Adipositas bei Kindern, Abnehmspritzen

Abnehmspritzen für Kinder: Wann GLP-1-Medikamente helfen können

Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Rund 800.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland haben Adipositas. GLP-1-Medikamente können ihnen helfen, doch Zulassung, Nebenwirkungen, Kosten und die Dauer der Behandlung werfen wichtige Fragen auf.

  • Die Abnehmspritze mit dem Wirkstoff Semaglutid ist auch für Minderjährige zugelassen. (Archivbild) - Bild: Roberto Pfeil/dpa
    Die Abnehmspritze mit dem Wirkstoff Semaglutid ist auch für Minderjährige zugelassen. (Archivbild) - Bild: Roberto Pfeil/dpa
  • Die erste Wahl bei Kindern mit Übergewicht ist eine Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. (Archivbild) - Bild: Markus Scholz/dpa
    Die erste Wahl bei Kindern mit Übergewicht ist eine Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. (Archivbild) - Bild: Markus Scholz/dpa
Die Abnehmspritze mit dem Wirkstoff Semaglutid ist auch für Minderjährige zugelassen. (Archivbild) - Bild: Roberto Pfeil/dpa Die erste Wahl bei Kindern mit Übergewicht ist eine Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. (Archivbild) - Bild: Markus Scholz/dpa

Rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland sind übergewichtig, etwa 800.000 von ihnen haben Adipositas – für manche könnten Abnehmspritzen eine zusätzliche Therapieoption sein.

Welche Medikamente zugelassen sind

Für Minderjährige mit Adipositas sind zwei GLP-1-Medikamente zugelassen: Semaglutid wird einmal wöchentlich gespritzt und kann ab zwölf Jahren eingesetzt werden. Liraglutid wird täglich verabreicht und ist unter bestimmten Voraussetzungen ab sechs Jahren zugelassen.

Die neue Abnehmtablette ist für Kinder bislang nicht zugelassen. Eine medikamentöse Behandlung kommt nach Einschätzung der Kinder- und Jugendmedizinerin Susann Weihrauch-Blüher nur ab dem jeweiligen Mindestalter und als Ergänzung zu einer leitliniengerechten Lebensstiltherapie infrage.

Behandlung nur unter klaren Kriterien

Erwogen werden sollte die Therapie vor allem bei Minderjährigen mit extremer Adipositas, wenn übliche Behandlungsansätze nicht ausreichend helfen. Die Anwendung soll in spezialisierten Zentren und nach klar definierten Kriterien erfolgen. Eine entsprechende ärztliche Leitlinie wurde neu aufgelegt.

Viele Betroffene, ältere Daten

Nach Daten der KiGGS-Studie haben etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen Übergewicht und sechs Prozent Adipositas. Hochgerechnet sind das knapp zwei Millionen beziehungsweise rund 800.000 Betroffene; etwa 200.000 Kinder und Jugendliche haben demnach extreme Adipositas.

Die Daten wurden allerdings zwischen 2015 und 2017 erhoben. Untersuchungen während der Corona-Pandemie deuteten auf eine Zunahme hin. Nach Einschätzung von Weihrauch-Blüher ist inzwischen eine Stabilisierung auf hohem Niveau zu beobachten.

Wie die Spritzen wirken

Die Wirkstoffe gehören zur Gruppe der GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Sie signalisieren dem Gehirn ein Sättigungsgefühl und verlangsamen die Magenentleerung. Dadurch essen die Patienten meist weniger und nehmen ab.

Nebenwirkungen und offene Langzeitfragen

Zu den möglichen Nebenwirkungen zählen Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit, Völlegefühl, Appetitlosigkeit und Durchfall. Nach bisherigem Kenntnisstand ähneln sie bei Minderjährigen den Nebenwirkungen bei Erwachsenen.

Für abschließende Aussagen über langfristige Risiken ist es nach Angaben von Weihrauch-Blüher noch zu früh. Die Wirkstoffklasse wird seit rund zwei Jahrzehnten eingesetzt, zunächst vor allem bei Typ-2-Diabetes. Bei Kindern ist die Frage besonders bedeutsam, weil sich Körper, Längenwachstum und Pubertät noch entwickeln.

Familien tragen die Kosten meist selbst

Abnehmmittel gelten in Deutschland in der Regel als Lifestyle-Arzneimittel und werden deshalb nicht von den Krankenkassen übernommen. Familien müssen nach Angaben von Weihrauch-Blüher derzeit mit etwa 200 Euro pro Monat rechnen.

Anders ist die Situation bei Menschen mit Typ-2-Diabetes: Für sie übernehmen die Krankenkassen die Behandlung mit Semaglutid unter dem Produktnamen Ozempic. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft empfiehlt, die Kosten auch für Jugendliche mit extremer Adipositas zu übernehmen, wenn bisherige Therapien erfolglos geblieben sind und eine weitere Gewichtszunahme droht.

Behandlungsdauer ist ungeklärt

Wie lange Jugendliche die Medikamente einnehmen müssen, ist offen. Bei Erwachsenen kommt es nach dem Absetzen häufig zu einer erneuten Gewichtszunahme. Der Kinderarzt Frank Jochum fordert deshalb, betroffene Kinder möglichst in Studien einzuschließen und langfristig zu beobachten.

Adipositas hat viele Ursachen

Adipositas ist als chronische Erkrankung anerkannt, wird aber weiterhin häufig als Willensschwäche missverstanden. Sie entsteht durch ein Zusammenspiel genetischer, psychosozialer, familiärer und umweltbedingter Faktoren.

Auch früh geprägte Geschmacksvorlieben, hormonelle Regelkreise für Hunger und Sättigung sowie das Ernährungsumfeld können eine Rolle spielen. Die genauen Zusammenhänge bei einer Erkrankung im Kindesalter sind noch nicht vollständig geklärt.

Forderung nach besserer Versorgung

Übergewicht und Adipositas werden bei den U-Untersuchungen erkannt; dabei können Ärzte mögliche Therapien besprechen. Mediziner sehen jedoch auch die Politik in der Verantwortung.

Jakob Maske vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte kritisiert, das Umfeld erschwere Kindern eine gesunde Ernährung. Kalorienreiche Snacks und zuckerhaltige Getränke seien vielerorts jederzeit verfügbar, auch in Schulen oder deren unmittelbarer Umgebung.

Frank Jochum bemängelt zudem, es gebe kein flächendeckendes Programm, das diagnostizierte Kinder in eine geeignete Behandlungsstruktur überführe. Mehr Geld für Prävention und Therapie könne spätere Folgekosten verringern.

Medikamente bleiben Ergänzung

Die Debatte über GLP-1-Medikamente bei Minderjährigen berührt zwei Entwicklungen: Adipositas wird zunehmend als chronische Erkrankung behandelt, zugleich wächst der Druck, wirksame Therapien früh einzusetzen. Die Medikamente können das Hungergefühl dämpfen und damit Gewichtsabnahme unterstützen. Sie ersetzen jedoch weder eine medizinisch begleitete Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie noch die regelmäßige Kontrolle von Wachstum und Entwicklung.

Die Größenordnung des Problems ist erheblich. Nach den genannten KiGGS-Daten sind etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig, rund sechs Prozent haben Adipositas. Weil die zugrunde liegenden Erhebungen mehrere Jahre zurückliegen und die Pandemie das Gewicht vieler Kinder zusätzlich beeinflusst haben dürfte, bleibt die Versorgung auf aktuelle, verlässlich erhobene Daten angewiesen. Gleichzeitig zeigt die Kostenfrage eine soziale Hürde: Wenn Familien die Behandlung weitgehend selbst finanzieren müssen, hängt der Zugang nicht allein vom medizinischen Bedarf ab.

Langzeitbeobachtung und Prävention

Besonders wichtig ist deshalb eine langfristige Betreuung. Nach dem Absetzen kann Gewicht wieder zunehmen; bei Kindern kommen die noch nicht abgeschlossene körperliche Entwicklung und die offene Frage langfristiger Nebenwirkungen hinzu. Studien mit strukturierter Nachbeobachtung könnten klären, welche Jugendlichen dauerhaft profitieren und wann eine Behandlung beendet oder angepasst werden kann.

Prävention bleibt parallel entscheidend. Ein Umfeld mit ständig verfügbaren zuckerreichen Getränken und kalorienreichen Snacks erschwert individuelle Verhaltensänderungen. Maßnahmen wie bessere Therapieangebote, verständliche Ernährungsbildung und eine gesundheitsorientierte Gestaltung von Schulen und Verkaufsumgebungen können die Zahl schwerer Verläufe senken. Die geplante Zuckersteuer zeigt zudem, dass die gesundheitspolitische Antwort über die Arztpraxis hinausreicht; ihre konkrete Ausgestaltung war zuletzt Gegenstand politischer Auseinandersetzungen.

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