AdFection, Zero-Click-Spyware

AdFection: Zero-Click-Spyware gelangt erstmals ĂŒber Smartphone-Werbung aufs GerĂ€t

Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 13:14 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ein Bericht beschreibt Zero-Click-Angriffe auf iOS und Android; Google und weitere Werbedienste sperrten Discover-Tech.
Dunkle, abstrakt beleuchtete Serverinfrastruktur mit blauen Lichtleitern, die die digitale Vernetzung symbolisiert. Illustration mit AI erstellt.

Das IT-Sicherheitslabor Citizen Lab an der UniversitĂ€t Toronto hat in seinem Report 195 unter dem Titel „Exposing AdFection“ den ersten bekannten Fall dokumentiert, bei dem sogenannte Zero-Click-Söldner-Spyware ĂŒber regulĂ€re Werbeanzeigen auf Smartphones gelangte.

Bei dem neuartigen Angriffsvektor namens AdFection wurden GerÀte mit den Betriebssystemen iOS und Android infiziert, ohne dass Betroffene auf einen Link tippen oder eine verdÀchtige Datei öffnen mussten. Die Untersuchung entstand in parallelen Analysen gemeinsam mit dem US-Sicherheitsunternehmen Confiant.

Werbeökosystem als Auslieferungsplattform fĂŒr Spionagesoftware

Laut dem Bericht vom 15. Oktober 2026 nutzte das 2020 gegrĂŒndete israelische Ad-Tech-Unternehmen Discover-Tech unter Leitung von CEO Dekel Boni das digitale Werbeökosystem ĂŒber Jahre hinweg als Plattform fĂŒr Spionagesoftware. Über das firmeneigene System namens Controlium verband Discover-Tech zielgerichtete Werbeauslieferung mit Spyware-Anbietern.

Controlium steuerte dabei Werkzeuge der Söldner-Spyware-Firmen Candiru, Bindecy und Intelos, wobei Discover-Tech auch organisatorisch mit Intelos und Bindecy verknĂŒpft war. Candiru war bereits 2021 von Citizen Lab enttarnt und im selben Jahr vom US-Handelsministerium auf eine schwarze Liste gesetzt worden; das Unternehmen firmiert inzwischen unter dem Namen Integrity Labs.

Die Spyware sammelt auf kompromittierten Systemen weitreichende Informationen, darunter Dateien, Dokumente, Cookies, Lesezeichen, Zugangsdaten, Tastatureingaben, Bildschirmfotos sowie Daten von Mikrofon und Webcam. Zudem greift sie E-Mails sowie Nachrichten ab, nutzt verschlĂŒsselte KanĂ€le und ĂŒbertrĂ€gt die erbeuteten Daten stĂŒckweise. Das Werkzeug kostete mehrere Millionen US-Dollar.

Funktionsweise ĂŒber Real-Time-Bidding

Die Infektionen erfolgten ĂŒber das automatisierte Auktionsverfahren fĂŒr Online-Werbung (Real-Time-Bidding). Bei jeder Anzeige von Discover-Tech prĂŒfte ein Skript die Werbe-ID sowie die IP-Adresse des aufrufenden GerĂ€ts.

Nur zuvor definierte ZielgerÀte erhielten den eigentlichen Angriffscode, wÀhrend die Anzeigen selbst keinen Exploit-Code enthielten. Controlium ermöglichte neben Deanonymisierung und Fingerprinting auch die Massenprofilierung sowie die Extraktion von IdentitÀt und IP-Adresse.

Die Forscher werteten rund vier Milliarden GebotsdatensĂ€tze von Discover-Tech aus dem viermonatigen Zeitraum von MĂ€rz bis Juni 2026 aus, wobei diese Zahl reine Werbeauktionen und keine infizierten GerĂ€te beschreibt. Die Werbeeinblendungen liefen auf 75.373 Apps und 120.768 Websites in Dutzenden LĂ€ndern und sprachen ĂŒber IP-Adressen GerĂ€te in 161 LĂ€ndern an.

Anzeige

Wer sich mit den Gefahren durch Spyware befasst, sollte den Schutz des eigenen MobilgerĂ€ts nicht vernachlĂ€ssigen. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt Ihnen 5 einfache Schritte, mit denen Sie Ihr Android-Smartphone sofort effektiv gegen Hacker und Datenmissbrauch absichern. 5 Schutzmaßnahmen jetzt entdecken

Zu den betroffenen Plattformen zĂ€hlten unter anderem Wetter Online, Duolingo, Viber, Badoo, Grindr sowie Medienangebote von BBC, CBC und New York Times. CBC fand bei einer ÜberprĂŒfung keine Hinweise auf eine eigene Auslieferung dieser Anzeigen. Ein weiterer Akteur namens Dark Cartographer nutzte zudem Software zur VerknĂŒpfung von Wer-be-IDs mit Telefonnummern.

Zahlreiche Institutionen und Al Jazeera im Visier

Zu den Zielen gehörten Journalisten und BeschÀftigte des Medienhauses Al Jazeera sowie Mitarbeitende der NATO, der EuropÀischen Kommission, von NVIDIA und Arm. Anzeigenaufrufe stammten zudem aus Netzwerken des EuropÀischen Parlaments.

Nach Angaben von Citizen Lab erreichten die Anzeigen Netzwerke von Regierungen, StreitkrĂ€ften, kritischer Infrastruktur und nationalen Cyber-Behörden in ĂŒber einem Dutzend Staaten, darunter die kritische Infrastruktur Australiens, Behörden in Norwegen und Schweden sowie das saudi-arabische Außenministerium. Candiru-Spyware war zuvor bereits gegen mindestens 100 Journalisten und Dissidenten in mehreren LĂ€ndern eingesetzt worden.

Al Jazeera stellte ungewöhnliche Muster im Jahr 2024 fest, die sich bis in das Jahr 2025 fortsetzten. Mindestens 45 vorwiegend mit Windows betriebene GerÀte des Senders wurden mit Candiru-Spyware infiziert.

Anzeige

Angesichts der komplexen Bedrohungslage durch professionelle Cyber-Kriminelle wird die regelmĂ€ĂŸige Wartung der GerĂ€tesoftware zur Pflichtaufgabe. Erfahren Sie in diesem Gratis-Report, wie Sie durch gezielte Updates SicherheitslĂŒcken schließen und Malware dauerhaft von Ihrem GerĂ€t fernhalten. Kostenlosen Sicherheits-Ratgeber herunterladen

Der Sender sicherte von einem betroffenen GerÀt eine Windows-DLL mit dem SHA-256-Hash 255869de85e2a171993fc5eb8a556d873a1b8966e040f6f55926f2fa2d595cc8, die Candiru mit hoher Konfidenz zugeordnet wurde. Am 15. Oktober 2026 verurteilte Al Jazeera den Angriff als Schlag gegen die Pressefreiheit und forderte eine unabhÀngige Untersuchung.

Confiant wies Discover-Tech-Anzeigen mit einem Aufkommen von mindestens zehn Millionen Einblendungen pro Tag nach und fand entsprechende Spuren in Netzwerken des US-Verteidigungsministeriums, der estnischen Behörde RIA, der IAEA sowie des Internationalen Strafgerichtshofs, allerdings ohne Nachweis einer erfolgreichen Infektion. Ein sogenanntes Cookie-Matching ermöglichte es, Betroffene ĂŒber die Reichweite der einzelnen Werbeanzeige hinaus zu verfolgen.

Reaktionen und regulatorische Schritte

Discover-Tech war seit 2020 bei Google sowie beim Branchenverband IAB Europe als Anbieter registriert und nutzte das europÀische DSGVO-Einwilligungsverfahren. Auf der Website des Anbieters fand Citizen Lab Login-DatensÀtze, die unter anderem Mitarbeitern von Candiru gehörten.

Anfang Oktober 2026 schloss Google das Unternehmen wegen systematischer RichtlinienverstĂ¶ĂŸe von seiner globalen Anbieterliste aus und sperrte den Zugang zu Ad-Exchange-Plattformen. IAB Europe suspendierte den Status des Unternehmens ebenfalls. Auch Werbedienstleister wie Beeswax von Comcast, Vungle von Liftoff sowie Eskimi sperrten die Accounts und Domains von Discover-Tech.

Citizen Lab stellte klar, dass eine reine Werbeeinblendung fĂŒr sich genommen noch keinen erfolgreichen Angriff oder eine Infektion belegt. Die dokumentierten VorgĂ€nge liegen zeitlich zurĂŒck, und es wurde keine neue Infektionswelle gemeldet. Laut Bayerischem Rundfunk sieht der deutsche Verfassungsschutz in der Methode ein erhebliches GefĂ€hrdungspotenzial.

Disclaimer...
de | wissenschaft | 70339723 |