Baumarten von 26,7 Prozent auf 25,9 Prozent zwar geringfĂŒgig gesunken. Aber mit 6,7 Prozent sei ein Höchststand bei der Ausscheiderate erreicht worden, also dem Anteil der BĂ€ume, die seit der letzten Erhebung abgestorben sind.
Deutschland hinkt nach Ansicht von Blumenstein bei der Erforschung dieser PhÀnomene hinterher. Skandinavien etwa sei da schon viel weiter, auch weil es wirtschaftlich stÀrker auf die WÀlder angewiesen sei. Blumenstein fordert mehr Forschungsmittel: «Nur, wenn wir besser verstehen, was in unseren BÀumen genau passiert, können wir ihnen in Zukunft besser helfen.»
Blick auf molekulargenetische Biomarker
FĂŒr die Freiburgerin ist auch die internationale Vernetzung der Baumpathologen wichtig, um schneller wichtige Informationen auszutauschen. Denn durch molekulargenetische Biomarker kann man nachverfolgen, woher ein Pilz kommt, wo er sich ausbreitet und prognostizieren, wohin er wohl weiter zieht. So können sich Regionen auf die ungebetenen GĂ€ste einstellen und resilientere BĂ€ume pflanzen. Dazu eignen sich sogenannte Hybride, also Kreuzungen etwa von Esche oder Ulme mit importierten BĂ€umen. Blumenstein: «Wir werden uns von einigen einheimischen Baumarten verabschieden mĂŒssen und uns danach richten, welche Baumarten in 50 Jahren bei wĂ€rmerem Klima und neuen invasiven Arten noch vital bleiben.»
Das Thema Baumgesundheit ist auch in StĂ€dten zunehmend relevant. BĂ€ume binden Schadstoffe, spenden Schatten und sind LebensrĂ€ume fĂŒr Vögel und Insekten. Kranke BĂ€ume hingegen bergen Gefahren fĂŒr den Verkehr und mĂŒssen gelegentlich weichen. Beispiel Mannheim: Nach einem Sturm Mitte April meldete die Stadt 30 beschĂ€digte BĂ€ume in ihren Parks und 5 nicht mehr zu rettende Exemplare.Â
Oft ist der Grund von BaumfĂ€llungen nicht so augenfĂ€llig. «Da die Zersetzung Ă€uĂerlich erst spĂ€t zu sehen ist, ist die Kritik am FĂ€llen vermeintlich gesunder BĂ€umen groĂ», heiĂt es beim Deutschen StĂ€dte- und Gemeindebund. Die Kommunen seien aber bei diesem Thema sehr sensibilisiert und informierten in der Regel umfassend ĂŒber die Notwendigkeiten, sei es ĂŒber amtliche Mitteilungen oder Veranstaltungen mit SachverstĂ€ndigen, sagt die Referatsleiterin Kommunalwald bei dem Verband, Ute Kreienmeier. Sie fĂŒgt hinzu:  «Heute legt keiner mehr die Axt an einen Baum, ohne dafĂŒr gute GrĂŒnde zu haben.»


