Airbus migriert 70 Apps von AWS: Flucht aus der US-Cloud
Veröffentlicht am: 18.07.2026 um 03:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Deutschlands Digitalminister Karsten Wildberger schlägt Alarm: Die europäische Infrastruktur hängt zu sehr an US-Konzernen.
In einem ARD-Auftritt am Freitagabend zeichnete der Minister ein düsteres Szenario. Sollten Anbieter wie Microsoft ihre Software-Updates einstellen, stünde Europa vor massiven Sicherheitslücken. Besonders im Bereich der Künstlichen Intelligenz sei die Abhängigkeit eklatant. Wildberger verwies darauf, dass bestimmte KI-Modelle – etwa von Anthropic – für europäische Nutzer bereits nicht mehr verfügbar seien. Seine Forderung: eine europäische Produktfamilie als echte Alternative zu den US-Softwaresuiten.
Europäische Tech-Souveränität: Fortschritt nur im Schneckentempo
Die Marktforscher von Forrester prognostizieren in ihrem aktuellen Global Sovereignty Forecast (2026–2030) einen zähen Weg zur digitalen Unabhängigkeit. Zwar steigen die Souveränitätswerte weltweit leicht – doch die Dominanz von China (82 Prozent) und den USA (79 Prozent) bleibt ungebrochen.
Die Zahlen fĂĽr Europa sind ernĂĽchternd:
- Deutschland: von 34 auf 36 Prozent bis 2030
- Frankreich: von 33 auf 35 Prozent
- GroĂźbritannien: 32 Prozent
- Italien: 29 Prozent
Auch das ambitionierte Ziel des European Chips Act – 20 Prozent der globalen Halbleiterproduktion bis 2030 – rückt in weite Ferne. Aktuelle Prognosen sehen die EU bei lediglich 11,3 Prozent.
EU-Paket gegen die Abhängigkeit
Die EU reagierte im Juli 2026 mit dem Tech Sovereignty Package. Das Maßnahmenbündel soll KI-Infrastruktur ausbauen, Cloud-Kapazitäten erhöhen und Lieferketten für Halbleiter diversifizieren. Der Hintergrund: Mehr als 80 Prozent aller digitalen Produkte in der EU stammen aus dem Ausland.
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Doch die Strategie hat einen Haken. Die geplanten „Beschleunigungszonen" für Rechenzentren könnten vor allem US-Anbietern nützen. Microsoft führt die Projektpipeline mit 14 Vorhaben an, Google folgt mit neun. Auch die US-Colocation-Firmen Digital Realty und Equinix sind stark vertreten.
Die Nationalstaaten ziehen nach: Deutschland hat ĂĽber 20 Milliarden Euro in verschiedene Technologiesektoren gesteckt, Frankreich rund 5,3 Milliarden Euro fĂĽr heimische Digitalwerkzeuge bereitgestellt.
Airbus macht den ersten Schritt – und die Debatte um „Sovereignty Whitewashing"
Ein prominentes Beispiel für den Umzug aus der US-Cloud: Airbus migriert 70 kritische Anwendungen – darunter ERP-, CRM- und Produktlebenszyklus-Management – von Amazon Web Services (AWS) zum französischen Anbieter Scaleway. Treiber der Entscheidung war offenbar der US Cloud Act, der amerikanischen Behörden Zugriff auf Daten gewährt. Ganz ohne AWS kommt Airbus aber nicht aus: Für bestimmte Management-Plattformen bleibt man beim US-Riesen.
Der Druck für heimische KI-Lösungen kommt auch von der Kostenseite. Branchenberichten zufolge sind chinesische KI-Modelle wie DeepSeek deutlich günstiger als US-Alternativen wie Anthropic Opus.
Der Stanford HAI Report vom Juli 2026 prägt dafür den Begriff „Sovereignty Whitewashing": Viele als „souverän" vermarktete Lösungen von US-Techriesen beseitigen die Abhängigkeit nicht, sondern gestalten sie nur um. Der G7-Gipfel im Juli 2026 unterstrich das Dilemma: Die Anwesenheit führender US- und britischer KI-Manager zeigte, wie schwer ein wirklich unabhängiges europäisches KI-Ökosystem zu realisieren ist.
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Stimmungswandel in der deutschen IT
Trotz aller strukturellen Hürden: Die Bereitschaft für europäische Lösungen wächst. Eine aktuelle Studie von Myra Security zeigt einen dramatischen Stimmungsumschwung unter deutschen IT-Entscheidern. Nur noch 4,6 Prozent schließen die Einführung europäischer Software kategorisch aus – im Vorjahr waren es noch 47,7 Prozent.
87,5 Prozent der Befragten befürworten den Einsatz europäischer Digitalprodukte. Und mehr als die Hälfte hält das Ziel der digitalen Unabhängigkeit bis 2035 für realistisch. Ob die Politik dieses Momentum nutzen kann, wird sich in den kommenden Jahren entscheiden.
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