Krebspatienten, Ungeeignete

Ältere Krebspatienten: Ungeeignete Medikamente erhöhen Gebrechlichkeitsrisiko um 66 Prozent

Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 09:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine deutsche Reha-Studie zeigt weniger problematische Verordnungen nach strukturierter PrĂĽfung; Harvard-Forschende verknĂĽpfen sie mit Gebrechlichkeit.

Krebs im Alter: Medikationschecks senken ungeeignete Arzneien
Ein leerer Nachttisch mit einem Glas Wasser in einem sonnendurchfluteten, ruhigen Raum. Illustration mit AI erstellt.

Ältere Menschen mit einer Krebsdiagnose nehmen häufig eine Vielzahl von Medikamenten gleichzeitig ein – eine Konstellation, die Forscher zunehmend als eigenständiges Gesundheitsrisiko begreifen.

Eine Studie der Harvard Medical School kommt zu dem Ergebnis, dass rund 40 Prozent der älteren Krebspatientinnen und -patienten fünf oder mehr Medikamente einnehmen. Bereits bei der Diagnosestellung erhielten 38 Prozent mindestens ein potenziell ungeeignetes Medikament, im Fachjargon als PIM (potentially inappropriate medication) bezeichnet.

Häufige Problemwirkstoffe und Zusammenhang mit Gebrechlichkeit

Unter den am häufigsten verordneten potenziell ungeeigneten Medikamenten identifizierten die Harvard-Forschenden selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer mit 12 Prozent, gefolgt von Opioiden mit 10,4 Prozent sowie Benzodiazepinen und Kortikosteroiden mit jeweils 9,2 Prozent.

Besonders bemerkenswert ist der Zusammenhang mit dem körperlichen Zustand der Patienten: Jede zusätzliche PIM-Verordnung war der Studie zufolge mit einer um 66 Prozent erhöhten Wahrscheinlichkeit verbunden, bereits bei der Diagnose als gebrechlich eingestuft zu werden.

Dieser Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung von Alter, Tumorstadium und Begleiterkrankungen stabil. Um Ärztinnen und Ärzten eine bessere Einschätzung zu ermöglichen, stellten die Autorinnen und Autoren zudem eine neue Bewertungsskala vor, die sogenannte GO-PIM-Skala.

Interventionsstudie aus Deutschland liefert konkrete Zahlen

Während die Harvard-Daten das Ausmaß des Problems beschreiben, liefert eine randomisierte kontrollierte Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), die sogenannte OPTIMAL-Studie, Hinweise darauf, dass sich die Situation gezielt verbessern lässt.

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Die im Journal of Internal Medicine veröffentlichte Untersuchung umfasste 443 Patientinnen und Patienten ab 65 Jahren, die mindestens fünf Medikamente regelmäßig einnahmen, an zehn Reha-Kliniken in Deutschland. Das Durchschnittsalter lag bei 73 Jahren, rund zwei Drittel der Teilnehmenden waren Frauen, etwa die Hälfte war an Brustkrebs erkrankt.

Bei Aufnahme in die Reha wiesen zwei Drittel der Patientinnen und Patienten mindestens ein potenziell ungeeignetes Medikament auf, bei 58,9 Prozent bestand dafĂĽr keine erkennbare Indikation. Fast 95 Prozent waren zudem unterversorgt, etwa im Hinblick auf fehlende Impfungen.

Nach einer dreiwöchigen Reha-Phase mit strukturierter Medikationsüberprüfung anhand der sogenannten FORTA-Liste zeigte sich ein deutlicher Unterschied zwischen Interventions- und Standardgruppe: In der Interventionsgruppe lag der Anteil potenziell ungeeigneter Medikamente bei 29,9 Prozent gegenüber 70,8 Prozent in der Standardversorgung. Die Überversorgung sank auf 34,2 Prozent gegenüber 64,1 Prozent, die Unterversorgung auf 44,9 Prozent gegenüber 73,2 Prozent.

Die behandelnden Ärztinnen und Ärzte akzeptierten die vorgeschlagenen Anpassungen in hohem Maße: Umstellungen beziehungsweise das Absetzen von Medikamenten wurden zu jeweils rund 77 Prozent umgesetzt, neue Therapien zu 52,4 Prozent, empfohlene Impfungen zu 89,9 Prozent.

Am häufigsten abgesetzt wurden Protonenpumpenhemmer, mit einer Akzeptanzrate von 85,4 Prozent. Insgesamt wurden in der Review-Gruppe 337 fehlende Impfungen – gegen Influenza, Pneumokokken, COVID-19 und Herpes zoster – identifiziert und empfohlen. Als korrespondierender Autor der Studie fungierte Ben Schöttker vom Deutschen Krebsforschungszentrum.

Medikationsanalysen als mögliche Kassenleistung

Auch in Österreich wird die systematische Überprüfung von Medikamentenplänen diskutiert. Laut Angaben der MedUni Wien und der Apothekerkammer Österreich kann eine Medikationsanalyse unerwünschte Wirkungen durch Mehrfachmedikation um bis zu 70 Prozent vermindern, das subjektive Wohlbefinden sowie Gesundheitskompetenz und Therapietreue steigern und die Zahl der eingenommenen Präparate um 10 Prozent senken.

Die Apothekerkammer Österreich fordert deshalb, die Medikationsanalyse als Kassenleistung zu etablieren. Vizepräsident Raimund Podroschko bezeichnete sie als wichtige pharmazeutische Dienstleistung.

Sturzrisiko als zusätzlicher Faktor

Ergänzend weist die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) darauf hin, dass insbesondere in der kühleren Jahreszeit nasses Laub, Dunkelheit und Nässe das Sturzrisiko älterer Menschen erhöhen. Laut TraumaRegister DGU sind Stürze aus niedriger Höhe bei Menschen über 80 Jahren die häufigste Ursache schwerer Verletzungen.

Ein Cochrane-Review, dessen Literatursuche bis zum 2. Mai 2018 reichte, zeigte, dass mehrkomponentiges Training mit Balance- und Kraftanteilen die Sturzrate bei zu Hause lebenden älteren Menschen um 34 Prozent senken kann und die Zahl der Personen mit mindestens einem Sturz um 22 Prozent reduziert.

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Ein weiterer Cochrane-Review aus dem Jahr 2023 kam zu dem Ergebnis, dass die Beseitigung von Gefahrenquellen im Wohnumfeld Stürze bei Menschen mit erhöhtem Risiko um 38 Prozent senken kann. Die britische NICE-Leitlinie nennt den Medikationscheck als festen Bestandteil strukturierter Sturzprävention.

In diesem Zusammenhang wird auch die Rolle von Benzodiazepinen wie Valium oder Xanax diskutiert. Der Geriater Michael Steinman verweist darauf, dass diese Wirkstoffe bei älteren Menschen das Risiko für Stürze, Knochenbrüche, Verkehrsunfälle und kognitive Probleme erhöhen und ein Langzeitgebrauch zu Abhängigkeit führen kann.

Die Nutzung bei über 65-Jährigen ist seit 2015 zurückgegangen und stagniert zuletzt, während sie bei über 75-Jährigen gestiegen ist. Steinman verglich Medikamente in diesem Zusammenhang mit Seepocken – leicht zu starten, aber schwer wieder loszuwerden.

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