Ărztliche Koordination: Jeder FĂŒnfte hat keinen Hausarzt als Ansprechpartner
Veröffentlicht am: 19.09.2026 um 11:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die QualitÀt der medizinischen Versorgung in Deutschland steht vor erheblichen Herausforderungen, insbesondere an den Schnittstellen zwischen HausÀrzten, FachÀrzten und der Notfallmedizin. Aktuelle Daten aus dem August 2026 verdeutlichen eine zunehmende Fragmentierung der Behandlungspfade.
Eine Umfrage des Instituts forsa unter 1.017 Personen im Auftrag der KKH ergab, dass jeder fĂŒnfte Befragte keinen koordinierenden Arzt besitzt, der die gesamte Krankengeschichte ĂŒberblickt. Diese mangelnde Steuerung fĂŒhrt zu messbaren EffizienzeinbuĂen und Sicherheitsrisiken fĂŒr die Patienten.
Mangelnde Abstimmung in der Patientensteuerung
Die Analyse der VersorgungsrealitĂ€t zeigt deutliche Reibungsverluste. Demnach suchten 61 % der Versicherten innerhalb eines Zeitraums von drei Jahren mehr als einen Mediziner auf. Dabei berichteten 43 % der Betroffenen, ihre Krankengeschichte mehrfach erlĂ€utern zu mĂŒssen, wĂ€hrend 30 % den behandelnden Arzt als unzureichend informiert wahrnahmen.
Diese Defizite in der Informationsweitergabe haben klinische Konsequenzen: Jeder dritte Befragte erhielt widersprĂŒchliche Empfehlungen, und bei 16 % kam es zu unnötigen Doppeluntersuchungen. Zudem gaben 21 % der Patienten an, dass der nĂ€chste Behandlungsschritt nach einem Arztbesuch unklar geblieben sei.
In Fachkreisen wird diese Situation kritisch bewertet; so verwies der PrÀsident der BundesÀrztekammer, Reinhardt, auf den europÀischen Public Health Index, in dem Deutschland lediglich Platz 18 von 19 untersuchten Staaten belegt.
Gesetzgeberische Reaktionen und die geplante PrimÀrversorgung
Um die festgestellten Steuerungsdefizite zu beheben, plant das Bundesgesundheitsministerium (BMG) strukturelle Eingriffe. Laut Barbara Geiger, Abteilungsleiterin im BMG, soll bis Ende November ein Gesetzentwurf zur PrimÀrversorgung vorgelegt werden. Dieses System, das voraussichtlich im Jahr 2028 greifen soll, zielt auf eine stÀrkere hausÀrztliche Koordination ab.
Dass jeder fĂŒnfte Befragte keinen Arzt hat, der die gesamte Krankengeschichte ĂŒberblickt, zeigt: Ohne eigene Struktur gehen Befunde und Empfehlungen schnell verloren. Unser kostenloser Leitfaden zeigt Ihnen in drei Schritten, wie Sie mit Patientenordner, MedikationsĂŒbersicht und Zweitmeinungs-Checkliste den Ăberblick behalten. Kostenlosen Leitfaden jetzt anfordern
WĂ€hrend FachverbĂ€nde wie der Berufsverband Deutscher Internistinnen und Internisten (BDI) sowie GynĂ€kologen und Psychotherapeuten Ausnahmen fĂŒr den Direktzugang fordern, warnt die KassenĂ€rztliche Bundesvereinigung (KBV) davor, solche Regelungen in die HĂ€nde der Selbstverwaltung zu legen, da dies den Zeitplan gefĂ€hrden könne.
Parallel dazu hat das Bundeskabinett eine Reform der Notfallversorgung beschlossen. Kernpunkte sind die Vernetzung der Akutleitstellen (Rufnummern 112 und 116117) sowie der Aufbau Integrierter Notfallzentren an Kliniken, die eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung sicherstellen sollen. Kritiker aus der Politik und von Patientenschutzorganisationen bemÀngeln jedoch die Finanzierung dieser Strukturen.
Krisenvorsorge und wirtschaftliche Belastungsfaktoren der Praxen
Neben strukturellen Reformen rĂŒckt die Resilienz der ambulanten Strukturen in den Fokus. Daten des Zi-Praxis-Panels aus dem zweiten Quartal 2026 sowie Erhebungen des Zi-Congress Versorgungsforschung (September 2026) unterstreichen erhebliche Defizite in der Krisenvorsorge.
So verfĂŒgen 82 % der Praxen ĂŒber keinen Notfallplan fĂŒr StromausfĂ€lle, und 80 % sind nicht auf den Ausfall der Telekommunikation vorbereitet. Lediglich 10 % der Einrichtungen besitzen eine Notstromversorgung.
Erschwert wird die Situation durch den wirtschaftlichen Druck auf die Leistungserbringer. Ein umfassendes GKV-Sparpaket sieht ein Volumen von 18,8 Mrd. Euro vor. Dies umfasst unter anderem eine Erhöhung der Zuzahlung fĂŒr Medikamente von 5 auf 7,50 Euro sowie KĂŒrzungen im ambulanten Bereich in Höhe von 2,7 Mrd. Euro. KBV-Chef Gassen bezifferte die Einsparungen auf insgesamt rund 3 Mrd. Euro, was dem Gegenwert von etwa 46 Mio. BehandlungsfĂ€llen entspreche.
WidersprĂŒchliche Empfehlungen und unklare nĂ€chste Schritte belasten viele Patienten â besonders nach einem Arztwechsel. Dieser Leitfaden hilft Ihnen, Befunde und Medikamente so aufzubereiten, dass jeder neue Behandler sofort versteht, worum es geht. Vorlagen fĂŒr den Arztwechsel sichern
In der Folge kĂŒndigten 66 % der im Rahmen einer KVBB-Umfrage im FrĂŒhsommer befragten Praxen an, ihre Sprechstunden reduzieren zu wollen. Besonders betroffen von den Deckelungen der GesamtvergĂŒtung ab 2027 sind Fachbereiche wie die Psychotherapie, Radiologie, Augenheilkunde und die pĂ€diatrische Versorgung.
WĂ€hrend die Politik punktuelle Entlastungen, etwa bei den FixkostendegressionsabschlĂ€gen, in Aussicht stellt, fordern ĂrzteverbĂ€nde eine grundsĂ€tzliche Sicherung der wirtschaftlichen TragfĂ€higkeit, um die VersorgungsqualitĂ€t aufrechtzuerhalten.
