Akute, Schmerzen

Akute Schmerzen: Warum frĂŒhe Behandlung ein SchmerzgedĂ€chtnis verhindern kann

Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 08:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Viele Betroffene erhalten keine ausreichende Linderung; Fachleute betonen multimodale Therapien und die Bedeutung frĂŒher Erkennung.
Nahaufnahme einer leuchtenden Nervenbahn vor einem dunklen, unscharfen Hintergrund als Symbol fĂŒr neurologische Prozesse. Illustration mit AI erstellt.

Unbehandelte oder unzureichend versorgte akute Schmerzen bergen erhebliche Risiken fĂŒr den Organismus: Mediziner weisen anlĂ€sslich des Welttags des Schmerzes darauf hin, dass akute Reize ein SchmerzgedĂ€chtnis ausbilden und in dauerhafte neuropathische Schmerzsyndrome ĂŒbergehen können. Bleibt eine frĂŒhzeitige Intervention aus, droht eine Chronifizierung, die das Nervensystem nachhaltig verĂ€ndert und therapeutisch schwer zugĂ€nglich macht.

Globale Erhebungen zur postoperativen SchmerzprĂ€valenz aus dem Jahr 2023 verdeutlichen das Ausmaß akuter SchmerzzustĂ€nde nach Eingriffen: In der plastischen Chirurgie litten 73,1 % der Patienten darunter, in der Thoraxchirurgie 62,9 %, im Bereich des Abdomens 62,0 % sowie in der OrthopĂ€die 54,1 %.

Hohe HĂŒrden bei Diagnose und medikamentöser Linderung

Neuropathischer Schmerz beruht auf einer SchĂ€digung oder Erkrankung des somatosensorischen Nervensystems. Typische Symptome umfassen Brennen, stechende Reize, TaubheitsgefĂŒhle oder Allodynie, bei der bereits leichte BerĂŒhrungen Schmerzen auslösen.

Nach SchÀtzungen der International Association for the Study of Pain (IASP), die 2026 zum weltweiten Jahr des neuropathischen Schmerzes erklÀrt hat, sind weltweit 7 bis 10 % der Bevölkerung von dieser Form betroffen.

Fachgesellschaften weisen auf erhebliche VersorgungslĂŒcken hin. Nach Angaben der Sociedad Española de NeurologĂ­a (SEN) weisen ĂŒber 60 % der chronischen Schmerzpatienten eine neuropathische Komponente auf.

Gleichzeitig erreichen mit den derzeit verfĂŒgbaren Medikamenten weniger als 60 % der Betroffenen eine ausreichende Linderung. Zudem verzögert sich hĂ€ufig die Feststellung des Krankheitsbildes: Laut Dr. Montserrat GonzĂĄlez Platas von der SEN mĂŒssen bis zu sechs von zehn Betroffenen zwei Jahre oder lĂ€nger auf die Diagnose warten.

In Spanien sind nach SEN-Angaben ĂŒber 3 Millionen Menschen von neuropathischen Schmerzen betroffen, bei rund 400.000 Neudiagnosen pro Jahr. Die Erkrankung tritt gehĂ€uft ab einem Alter von 55 Jahren sowie bei Frauen auf. Rund 50 % der Konsultationen in Hausarztpraxen stehen im Zusammenhang mit Schmerzen; bis zu 25 % davon weisen einen neuropathischen Hintergrund auf.

Belastungen des Alltags und systemische Faktoren

Die Auswirkungen auf den Alltag sind weitreichend. Nach Angaben der SEN berichten 85 % der Betroffenen in Spanien ĂŒber deutliche Einbußen ihrer LebensqualitĂ€t.

Rund 60 % leiden unter Schlafstörungen, etwa 40 % unter chronischer Fatigue, 34 % unter Depressionen und 25 % unter AngstzustĂ€nden. Zudem mussten 65 % ihre AlltagsaktivitĂ€ten einschrĂ€nken, wĂ€hrend 40 % bereits seit ĂŒber fĂŒnf Jahren mit den Schmerzen leben.

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Eine in der Fachzeitschrift Nature Medicine veröffentlichte Untersuchung mit Daten von 6,1 Millionen Menschen aus 118 LĂ€ndern zeigt, dass SchmerzprĂ€valenzen je nach Region zwischen rund 2 % bei Gesichtsschmerzen und 40 % bei RĂŒckenschmerzen variieren. Frauen waren in allen elf untersuchten Körperregionen hĂ€ufiger betroffen, wobei der Anstieg vor dem 55. Lebensjahr besonders steil verlief.

Zudem ließen sich weltweit 18,3 % der Schmerzlast auf Tabakkonsum, Adipositas und ein niedriges Einkommen zurĂŒckfĂŒhren. Salvador Rivera von Adium CentroamĂ©rica y el Caribe betonte, dass Adipositas das Risiko fĂŒr Knieschmerzen infolge von Osteoarthritis um das Drei- bis Vierfache erhöhen kann.

Multimodale AnsÀtze und interventionelle Verfahren

Chronischer Schmerz wird ab einer Dauer von mehr als drei Monaten definiert und von der Weltgesundheitsorganisation als eigenstĂ€ndige Krankheit anerkannt. DrÂȘ ThaĂ­s Martins, FachĂ€rztin fĂŒr interventionelle Schmerzmedizin, warnt davor, dauerhafte Schmerzen als normal anzusehen.

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Warnsignale seien wiederkehrende Beschwerden, ein stĂ€ndiger Schmerzmittelbedarf sowie BeeintrĂ€chtigungen beim Gehen, Schlafen oder Arbeiten. Zur Behandlung stehen unter anderem Nervenblockaden, Infiltrationen, Radiofrequenztherapien, Stoßwellen sowie Verfahren der Neuromodulation am RĂŒckenmark oder Dorsalwurzelganglion zur VerfĂŒgung.

FĂŒr den Einsatz von Medizinalcannabis mit THC und CBD gebe es bei spezifischen neuropathischen Schmerzen eine Evidenz fĂŒr moderaten Nutzen, wobei Nebenwirkungen wie Schwindel auftreten können.

In Österreich leben laut der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) rund 1,8 Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen. ÖSG-PrĂ€sident Richard Crevenna fordert einen flĂ€chendeckenden Ausbau interdisziplinĂ€rer und multimodaler Schmerzzentren.

Ein erfolgreiches Schmerzmanagement mĂŒsse ĂŒber die reine Schmerzskala hinausgehen und Aspekte wie Beweglichkeit, SelbststĂ€ndigkeit, SchlafqualitĂ€t und die gesellschaftliche Teilhabe einbeziehen. DafĂŒr sei eine Kombination aus medikamentöser Therapie, physikalischer Medizin, Bewegungstraining und psychologischen Verfahren erforderlich.

Auch Bilena Molina, PrĂ€sidentin der AsociaciĂłn Colombiana de Cuidados Paliativos, unterstreicht, dass das therapeutische Ziel primĂ€r in der Wiederherstellung der FunktionalitĂ€t und der LebensqualitĂ€t liegen mĂŒsse.

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