Akupunktur: WHO erfasst 361 Punkte, doch das belegt nicht pauschal ihre Wirkung
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 15:01 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Akupunktur blickt auf eine mehr als 4000-jährige Anwendungsgeschichte zurück und bildet eine zentrale Säule der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Die Praxis basiert auf einem System von Leitbahnen und definierten Reizpunkten.
Während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 361 klassische Akupunkturpunkte über standardisierte Bezeichnungen erfasst hat, unterstreichen Fachleute, dass diese rein nomenklatorische Vereinheitlichung keinen pauschalen Wirksamkeitsbeleg für alle denkbaren Krankheitsbilder darstellt. In der medizinischen Praxis verbleiben gesetzte Nadeln üblicherweise für etwa 20 bis 40 Minuten im Gewebe.
Die WHO empfiehlt das Verfahren insbesondere zur Behandlung von Schmerzerkrankungen. In Deutschland übernehmen gesetzliche Krankenkassen die Kosten bei chronischen Rückenschmerzen sowie bei Kniearthrose; private Krankenversicherungen erstatten Behandlungen im Rahmen der Schmerztherapie.
Spezifische Punkte und traditionelle Indikationen
Im Ausbildungswesen der TCM, etwa in Lernmaterialien für Assistenzärzte, werden rund 70 primäre Prüfungspunkte differenziert. Zu den anatomisch und funktionell bedeutsamen Punkten zählen:
- San Yin Jiao: Als Treffpunkt der drei Yin-Meridiane wird dieser Punkt traditionell bei Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts, urologischen Beschwerden, gynäkologischen und psychischen Leiden sowie Hautkrankheiten herangezogen. In der Schwangerschaft gilt seine Nadelung als absolut kontraindiziert.
- Zu San Li: Der Magen-He-Punkt gilt als wichtiger Gesundheitspunkt und wird bei Magen-Darm-Erkrankungen, Erschöpfungszuständen und Beinlähmungen adressiert.
- Tian Shu: Der Dickdarm-Mu-Punkt dient traditionell der Behandlung von Bauchschmerzen im Nabelbereich, Obstipation, Diarrhö, Ruhr und Menstruationsstörungen.
- Shen Men: Als Shu- und Yuan-Punkt des Herzmeridians findet er Anwendung bei Herzschmerzen, innerer Unruhe, Schlaflosigkeit und Vergesslichkeit.
- Feng Long und Zhi Gou: Feng Long fungiert als wichtiger Punkt bei Schleimsymptomatiken wie Husten mit Auswurf, Schwindel oder Kopfschmerzen, während Zhi Gou als spezifischer Erfahrungspunkt bei Verstopfung genutzt wird.
- CV1 (Huiyin): Der Anfangspunkt des Ren Mai liegt im Dammbereich zwischen After und äußeren Geschlechtsorganen. TCM-Konzepte betrachten ihn als Kreuzungspunkt von Ren Mai, Du Mai und Chong Mai bei Beckenboden-, Harnwegs- und Rektumstörungen. Aufgrund der anatomischen Lage erfordert ein invasiver Einstich besondere Hygiene; eine randomisierte chinesische Untersuchung aus dem Jahr 2023 mit 64 Probanden berichtete über günstige Resultate bei schwerer funktioneller Verstopfung.
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Klinische Studienlage und Sicherheitsaspekte
Das US-amerikanische National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH) weist darauf hin, dass Studienergebnisse zur Akupunktur je nach untersuchtem Schmerzsyndrom und gewählter Kontrollmethode stark variieren. Zudem gelten die zugrundeliegenden physiologischen Wirkmechanismen als noch nicht vollständig entschlüsselt. Das NCCIH benennt Infektionen und Gewebeschäden als Risiken einer unsachgemäßen Nadelung.
Auch Patienteninformationen des Memorial Sloan Kettering Cancer Center betonen, dass Verfahren wie der gezielte Fingerdruck auf Akupunkturpunkte lediglich eine ergänzende Maßnahme darstellen und verordnete Therapien nicht ersetzen.
Lokale Kontraindikationen umfassen Hautrötungen, Schwellungen, offene Wunden oder Ausschläge. Bei Schwangerschaft, Gerinnungsstörungen oder der Einnahme gerinnungshemmender Medikamente ist eine vorherige ärztliche Abklärung unerlässlich.
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Parallel untersuchen klinische Arbeiten spezifische Einsatzbereiche: Eine im Journal of Cancer Research and Clinical Oncology erschienene Netzwerk-Metaanalyse von 49 randomisierten Studien mit 1766 Patienten zeigte Vorteile kombinierter TCM-Außentherapien bei krebstherapiebedingter Fatigue.
Eine weitere kontrollierte Studie mit 95 Patienten belegte funktionelle Verbesserungen durch Elektroakupunktur bei akuten Außenbanddistorsionen des Sprunggelenks. Zugleich verdeutlichen Übersichten zu Schmerzerkrankungen wie Migräne methodische Herausforderungen der Forschung, da Sham-Verfahren als Scheinbehandlung mitunter Placeboeffekte von bis zu 35 Prozent aufweisen können.
