ADHS-Bluttest: Mecklenburg-Vorpommern fördert Projekt mit 1,35 Millionen Euro
Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 22:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn der Debatte über die neurobiologischen Ursachen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung zeichnet sich ein erweiterter Blickwinkel ab. Mohammad Dawood Rahimi, der an der Freien Universität Berlin Kognitive Neurowissenschaften studiert und eine Promotion in Neurobiologie plant, schlägt mit dem Konzept der „Energy Deficit Hyperactivity Disorder“ (EDHD) ein alternatives Erklärungsmodell vor. Anstelle eines reinen Aufmerksamkeitsdefizits interpretiert der Ansatz die Symptomatik als Folge einer instabilen Energieversorgung des Gehirns.
Ein Modell für veränderte neuronale Energieprozesse
Im Rahmen des EDHD-Modells wird Hyperaktivität nicht primär als Verhaltensauffälligkeit verstanden, sondern als körpereigene Kompensationsstrategie, mit der ein bestehender zellulärer Energiemangel ausgeglichen werden soll. Rahimi regt vor diesem Hintergrund eine vertiefte Untersuchung des zerebralen Glukosestoffwechsels sowie der Funktionsweise der Mitochondrien an.
Der Entwurf ist dabei als wissenschaftlicher Perspektivenwechsel konzipiert und dient nicht als Instrument für die klinische Diagnostik. Er reiht sich jedoch in Bestrebungen ein, die biologischen und physiologischen Mechanismen von ADHS über rein kognitive Konzepte hinaus zu erforschen.
Stoffwechsel und Biomarker als Gegenstand klinischer Vorhaben
Die Relevanz metabolischer Marker wird auch in anwendungsorientierten Projekten untersucht. Die Rostocker MetaAIDiagnostic GmbH und die Universitätsmedizin Greifswald unter der Leitung von Hans J. Grabe entwickeln ein blutbasiertes Testverfahren für die ADHS-Diagnostik.
Das Land Mecklenburg-Vorpommern unterstützt das Verbundvorhaben mit rund 1,35 Millionen Euro aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Davon entfallen 624.000 Euro auf das Unternehmen und 729.000 Euro auf die Universitätsmedizin, bei Gesamtausgaben von rund 1,7 Millionen Euro.
In dem Projekt analysiert MetaAIDiagnostic Stoffwechselprodukte im Blut mithilfe von Massenspektrometrie und künstlicher Intelligenz, während die Universitätsmedizin Greifswald rund 320 Patientinnen und Patienten rekrutiert. Die zugehörige klinische Studie ist für den Zeitraum vom 1. November 2026 bis April 2029 angesetzt.
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Bildgebung und Epigenetik vertiefen das neurobiologische Verständnis
Parallel dazu liefern internationale Studien vertiefte Einblicke in molekulare und neuronale Differenzierungen. In Melbourne zeigte die sogenannte NICAP-Studie anhand von 219 Speichelproben von 94 Kindern und Jugendlichen im Alter von 9,5 bis 14,5 Jahren, dass sich persistierende und remittierte Verläufe von ADHS anhand longitudinaler DNA-Methylierungsmuster unterscheiden lassen.
Während im Gesamtvergleich zu gesunden Kontrollgruppen nach statistischer Korrektur keine signifikanten Abweichungen bestanden, differenzierten vier spezifische CpG-Stellen zwischen persistierender und remittierter ADHS. Bei der Stelle cg21443143 (ZFAT) sank die Methylierung in der remittierten Gruppe über den Zeitverlauf signifikant.
Auf Ebene funktioneller Hirnnetzwerke identifizierte ein US-amerikanisches Forschungsteam um Yong Jiao und Jing Jiang von der University of Iowa mithilfe eines Deep-Learning-Frameworks namens DeCoDE spezifische Subtypen.
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Auf Basis von Ruhe-fMRT-Daten von 3.508 Kindern im Alter von 9 bis 11 Jahren aus der ABCD-Studie wurden zwei Dimensionen extrahiert: kognitive Kontrolle sowie Emotions- und Aufmerksamkeitsregulation.
Daraus leiteten die Forschenden drei reproduzierbare Biotypen ab, die sich auch in einer unabhängigen Kohorte von 224 gleichaltrigen Teilnehmenden des Healthy Brain Network bestätigten und Entwicklungsunterschiede in der grauen Substanz aufwiesen. Wie das EDHD-Modell sind auch diese Biotypen als reine Forschungswerkzeuge gedacht.
Die Bandbreite der Symptome geht dabei oft über die Kernkriterien hinaus: Laut einer Studie der Penn State University aus dem Jahr 2021 berichten zwischen 34 Prozent und 70 Prozent der Menschen mit ADHS über emotionale Dysregulation. Ansätze wie das Modell von Rahimi spiegeln den wissenschaftlichen Trend wider, diese vielschichtigen Erscheinungsformen über grundlegende physiologische Regelkreise neu zu betrachten.
