ADHS bei Erwachsenen: Zwei Millionen Betroffene, viele bleiben unerkannt
Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 08:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Aufmerksamkeitsdefizit-/HyperaktivitÀtsstörung (ADHS) wird in der öffentlichen Wahrnehmung hÀufig als reines PhÀnomen des Kindes- und Jugendalters wahrgenommen. Fachleute betonen jedoch zunehmend die Notwendigkeit, ADHS auch im Erwachsenenalter sorgfÀltig zu diagnostizieren.
Symptome wie Konzentrationsschwierigkeiten und eine anhaltende innere Unruhe bleiben bei Ă€lteren Betroffenen oft ĂŒber Jahre hinweg unerkannt, erfordern jedoch bei entsprechendem Leidensdruck eine professionelle therapeutische UnterstĂŒtzung. Allein in Deutschland leben schĂ€tzungsweise rund zwei Millionen Erwachsene mit dieser neurodivergenten Veranlagung.
Versteckte Symptome und geschlechtsspezische Unterschiede
Besonders bei Frauen und MĂ€dchen verlĂ€uft das Störungsbild oft atypisch oder bleibt lange unsichtbar. Anstelle der bei Jungen hĂ€ufiger beobachteten körperlichen HyperaktivitĂ€t Ă€uĂert sich ADHS bei weiblichen Betroffenen primĂ€r durch innere Unruhe, TagtrĂ€umerei, Vergesslichkeit und ausgeprĂ€gte Organisationsprobleme. FachĂ€rzte weisen darauf hin, dass diese fehlende motorische HyperaktivitĂ€t regelmĂ€Ăig zu verspĂ€teten Diagnosen fĂŒhrt.
Viele Frauen entwickeln ĂŒber Jahre ausgeklĂŒgelte Kompensationsstrategien wie strukturierte Listen und strikte Routinen, um den Alltag zu bewĂ€ltigen. Bei gröĂeren LebensverĂ€nderungen â etwa dem Beginn eines Studiums, einem Arbeitsplatzwechsel, dem Zusammenziehen mit einer Partnerin oder einem Partner sowie der Mutterschaft â brechen diese BewĂ€ltigungsmechanismen jedoch hĂ€ufig zusammen, was die Beschwerden akut verstĂ€rkt.
Ein lange unerkanntes ADHS mĂŒndet oft in Selbstzweifel, PrĂŒfungsĂ€ngste und ein negatives Selbstbild. Vielfach stehen stattdessen sekundĂ€re Erkrankungen wie Depressionen oder AngstzustĂ€nde im Vordergrund. FĂŒr eine belastbare AbklĂ€rung gilt daher eine ganzheitliche Betrachtung als entscheidend, die auch hormonelle Faktoren berĂŒcksichtigt.
Risiken von Schnelltests und methodische Kriterien
Vor dem Hintergrund einer wachsenden Nachfrage â in Polen stieg der Absatz von ADHS-Medikamenten fĂŒr Erwachsene binnen eines Jahres um mehr als 40 Prozent â mahnen medizinische Fachvertreter zu methodischer Genauigkeit.
Der polnische nationale Psychiatrie-Konsultant Prof. Piotr Ga?ecki warnt ausdrĂŒcklich davor, Befunde ausschlieĂlich auf standardisierte Fragebögen wie das DIVA-5-Formular zu stĂŒtzen. Ein solches Vorgehen reiche nicht aus, um ADHS sicher von Depressionen oder einer bipolaren Störung abzugrenzen.
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Eine diagnostische Fehlzuschreibung könne unnötige Behandlungen nach sich ziehen und die KlĂ€rung der tatsĂ€chlichen Ursachen verzögern. Auch eine verbesserte Konzentration unter Einnahme von Psychostimulanzien gelte nicht als BestĂ€tigung fĂŒr das Vorliegen von ADHS.
Internationale Leitlinien stĂŒtzen diese Vorsicht. Die britische Gesundheitsbehörde NICE empfiehlt, ADHS keinesfalls isoliert anhand von Beobachtungsdaten oder Bewertungsskalen festzustellen.
Das US-amerikanische Nationalinstitut fĂŒr psychische Gesundheit legt strenge Kriterien an: Die Symptome mĂŒssen vor dem zwölften Lebensjahr begonnen haben, seit mindestens sechs Monaten anhalten und in verschiedenen Lebensbereichen zu relevanten BeeintrĂ€chtigungen fĂŒhren. Zudem mĂŒssen alternative Ursachen wie Schlafstörungen oder AngstzustĂ€nde ausgeschlossen werden.
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Fachautoren betonen zudem, dass reine Prokrastination mit kurzfristiger Mobilisation vor Fristen ebenso wenig wie einfache Online-Selbsttests eine klinische Untersuchung ersetzen kann. Eine fundierte Diagnostik bei Erwachsenen besteht aus einer Kombination aus kognitiven Leistungstests, standardisierten Fragebögen und ausfĂŒhrlichen klinischen Interviews, die in LĂ€ndern wie Polen von Psychiatern und Psychologen geleitet werden.
Herausforderungen im Beruf und neue DiagnoseansÀtze
Im beruflichen Umfeld sehen sich Betroffene typischerweise mit ReizĂŒberflutung in GroĂraumbĂŒros, Schwierigkeiten beim Einhalten von Deadlines sowie starren ArbeitsablĂ€ufen konfrontiert. Entlastung bieten ergonomische und organisatorische Anpassungen, darunter gerĂ€uschunterdrĂŒckende Kopfhörer, strukturierte Ruhezonen, visuelle Hilfsmittel und digitale Terminplaner sowie Optionen fĂŒr Gleitzeit und mobiles Arbeiten.
Parallel zu etablierten psychologischen Erhebungsverfahren forscht die Medizin an objektiveren Nachweismethoden. In Mecklenburg-Vorpommern fördert das Bundesland ein Verbundprojekt der UniversitÀtsmedizin Greifswald und der MetaAIDiagnostic GmbH mit 1,35 Millionen Euro aus EFRE-Mitteln, um einen blutbasierten Biomarker-Test zu entwickeln.
FĂŒr die entsprechende klinische Validierungsstudie, die Anfang November 2026 startet und bis April 2029 angesetzt ist, sollen rund 320 Patientinnen und Patienten rekrutiert werden. Solche AnsĂ€tze könnten kĂŒnftig dazu beitragen, bestehende EngpĂ€sse in der spezialisierten Erwachsenenversorgung langfristig zu verringern.
